Das war der Deal

Kohle Nostalgisch wurde bei der Schließung der Zeche in Bottrop an die Hochzeit der Kumpel erinnert. Es war auch die Ära der Hausfrauen

Einen Großteil meiner Kindheit habe ich in Bottrop verbracht. Die Kohle kenne ich vor allem aus Geschichten meiner Großmutter über die Wäsche. Denn die wurde früher durch den Ruß in der Luft oft grau oder schwarz, wenn sie zum Trocknen draußen hing – bis in die 1970er Jahre. Wie in vielen Familien gab es auch in meiner Mitglieder, die hierherkamen, weil es auf den Zechen Arbeit gab, aber das ist lange her. Die Arbeitsverhältnisse haben sich im Ruhrgebiet längst gewandelt. Ende der 1950er Jahre haben hier noch 600.000 Menschen im Bergbau gearbeitet. Zuletzt nur noch wenige tausend. In den Wochen und Tagen vor der Schließung der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop ist viel von Zusammenhalt, Solidarität und harter körperlicher Arbeit die Rede. Das Steigerlied läuft im Radio, Kumpel sind auf den Titelseiten. Es wird eine Welt heraufbeschworen, die es so nicht mehr gibt. Nicht nur die Arbeitswelt der Kumpel gehört der Vergangenheit an – auch die der Frauen unterlag einem Wandel.

Wenn der jetzt zu Hause ist ...

Die letzten Bergmänner können mit 49 Jahren in den Vorruhestand gehen, wenn sie mehr als 20 Jahre im Bergbau beschäftigt waren. Einer von ihnen ist Mario Lotsch. Die Bewerbung bei Prosper-Haniel war 1985 die einzige, die er geschrieben hat. Er würde alles wieder so machen. „Als Bergmann wird man geboren und als Bergmann stirbt man“, sagt er. Mehr als 30 Jahre hat er unter Tage gearbeitet, viele davon als Sprengbeauftragter. Er hat, wie seine Frau Eva sagt, Knochen dort gelassen. Während der letzten Zeit auf der Zeche hatte er eine Uhr am Computer, die rückwärtslief, bis zu seinem letzten Arbeitstag. Der war im November 2017. Eva Lotsch hat ihn unter Tage abgeholt, als Überraschung. „Ich dachte: Wenn der jetzt zu Hause ist, das geht im Leben nicht gut“, sagt sie und lacht. Es ging dann doch gut. Er kocht viel, kümmert sich, für sie ist es eine „Riesenentlastung“. Ihm fehlen jetzt vor allem die anderen Kumpel, die Gemeinschaft und das „Quasseln“, wie er es nennt. Er hat sich sogar zu einem Handy überreden lassen, um in Kontakt zu bleiben. Und er überlegt, sich bald eine 450-Euro-Stelle zu suchen. Wo genau, hat er noch nicht entschieden, aber die Aussichten sind nicht schlecht für ehemalige Bergleute. Zum Beispiel im Krankenhaus. „Die halbe Zeche arbeitet jetzt da“, sagt er.

Während Arbeitsplätze in Bergbau und Industrie verloren gingen, sind anderswo welche entstanden. Viele davon in Bereichen, in denen vor allem Frauen arbeiten. Der Gesundheitsbereich ist mit mehr als 300.000 Beschäftigten mittlerweile der größte Arbeitgeber im Ruhrgebiet. Doch auch außerhalb der Lohnarbeit haben Frauen in Bottrop zur Hochzeit der Kohleförderung eine entscheidende Rolle gespielt. Nicht nur mit der Reinigung der Arbeitskleidung ihrer Ehemänner und Söhne, die sie, wie oft erwähnt wird, über das Wochenende waschen und wieder trocken bekommen mussten. In den Zechensiedlungen hatten sie „Versorgungsmacht“, wie es Irmhild Kettschau und Elke Nyssen in dem Text „Wir haben uns auf den Weg gemacht“. Notizen zur Frauenbewegung im Ruhrgebiet von 1987 nannten. Die Frauen kümmerten sich nicht nur um Haushalt und Kindererziehung, sondern bauten auf dem zur Wohnung gehörenden Land auch Gemüse an und hielten Tiere, kümmerten sich um die Vorratshaltung und stellten dadurch einen erheblichen Teil der Ernährung der Familie sicher.

Elke Driever ist in den 1960er Jahren als Kind in die Siedlung Stemmersberg in Oberhausen gezogen und erinnert sich noch gut an das Leben dort. Ihr Vater war Bergmann, für die Familien gab es günstige Wohnungen und einen Garten dazu. Ihre Mutter war anfangs nicht begeistert, der Umzug fühlte sich für sie an wie ein Abstieg. Doch das änderte sich bald. „Schon am ersten Tag kam eine Nachbarin und meinte: ‚Kümmert euch um den Umzug, ich nehme die Kinder.‘ Das kannte meine Mutter gar nicht“, erzählt Driever. Sie erinnert sich an die gute Gemeinschaft, enge Freundschaften, daran, dass überall die Tür offen stand – was auch bedeutete, dass die Nachbarn vieles mitbekamen. Niemand hatte viel Geld, und einen Arbeitsvertrag zu unterzeichnen, bedeutete, in die Gewerkschaft einzutreten. Gewählt wurde die SPD. „Für uns gab es nichts anderes“, sagt sie. Wie ihre Mutter haben auch die anderen Frauen zwar zu Hause gearbeitet, waren aber kaum erwerbstätig. „Es gab eine, die beim Arzt putzen war, aber die wurde auch etwas schief angeschaut.“

