Das war einmal Amerika

Nationalität Was ein New Yorker auf dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest in Berlin über seine Heimat erfährt
Ben Kochman | Ausgabe 33/2013 108
Das war einmal Amerika
Foto: Ben Kochman

Nach fünf Stunden beim 53. Deutsch-Amerikanischen Volksfest sinke ich auf eine Bank, mit einem Bacon Cheeseburger in der rechten und einer Milwaukee’s-Best-Dose in der linken Hand. Ich brauche eine Pause von dieser Version von Amerika. Ich sah einen deutschen Mann mit Cowboyhut gruselig langsam einen mechanischen Bullen reiten. Ich fand einen sogenannten „American Crêpe“ mit Marshmellowfüllung. Wir essen doch Pfannkuchen! Ich sah eine Achterbahn mit Wagen, die wie Taxis in meiner Heimatstadt New York oder Police-Department-Autos aussehen. Ich schaute einer Cheerleading-Mannschaft in kurzen, engen, pink Hosen zu. Am schlimmsten: Ich habe sechs Euro für eine Tüte Cheetos bezahlt. Bei uns kosten sie 99 Cent. Der Cheeseburger steckt, typisch amerikanisch, in einem Sesambrötchen, das mit einer Mini-US-Flagge verziert wird. Amerikanisches Feeling, so wie es die Werbung in der U-Bahn verspricht. Nur wo sind die Amerikaner?

Pauly, der Clown, ist Deutscher. Er sitzt auf einem kleinen Podest in einem Zelt am neuen Standort in Moabit und grinst die ganze Zeit. Hinter ihm hängen sehr viele überdimensionierte Teddybären, Preise für das kommende Bingo-Spiel.

Ein bisschen Kalter Krieg

Pauly trägt einen kindlichen Enthusiasmus zur Schau, dabei ist er schon über 60 Jahre alt. Er kann sich noch an sein erstes Deutsch-Amerikanisches Volksfest erinnern. Er war damals, Anfang der Sechziger, elf Jahre alt und hat die ankommenden amerikanischen Soldaten am Rathaus Berlin-Tempelhof bejubelt. Einer nahm ihn an die Hand und zog ihn auf einen Jeep. Zusammen fuhren sie auf die Militärbasis an der Clayallee im Bezirk Zehlendorf. „Ich habe mir damals geschworen, irgendwann mal hier zu arbeiten“, sagt Pauly an dem Freitagnachmittag, als ich das Spektakel besuche.

Pauly fing dort als 16-jähriger Jongleur an. Heute moderiert er Glücksspiele, oder um es anders zu sagen: Er ist Entertainer. Früher feierten sie mit den amerikanischen Soldaten die Nächte durch.

Das Deutsch-Amerikanische Volksfest wurde bald echte Berliner Tradition und stand in einer Zeit für die deutsch-amerikanische Freundschaft, in der Symbole eine Rolle spielten. Im Kalten Krieg. Zum ersten Mal fand es 1961 statt, im Jahr des Mauerbaus. Im Sommer lud die Armee Leute aus der Community ein, jedes Jahr änderten sich die Themen – von „Mardi Gras“ bis „The Wild West“.

Heute ist die US-Armee verschwunden, die Berlin-Brigade wurde 1994 aufgelöst. Auch in Bamberg, Heidelberg, Mannheim und Schweinfurt sollen die meisten Basen bis 2015 dicht machen.

Nostalgische Geschichten

Das Volksfest in Berlin soll bleiben, nur an welchem Platz, darüber streitet man sich in der Hauptstadt. Der Amerikaner und Ex-Soldat Richard Simmons, eine Zeitlang auch der Betreiber, wollte es 1994 in Berlin-Dahlem ansiedeln, einer Villengegend und nahe dem ehemaligen Militärstützpunkt. 2011 musste es einem Neubau weichen. Seither gibt es keinen festen Ort.Den aktuellen Veranstalter, Thilo-Harry Wollenschlaeger, zieht es nach Tempelhof, das liegt auch im ehemaligen US-Sektor. Doch der Berliner Senat zögerte. Jetzt also Moabit, fünf Minuten mit dem Shuttlebus vom Hauptbahnhof entfernt. „Durch diesen neuen Standort sind 50 Prozent der Zuschauer weg“, sagt Clown Pauly.

Erika Vontilinsky ist dem Fest treu geblieben. Es sei aber nicht mehr so wie am Anfang. Die ältere Dame streicht sich mit der Hand durch ihre pinkfarbenen Haare, während ihr Lebenspartner Jorge auf einen Teller Spare Ribs konzentriert ist. Die sind aber auch nicht mehr so gut wie einst. Bis Mitte der Neunziger gab es noch Tacos und Chili con Carne. Tex-Mex. Vontilinsky, die Deutsche aus Charlottenburg, ist schon als Jugendliche bei dem Fest dabei gewesen, als die Soldaten noch selbst an jeder Ecke Hamburgers und Hotdogs verkauften. Und auf den Bühnen wurden Shows über die jeweiligen US-Bundesstaaten gezeigt. Heute ist offenbar alles Amerika.

Aber es kommen fast nur noch Deutsche. Ich höre diese nostalgischen Geschichten oft während meines Besuchs. „Die Szene war komplett anders, es war viel mehr los“, sagt Rob Ryan, aus New Jersey, Leadsänger der Band Rob Ryan Roadshow, der an diesem Tag spielt. „Ein bisschen mehr Amerika wäre gut“, sagt auch Simmons, der frühere Betreiber, der nun Herr eines Cheeseburgerstands auf dem Fest ist.

Alles ist Business

Wollenschlaeger versteht diese Sorgen. Wenn es nach ihm ginge, würde das Fest künftig auf dem riesigen Feld des ehemaligen Flughafens Tempelhof stattfinden, auf dem bis zu ihrem Abzug die US Air Force stationiert war. Der Senat lehnt das bisher ab. Auf der anderen Seite profitiert Wollenschlaeger von dem zentraleren Standort unweit des Hauptbahnhofs, es kommen mehr Touristen als früher. In diesem Jahr erwarte er eine halbe Million Besucher. Ein großer Andrang in einer Zeit, in der man oft nicht mehr so richtig weiß: Ist Amerika jetzt Freund oder Feind? „Die amerikanische Regierung steht im Augenblick in der Kritik“, sagt Wollenschlaeger. „Aber wenn Sie zu einem Fest gehen, wollen die meisten nichts von diesen Problemen wissen.“

Als ich nachmittags um 15 Uhr ankam, war der Platz fast menschenleer, aber mittlerweile ist es abends um acht, und es herrscht ein ziemliches Gedränge. Auch wenn ich mich immer noch wie der einzige Amerikaner weit und breit fühle. Kinder fahren Bumper Cars gegeneinander. Paulys Bingo geht endlich los. Bingo – ich habe das noch nie gespielt, obwohl man es in meinem Land überall macht. Auf der Bühne steht Chicagos Soul- und Bluesmusiker Eb Davis. Das Fest war früher ein Symbol, eine Westberliner Institution. Inzwischen ist es vor allem ein Geschäft. Aber was könnte amerikanischer sein?

Ben Kochman, 22, war noch nie in Texas oder Kalifornien. Als New Yorker, sagt er, hat man keine Ahnung von den USA

 

06:00 18.08.2013

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