Das Volk schaut düster drein

Slowakei/Österreich Die Hoffnung auf mehr partnerschaftliches Verständnis bleibt für die Kindeskinder reserviert

Als den zwei Redakteurinnen der slowakischen feministischen Zeitschrift Aspekt die Brüsseler EU-Gigantomanie von Innen gezeigt wird, brechen sie in Gelächter aus: "Dieses Chaos ist genau wie bei uns. Wenn das die EU ist, dann hätten wir schon längst dazu gehören sollen." Eine Identifikation mit Brüssel, die in Bratislava selten anzutreffen ist - und sie ist nur über das Bekannte möglich.

Denn statt einer EU-Euphorie, statt des Drängens in ein Europa, worunter Westeuropa reflexartig sich selbst versteht, überwiegt in der Slowakei Skepsis vor dem Neuen und das seit Jahrhunderten bewährte politische Misstrauen. "Erst seit elf Jahren können wir in der Slowakei selbst bestimmen wie noch nie in unserer Geschichte. Nun befürchten wir, dass das EU-Diktat uns Regeln aufzwingt, die uns schädigen werden. Im Sozialismus kamen die Befehle aus Prag oder Moskau, jetzt soll uns Brüssel kommandieren. Angeblich entsprechen unsere Agrarprodukte nicht den EU-Standards. Werden wir für die Kinder teure holländische Joghurts kaufen müssen?" grollt eine 41-jährige Übersetzerin aus Bratislava. "Zurück können wir nicht, wir müssen nach vorne", beißt eine 83-jährige ehemalige Fremdenführerin entschlossen die Lippen zusammen. "Uns bleibt nur die Wahl zwischen schlecht und noch schlechter." Das klingt wie eine Weisheit aus einem slowakischen Märchen, in dem der Held Janko an einer Gabelung den schlechten Weg nimmt, da der andere noch schlechter ist. Das gehört zum Allgemeingut, ob bei alt oder jung - einen guten Weg kennt die Volksseele schlicht nicht.

"Ein gemeinsames Europa ist zwar eine schöne Idee, aber war nicht die kommunistische Idee auch schön? Und was ist daraus geworden?" fragt eine erst 22-jährige Studentin aus der Ostslowakei. Für sie sei schon Bratislava, wo sie Filmwissenschaft studiert, westlich fremd, wie soll man da erst mit dem noch ferneren Westen auskommen? "Die EU will uns höchstens als billige Arbeitskräfte. Wir sind schon die neuen Sklaven, müssen uns bei den Westeuropäern für einen Drittel ihrer Gehälter verdingen wie unsere Vorfahren, die im 19. Jahrhundert in den Minen in Amerika schufteten. Meine Freundinnen putzen als Hausangestellte die Hintern der westlichen Säuglinge und gebrechlicher Greise. Dafür sind wir wohl gut genug. Soll ich mich für solch ein Europa begeistern?"

Die zornige junge Frau spricht für viele, und doch kann das Sozialgefälle zwischen West und Ost für sie auch Vorteile haben - vom dem in zwei Monaten im Westen verdienten Geld kann man in der Slowakei den Rest des Jahres leben.

"Österreich muss es ausbaden - wir sind das Transitland"

In Wien sieht ein 55-jähriger Kleinunternehmer voraus, wie sich mittelosteuropäische Horden auf die Arbeitsplätze stürzen, die Gehälter nach unten ziehen und "alles klauen", was im prunkvollen Wien nicht nagelfest ist. Vor seinem nicht allzu geistigen Auge rollt eine Autokolonne von Barbaren westwärts - eine Abwandlung des mittelalterlichen Türkeneinfalls? Der Wiener, der gern von Franz Joseph I. als von "unserem Kaiser" schwärmt, sieht sein Land als erstes Opfer. Die Idee des Teilens - der Solidarität mit den Slowaken als den nächsten östlichen Nachbarn - liegt ihm fern, er wehrt nur ab, als zertrampelten schon die Füße einer bevorstehenden Völkerwanderung seine bescheidene Existenz. "Österreich muss es ausbaden, wir sind das Transitland."

In der Tat ist die Wald- und Wiesenstraße zwischen Wien und Bratislava für die Öffnung nicht vorbereitet. Auf den knapp 60 Kilometern gibt es gefährliche Überholmanöver, man rast, wohl um die Ost-West-Spaltung möglichst schnell zu überwinden. "Die Ungarn sind uns am nächsten, wir kennen uns von der k.u.k. Monarchie her, auch die Bahnverbindung und die Straße von Wien nach Budapest sind gut", meint der Kleinunternehmer und tut so, als wäre die k.u.k. Monarchie, aus der er sein Selbstbewusstsein bezieht, ein Bund von Gleichberechtigten gewesen. Er verschweigt, dass die vielen anderen Nationalitäten die Habsburger Monarchie "Gefängnis der Völker" nannten, und die Slowaken darin zusätzlich von den Ungarn unterdrückt wurden. "Das einzig Positive an der Ost-Erweiterung", fährt der Kleinunternehmer fort, gleichsam als Stimme des Volkes, "besteht darin, dass die EU-Grenze nach Osten verschoben wird, wodurch die Flüchtlinge aus den ehemals sowjetischen Republiken und der dritten Welt in den neuen EU-Ländern landen werden, wo sie dann bleiben müssen."

