Das wahre Schweigen

Taschenbücher Dass die Araber kulturell für Europa einmal eine Rolle gespielt haben, wie heute die USA, gerät seit dem 11. September auch immer mehr in ...

Dass die Araber kulturell für Europa einmal eine Rolle gespielt haben, wie heute die USA, gerät seit dem 11. September auch immer mehr in Vergessenheit. Zwar ging es um keine "uneingeschränkte Solidarität", die das christliche Abendland mit dem muslimischen Orient verband, aber vor allem arabische Wissenschaftler haben maßgeblich Jahrhunderte lang das europäische Denken beeinflusst. Ähnlich Prägendes gilt für den Handel, der bis zur Wende des ersten Jahrtausends Ähnlichkeit mit dem Kolonialhandel des 19. Jahrhunderts hatte, wobei Europa dabei die Funktion der Kolonie einnahm und die Araber die des Kolonialherrn. Der Westen importierte damals aus der arabischen Welt vor allem Verbrauchsgüter, während Rohstoffe und Sklaven exportiert wurden. Aus dieser Zeit stammt auch das Wort "Sklave", das in vielen europäischen Sprachen von "Slawe" abgeleitet ist, die bis zu ihrer Christianisierung als Arbeitskräfte an die Araber verkauft wurden.
Nachzulesen kann man das in dem kleinen, empfehlenswerten Buch Der Einfluss des Islam auf das europäische Mittelalter, das der englische Orientalist W. Montgomery Watt als Vorlesungen für das College de France geschrieben hat. Hier erfährt man außerdem, wie dieser arabische Einfluss auf das Abendland propagandistisch in der Folge der Reconquista (der Rückeroberung Spaniens durch die Christen) bis heute heruntergespielt wird. Ebenfalls Propaganda aus jener Zeit ist die Auffassung, die Araber hätten ihre Religion gewaltsam mit dem Schwert verbreitet. Die arabischen Eroberungen sind politische Expansionen gewesen und die Mitglieder der "Schwesterreligionen" waren zwar Menschen zweiter Klasse, aber sie wurden nicht zur Konvertierung gezwungen. Diese Arbeit übernahmen die Prediger und der soziale Druck. Es war nicht die Gewalt, sondern die Toleranz, die im arabisch regierten Spanien Muslimen, Christen und Juden eine gemeinsame Identität gab.
Dies meint auch der libanesische, in England lehrende Historiker Albert Hourani in seiner Geschichte der arabischen Völker. Sein Buch hat nicht den thematischen Anspruch, den Watt bereits im Titel führt. Houranis chronologisch aufgebaute Beschreibung versucht die Geschichte der Araber, ihrer Kultur und ihrer Religion von den Auseinandersetzungen um Mohammeds Nachfolge bis zum Nahostkonflikt der Gegenwart nachzuzeichnen. Ein wichtiger Bereich ist für ihn dabei die institutionelle Entwicklung in dem Riesenreich, das zeitweise von Spanien bis Indien reichte. So entstanden unter den Mameluken (1215-1517) die ersten Gerichte, die "Qadis", deren Bezeichnung sich bis heute im Deutschen als "Khadi" ("vor den Khadi zerren") erhalten hat. Wer aber keine 600 Seiten lesen will, kann das Buch mit seinem ausführlichen Register auch als Nachschlagewerk benutzen.
Die islamische Gesellschaftsordnung, schreibt Albert Hourani, beruht auf den größeren Rechten und der übergeordneten Macht der Männer. Und das, obwohl im Koran Männer und Frauen ausdrücklich als gleichberechtigt anerkannt werden. Die Frage der Gleichberechtigung ist daher so wenig wie im Christentum eine Frage der Religion, sondern der Gesellschaft. Für Ghada Samman, die libanesische Autorin, ist dieser Kampf in den arabischen Gesellschaft ein Kampf beider Geschlechter. In den Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens, in denen es keine einzige funktionierende Demokratie gibt, sei der Mann ebenfalls rechtlos. "Die Frau", sagt sie, "kann in der arabischen Heimat keinen Bissen vom Brot der Freiheit bekommen, solange der Mann hungert."
