„Das wollte ich für dich“

Interview Der Vater unseres Autors kam 1979 aus der Türkei nach Deutschland. Hier reden beide über ihre Männlichkeit
„Das wollte ich für dich“
Vater und Sohn Mitte der 1990er (links) sowie 2003

Fotos: privat

Woher kommen Vorstellungen von Männlichkeit? Wer und was hat uns geprägt? Solche Fragen sind für Fikri Anıl Altıntaş, der als Autor über Geschlechterrollen und postmigrantische Themen schreibt, Routine. Aber ein öffentliches Interview mit dem eigenen Vater ist ungewohnt. „Über Männlichkeit rede ich eigentlich nie, außer mit dir“, sagt Mustafa Altıntaş, als er für das Gespräch auf dem Wohnzimmersofa Platz genommen hat. Und dann legt er los, noch bevor sein Sohn die erste Frage gestellt hat.

Mustafa Altıntaş: In der Türkei gab es 1980 einen Militärputsch. Ich bin kurz davor, also 1979, nach Deutschland gekommen. Ich hatte Angst, in Schwierigkeiten zu geraten, weil ich politisch aktiv war. Deshalb hätte ich Anfang der 1980er Jahre nicht einfach zurückgehen können. Mein Pass wurde annulliert. In dieser Zeit ist auch privat viel passiert. Ich hatte mich von meiner Frau getrennt und neu geheiratet. Damit klarzukommen war nicht einfach. Genauso, wie zu wissen: Deine Zukunft hängt von einer bürokratischen Entscheidung ab. Ohne die GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) hätte ich keinen gesicherten Status erhalten. Ohne sie hätte ich nicht hierbleiben können. Wie viele andere Lehrer*innen, die zu dieser Zeit aus der Türkei nach Deutschland kamen.

Fikri Anıl Altıntaş: Politisch aktiv zu sein, in einem anderen Land neu anzufangen – dazu gehört Mut. Hattest du den eigentlich schon immer?

Wir kamen aus einer armen Familie vom Dorf. Mein Vater sagte immer, um nicht auf dem Dorf bleiben zu müssen, sollten wir unseren Abschluss machen, vielleicht studieren. Ich war ein sehr ängstliches Kind. Meine Mutter erzählte mir religiöse Geschichten, die mir Angst machten. Das übertrug sich auf meinen Charakter. Wenn ich im Dunkeln irgendwas sich bewegen sah, lief ich weg. Ich erinnere mich an eine Sache, die mein Vater mir erzählte: Im Alter von zehn Jahren kam ich öfter weinend nach Hause, weil die Nachbarskinder mich verprügelt hatten. Er sagte: „Es reicht! Warum kommen nicht die Eltern der Kinder mal zu uns, um sich zu beschweren, weil du sie verprügelt hast?“

Ich sehe da viel von mir. Ich habe mich auch nie geschlagen, auch aus Angst vor den Konsequenzen. Aber viele meiner Freunde waren harte Typen, spielten Fußball und erfüllten viele Klischees von einem Jungen, der alles, aber nicht weich sein sollte. Hast du versucht, Männlichkeit so leben wie dein Vater?

Er konnte alles, war körperlich sehr stark. Er arbeitete viel auf dem Feld, war handwerklich begabt. Wenn es im Dorf Probleme gab, wurde er gerufen. Mein Vater war ein respektierter Mann, der sich gut ausdrücken konnte und durchsetzungsfähig war. Ich glaube natürlich schon, dass ich unterbewusst diese Art von Männlichkeit verkörpern wollte. Andererseits war er auch sehr fordernd meiner Mutter gegenüber. Essen machen, für ihn da sein. Ich konfrontierte ihn, aber wirklich tun konnte ich dagegen nichts, mein Vater ist gestorben, als ich 25 war.

Du hast mir mal erzählt, wie sehr du dich gefreut hast, endlich auch Vater eines Sohnes zu werden. Wolltest du, dass ich so werde wie du?

Nicht explizit, aber irgendwie schon. Ich glaube, alle Eltern wollen, dass ihre Kinder die Sachen schaffen, die sie selbst nicht geschafft haben, und gleichzeitig keine schlechten Eigenschaften übernehmen. Wenn du früher als kleines Kind rumgeschrien hast, war ich ganz aufgeregt und dachte mir: Zum Glück, mein Sohn wird nicht so ängstlich wie ich. Er wird ein richtiger Mann. Du warst im Gegensatz zu deiner Schwester sehr angepasst. Und vor allem hast du das getan, was man dir sagte. Heute ist das ein wenig anders (lacht).