Das Ruhrgebiet ist als Raum männlicher Industrie-Arbeit geprägt. Dass Frauen nach der Heirat oder spätestens nach der Geburt des ersten Kindes keiner Lohnarbeit nachgingen, war vor allem für die Männer in diesen Jahren identitätsstiftend. Sie fanden in der Kohle einen festen Job, es war zwar harte Arbeit, aber dafür gab es einen verhältnismäßig guten Lohn, der für die ganze Familie ausreichte. Das war der Deal. Dass Frauen ebenfalls einer Lohnarbeit nachgingen, war nicht Teil dieses Deals. Einige taten es trotzdem. Weil das Geld doch nicht ausreichte, weil sie nicht geheiratet hatten oder geschieden waren: Gründe gab es viele. Doch das montanindustrielle Ernährermodell blieb lange die Norm, auch außerhalb von Bergarbeiterfamilien.

Weg sind Kneipe und Verein

Auch wenn sich die Beschäftigungsverhältnisse längst wandelten, und mit ihnen die Geschlechterverhältnisse, bleiben Berufe, die häufiger von Frauen ausgeübt werden, schlechter bezahlt. Viele Jobs können durch den Verlust der Industrie-Arbeitsplätze nicht mehr die Sicherheit bieten, die es einmal gab: Guter Lohn für harte Arbeit, das gilt heute weniger. Mit den Zechen sind außerdem auch Sozialstrukturen zerbrochen. Eckkneipen und Sportvereine verschwanden, Siedlungen wurden verkauft. Auch Stemmersberg, wo Elke Driever aufgewachsen ist. Bergarbeiter haben dort in den 1990er Jahren noch Häuser besetzt, aber verhindern konnten sie den Verkauf nicht. Heute habe die Siedlung nichts mehr mit damals zu tun, sagt sie. Der Hof ist gepflastert, es wurden Badezimmer eingebaut, die Mieten sind höher, jeder hat sein Stück eingezäunt. Driever lebt längst in einem anderen Stadtteil.

Am Abend vor dem Festakt zum Abschied von der Steinkohle auf dem Zechengelände in Bottrop kleben in manchen Fenstern kleine Fördertürme aus Papier, hinter denen ein Licht brennt. Es ist eine Aktion des Senders WDR, um Solidarität mit den Bergleuten zu zeigen. Klaus Oberschewen kann dem Rummel der letzten Tage nicht viel abgewinnen, gerade weil ihm der Bergbau viel bedeutet. „Die Interessengegensätze, die es immer gab, werden jetzt mit Folklore übertüncht. Mich ärgert das, weil ich einen emotionalen Bezug zum Bergbau habe“, sagt er. Sein Großvater war Bergmann, sein Onkel auch, er ist in einer Zechensiedlung aufgewachsen. 1966 hat er eine Ausbildung als Industriekaufmann auf der Zeche General Blumenthal in Recklinghausen begonnen, später das Abitur nachgeholt und an der Ruhr-Universität Bochum studiert. Als Historiker hat er lange zur Geschichte des Ruhrgebiets gearbeitet und findet, dass in der Berichterstattung vieles fehlt. Zum Beispiel das Elend, das auf den Zechen herrschte, bevor es Gewerkschaften gab, aber auch die Klassenunterschiede, die es immer gegeben hat und die jetzt verwischt werden. „Plötzlich ist nur noch von ‚wir‘ die Rede. Man sieht jetzt ständig Leute mit weißen Helmen und weißen Klamotten in der Zeitung und es heißt: Das sind Bergmänner. Dabei tragen diese Kleidung nur Höhergestellte.“ Auch Eva Lotsch betrachtet die plötzliche Aufmerksamkeit mit gemischten Gefühlen. „Einerseits ist es schön, dass es eine Verbundenheit gibt“, sagt sie. „Aber andererseits hat sich vorher jahrelang niemand darum geschert. Vor acht oder zehn Jahren musste man sich fast schämen, zu sagen, dass man im Bergbau arbeitet. Da hätten wir uns mehr Unterstützung gewünscht.“

Bei der Ruhrkohle AG ist am Nachmittag des 21. Dezember der Namensschriftzug vom Verwaltungsgebäude schon verschwunden, bevor der Festakt zum Abschied überhaupt angefangen hat. Meine Großmutter und ich sind dann im Wohnzimmer. Es ist die dieselbe Wohnung wie vor 50 Jahren, aber draußen wird die Wäsche schon lange nicht mehr schwarz. Mit der Verschiebung der Arbeit im Ruhrgebiet wird sich in Zukunft allerdings häufiger die Frage stellen, wer sich um die Wäsche kümmert – und welche Arbeit wie bezahlt wird.

Sarah Nagel hat einen Großteil ihrer Kindheit in Bottrop verbracht und an der Ruhr-Universität Bochum studiert. Heute lebt sie in
Berlin und ist Mitglied in der Redaktion des Ada Magazins

06:00 04.01.2019
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