Die Fernsehjournalistin Jutta Szostak und der Schriftsteller Suleman Taufiq haben in ihrem Buch Der wahre Schleier ist das Schweigen, dem dieses Zitat entnommen ist, 17 arabische Autorinnen porträtiert und mit jeweils einem eigenen Text vorgestellt. Auffällig häufig wehren sich diese Frauen gegen westliche Forderungen an sie und die arabische Frauenbewegung. Stattdessen die Forderung, der Kampf um Gleichberechtigung müsse die Situation in den einzelnen Ländern berücksichtigen. Fatema Mernissi, eine marokkanische Soziologin, kritisiert die westliche Fixierung auf den Schleier. Ein Verbot des Schleiers in den öffentlichen Schulen in Marokko wäre beispielsweise völlig falsch, weil damit viele marokkanische Väter ihre Töchter einfach nicht mehr in die Schule lassen würden. Dass aber bedeute, dass ihnen der Zugang zu Bildung und damit zu dem wichtigsten ersten Schritt aus der Unterdrückung verwehrt würde.
In Marokko hat sich diesbezüglich in den letzten Jahren einiges verbessert. Immer mehr Mädchen gehen zur Schule und immer mehr Frauen zur Arbeit. Doch in anderen Ländern wurde die Situation wieder verschlechtert. So berichtet die libanesische Schriftstellerin Emily Nasrallah, dass Frauen hier inzwischen wieder eine Bescheinigung ihres Mannes brauchen, damit sie ins Ausland reisen dürfen. Dies war in den siebziger Jahren abgeschafft worden.
Die Situation der Frauen steht zwar im Vordergrund aller Texte des Buches und die meisten Fragen der Herausgeber drehen sich um dieses Thema, trotzdem wollen viele Autorinnen für ihre Bücher nicht die Bezeichnung "Frauenliteratur" gelten lassen. Dies liegt auch daran, wie Ghada Samman erklärt, dass der Begriff "feministische Literatur" im Orient eine andere Bedeutung hat als im Westen. "Der Begriff Frauenliteratur wird in der arabischen Welt dazu benutzt zu zeigen, dass die Literatur von Frauen eine ›geringere literarische Qualität‹ hat als die ›Literatur des männlichen Teils der Sippe‹." Samman sieht sich deshalb in erster Linie als Schriftstellerin und erst in zweiter Linie als Frau. Als Frau könne sie nicht von vornherein die Gefühle und das Leben von Frauen besser schildern als ein Mann. "Niemand kann mich davon überzeugen, dass zum Beispiel der große Schriftsteller Flaubert in seinem Roman Madame Bovary die Gefühle der Frau weniger versteht als François Sagan. Auf der anderen Seite können Marguerite Yourcenar und Marguerite Duras männliche Helden viel besser beschreiben als manche talentierte Männer."
Die Überraschung bei der Lektüre von Das wahre Schweigen ist der Schleier und den Büchern von Montgomery Watt und Albert Hourani sind jedoch nicht die einzelnen Fakten, die man hinzulernt, sondern vor allem die Vermittlung des Gefühls, dass man so vieles über den Islam und die arabische Welt nicht weiß (und das noch viel nachzuholen ist). Ein zentrales Problem der Informationsgesellschaft wird damit deutlich: Sie suggeriert den Menschen, mit ihrer Vernetzung, mit ihrem Zugang zu Unmengen an Informationen bereits alles zu wissen. Eine zeitgemäße Aufklärung müsste deshalb mit einer ungewöhnlichen Erkenntnis beginnen: der von der eigenen Dummheit.

W. Montgomery Watt: Der Einfluss des Islam auf das europäische Mittelalter, Wagenbach Taschenbuch, Berlin 2001, 125 S., 9,90 EUR


Albert Hourani: Die Geschichte der arabischen Völker. Von den Anfängen des Islam bis zum Nahostkonflikt unserer Tage, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2001, 636 S., 13,90 EUR


Jutta Szostak/Suleman Taufiq: Der wahre Schleier ist das Schweigen. Arabische Autorinnen melden sich zu Wort, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2001, 255 S., 8,90 EUR

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00:00 03.05.2002

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