Eine Mitorganisatorin der größten österreichischen Literaturveranstaltung Literatur im März empört sich über die Haltung ihres Landsmannes: "Ich habe jahrelang im Ausland gelebt, wurde dort gut behandelt, nun wünsche ich, dass sich alle in Österreich wohl fühlen, egal, woher sie kommen." Sie lacht zuversichtlich, eine rare, unbefangene Befürworterin des neuen Europas. Im nahen Bratislava war sie zwar noch nie, dafür kennt sie die prominenten und eloquenten Vertreter der ostmitteleuropäischen Länder - zum diesjährigen 25. Literarischen März wurden auch der ungarisch-jüdische Schriftsteller György Konrad und die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulic´ nach Wien geladen. Die beiden Mittler zwischen den Kulturen leben inzwischen in westlichen Metropolen und wissen, wie und mit welchem Maß an Verdaulichkeit sich der Osten dem Westen zu präsentieren hat. Der Wiener Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny, der die vier Tage voller Lesungen und Podien zum Thema "Reich oder arm" eröffnet, nennt die Ost-Erweiterung begeistert "Friedensarbeit". In der vollbesetzten Kunsthalle klatscht man dazu gerade so viel, wie es sich für Kulturbeflissene gehört.

"In Österreich liegt der Durchschnittslohn bei 15 Euro, in der Slowakei bei vier"

Auch einige slowakische Politiker heben überschwänglich die Vorteile des EU-Beitritts hervor, während das Volk düster dreinschaut, es traut der Obrigkeit schon aus Prinzip nicht. "Sie versprechen uns, dass westliche Investoren kommen, die Slowakei soll zum Zentrum der Automobilindustrie werden. Wir sind ja im Herzen Europas", hofft nicht so ganz überzeugt ein Rentner, und eine 41-jährige Germanistin denkt weiter: "Eine EU-Begeisterte bin ich natürlich nicht. Die besten Fachkräfte werden abwandern - zurückbleiben wird nur das Mittelmaß. Und wenn später dann Rumänien und die Ukraine zur EU stoßen, packen die Investoren ihre Siebensachen und gehen dorthin, wo die Arbeitskraft noch billiger ist."

Auf beiden Seiten der am 1. Mai wegfallenden Trennlinie verstärken sich Vorurteile, wenn auch keine große Tragödie heraufbeschworen wird. "Was wird kommen? Wir wissen es nicht so recht", ist die Grundstimmung. Wien befürchtet eine Überflutung, als würde die trübe Donau über die Ufer treten - in Bratislava erwartet man grimmig eine neue Herrschaft und macht sich wieder einmal auf schwere Zeiten gefasst. Eine 54-jährige Buchhalterin aus Bratislava rechnet aus Gewohnheit: "Wenn der Euro eingeführt wird, wird alles noch teurer, hoffentlich geschieht es erst 2010. In Österreich liegt der Durchschnittslohn bei 15 Euro pro Stunde, in der Slowakei bei vier, in Tschechien bei fünf, in Litauen bei nicht einmal drei Euro. Wie soll man da miteinander leben können? Ich und meine Kinder werden aus der an sich fabelhaften Idee des vereinten Europa keinen Nutzen ziehen. Doch für meine Enkelin wird es selbstverständlich sein."

Die Autorin stammt aus der Slowakei und lebt als Publizistin in Basel. Ihre Texte aus Mittel- und Osteuropa sind in ihrem neuen Buch Die Sammlerin der Seelen, Unterwegs in meinem Europa sind 2003 beim Aufbau-Verlag erschienen.


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Der Euro im EU-Neuland

Mit dem EU-Beitritt von zehn Staaten am 1. Mai wird die Euro-Zone zunächst nicht ausgedehnt. Auch die Neu-Mitglieder haben vor einer Einführung des Euro die Kriterien zu erfüllen, wie sie im Vertrag von Maastricht über eine Wirtschafts- und Währungsunion festgelegt sind. Das heißt, sie müssen eine funktionierende Marktwirtschaft nachweisen, am europäischen Binnenmarkt teilnehmen sowie dem EU-Stabilitätspakt gerecht werden, sprich: ein jährliches Budgetdefizit von weniger als drei Prozent, eine Gesamtverschuldung des Staates von weniger als 60 Prozent des Bruttosozialproduktes (BSP) sowie eine Inflationsrate in Nähe des EU-Durchschnitts (+/- 0,5 Prozent) vorweisen. Nach diesen Vorgaben wird damit gerechnet, dass Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Estland frühestens 2010 die nationalen Währungen zugunsten des Euro aufgeben werden - die anderen Neumitglieder später.

00:00 23.04.2004

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