Zu den Personen

Mustafa Altıntaş, Jahrgang 1949, arbeitete schon in der Türkei als Lehrer. Seit 1979 in Deutschland, lebte er zuerst in Baden-Württemberg. Bis zur Pensionierung unterrichtete er an einer kooperativen Gesamtschule in Hessen

Fikri Anıl Altıntaş, Jahrgang 1992, hat einen Bachelor in Politikwissenschaft und machte den Master in Osteuropastudien. Er arbeitet als freier Autor in Berlin und ist HeforShe-Botschafter von UN Woman Deutschland

Außer beim Fußball, da musstest du mich am Spielfeldrand oft beruhigen oder hast dich selbst aufgeregt. Ich wurde von außen immer als der temperamentvolle Türke gesehen. Sie haben mich ja auch „Bosporus“ genannt. Ich habe dann auch versucht, dieses Bild anzunehmen und es mir anzueignen.

Meine Ängstlichkeit habe ich auch konkret zu besiegen versucht. Ich lief zum Beispiel im Dorf nachts auf dem Friedhof rum. Wenn ich das schon schaffte, würde ich vor nichts mehr Angst haben, dachte ich mir.

Bei uns war es immer meine Schwester, die Aufgaben übernommen hat, wie Behördengänge zu erledigen oder Ärzt*innen anzurufen. Ich musste das alles nicht machen. Ich fügte mich in meine Rolle als kleiner Bruder, dem viel verziehen wurde, der aber auch Angst hatte, Fehler zu machen. Handwerken zum Beispiel war für mich mit Männlichkeit verknüpft. Wenn es darum ging, riefst du immer mich, obwohl ich es hasste. Meine Schwester konnte es viel besser.

Ja. Ich hab dich ja oft gerufen, damit du auch mal mit der Bohrmaschine umgehen lernst oder einen Schrank zusammenbaust. Aber du mochtest das nicht, dabei hätte ich das so gerne gesehen bei dir. Aber klar, ich wollte, dass du es lernst, weil es dazugehörte als Mann. Im Türkischen sagt man ja auch: Ein Mann ist der, der zu Hause die Arbeiten erledigt.

Damit habe ich lange gekämpft. Ich wusste nicht genau, wie ich dir, der Familie und meinem Umfeld gerecht werden kann. Deshalb war es auch eine Erleichterung, nach Albanien zu gehen, für meinen Freiwilligendienst. Was dachtest du, als ich sagte, ich mache das FSJ?

Der Anıl macht das, wir haben keine Angst. Wir hatten nur Angst, dass du zu spät anfangen würdest zu studieren. Aber jetzt sage ich: Du bist erwachsen geworden, und gut, dass du gegangen bist. Du hast Sicherheit und Stärke gewonnen, im Umgang mit Menschen wie auch mit dir selber. Das als Vater zu sehen, war schön.

Wie war die Reaktion deines Vaters, als du das Dorf verlassen hast?

Als ich mit 20 wegzog, kaufte er mir eine für unsere Verhältnisse sehr teure Mütze und einen Mantel. Er war stolz und wollte, dass ich mich als Lehrer gut präsentiere. Einmal schickte ich ihm ein wenig Geld von meinem Gehalt. Auf dem Dorfplatz trank er einen Kaffee, und ein Freund von ihm sagte: ,Ey, ich sehe, der Kaffee scheint dir heute besonders gut zu schmecken.‘ Er antwortete: ,Es schmeckt halt besser, wenn es mit dem Geld des Sohnes gekauft ist.‘ Diese Geschichte habe ich nie vergessen. Er wollte immer, dass ich unabhängig bin, und das wollte ich ja für dich auch. Als er mich einmal in Giresun besuchte, sagte er, im Schulgarten fehle es an Pflanzen und Blumen. Kurz darauf pflanzte ich den Garten voll und erzählte es ihm. Nach dem Motto: Auch wenn du nicht mehr bei mir bist, ist mir deine Meinung wichtig.

Total spannend. Mit Blumen wird nicht unbedingt Männliches verbunden. Ich meine, selbst heute schickst du mir auf Whatsapp mehr Rosenbilder aus dem Garten als Bilder von dir und Mama. Das finde ich aber auch schön. Weil ich dich gleichzeitig als streng und dominant, aber manchmal auch als sehr sensibel wahrgenommen habe. Ich wusste zum Beispiel immer, dass du zum Weinen in einen anderen Raum gingst, damit wir es nicht sahen. Und uns Kinder hast du mit Wangenkuss begrüßt, bevor es an den Frühstückstisch ging.

Das eine schließt das andere ja nicht aus. Aber man ändert sich natürlich. Früher war ich anders, heute bin ich Rentner, da habe ich auch nicht mehr so viel Kraft wie früher (lacht).

Du bist 1979 nach Deutschland gekommen. Dann begann die Ära von Helmut Kohl und Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann von der CSU, es war die Zeit der Rückführungsprämien für „Ausländer“.

Ja, da war ich in Freiburg. Das war die Zeit, wo ich noch volles schwarzes Haar und dichten Bart hatte. Es gab eine Situation, an die ich mich noch erinnere: Ich wollte vom kleinen Dorf nach Freiburg, in die Stadt, fahren. Ich war sehr schick, hatte meine besten Klamotten an. Der Bus, in den ich stieg, war sehr voll. Ich setzte mich auf einen leeren Zweiersitz. Aber trotzdem setzte sich keiner zu mir. Sie standen lieber. Als ich ausstieg, hielt ich die Hände über den Kopf und brach zusammen. Das hat mich verletzt. Da habe ich mich gefragt: Was mache ich eigentlich in Deutschland?

Das erlebe ich noch heute. Das Wegsetzen oder dass man die Handtasche fester an sich zieht. Hatten Leute Angst vor dir? In den Medien wird ja gern dieses Bild der gefährlichen muslimischen Männer gezeichnet.

Nein, nicht wirklich. Ich war allein, und es kam vor, dass ich selbst in Zügen Menschen kennenlernte. Es war nicht so wie heute. So aufgeheizt. Heute wären die Leute nicht so entgegenkommend, so nett wie damals. Aber das ist meine Erfahrung in Baden-Württemberg. Ich war 30 Jahre alt. Damals gab es Rassismus, er war für uns aber mal sichtbarer, mal weniger. Ich habe auch viel gelernt, als ich nach Deutschland kam.

Wodurch?

Ich wohnte für mehrere Monate mit Deutschen in einer WG. Sie redeten oft darüber, wer wie den Abwasch macht. Das kannte ich von zu Hause nicht so wirklich. Also: Wohnen in WGs und die Debatte, wer was im Haushalt übernimmt. Aber auch in Deutschland hatte ich das Gefühl, dass die Rollen sehr klar verteilt waren. Eine Mitbewohnerin beschwerte sich immer, dass ich während meiner Rasur das Wasser laufen ließ. Ich sollte ja Wasser sparen.

Ich glaube, meine Vorstellung von Männlichkeit war immer eine Lehrer-Männlichkeit, erfolgreich, sozial und gebildet. Das habe ich bei dir gesehen. Aber zugleich war es für mich einer der Gründe dafür, mit dem Schreiben anzufangen. Über Geschlechtergerechtigkeit zu reflektieren hieß dann auch, mich damit zu beschäftigen, wo ich meine Vorstellungen herhabe. Was hat das mit dir gemacht?

Das war bei mir ja auch so, dass ich mir die Frage gestellt habe, wie sich meine Männlichkeit verändert hat. Ich glaube immer, dass der Kampf für Gleichberechtigung und gegen Ungerechtigkeit auch ein revolutionärer Kampf ist. Die Geschlechterungerechtigkeit beziehungsweise dein Kampf dagegen ist letztlich ein revolutionäres, demokratisches Verhalten. Ich würde mir wünschen, dass alle es so machen und ich es früher noch energischer getan hätte.

Vielleicht ist dieses Gespräch ja auch ein Anfang dafür.

Inşallah.

Fikri Anıl Altıntaş arbeitet als freier Journalist unter anderem für den Freitag. Er schreibt vor allem über Gender-Themen

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06:00 30.08.2021

Ausgabe 37/2021

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