Dirk Schäfer
09.07.2009 | 05:00 2

Das Wunder von Wörgl

Finanzpolitik 1932: Mit einer lokalen Tauschwährung startete die Tiroler Gemeinde Wörgl in der Weltwirtschaftskrise ein Freigeld-Experiment, das weltweit Aufsehen erregte

Eine der tiefgründigsten Gelddefinitionen stammt noch immer von Kurt Tucholsky: „Geld ist weder ein Zahlungsmittel noch ein Tauschmittel, auch ist es keine Fiktion, vor allem aber ist es kein Geld.“ Nicht nur Tuchol­sky dachte Anfang der dreißiger Jahres über das Wesen des Geldes nach. Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise brachten auch Michael Unterguggenberger, Bürgermeister eines kleinen Tiroler Städtchens, ins Grübeln. Sein Ort Wörgl wäre heute kaum mehr als eine weitere Ausfahrt an der Autobahn München-Innsbruck, wenn er damals nicht mit einem Geld-Experiment auf sich aufmerksam gemacht hätte, das auch heute noch Stoff für ideologisch aufgeladene Streitereien liefert.

Schon damals galt einigen sein Versuch als Vorbote einer Wirtschaftstheorie, mit der sich die Finanzwelt aus ihren brüchigen Fundamenten hebeln und auf solide Füße stellen lässt; andere sahen in den Vorgängen ein unerlaubtes Experiment von Wirtschaftslaien, das beendet werden konnte, bevor größerer Schaden entstand.

Damals, 1932, gerieten im Gefolge der Wirtschaftskrise auch die 4.200 Wörgler in finanzielle und soziale Nöte. Zwei große Fabriken am Ort fuhren ihre Produktion herunter – „Über Nacht“, formulierte es ein Wörgler Bürger in einer Zeitung, „wurde die Gemeinde arbeitslos.“ Die Steuereinnahmen sanken rapide, in der Kasse seines Rathauses griff der Sozialdemokrat Unterguggenberger ins Leere.

Das rostende Geld

Für den Bürgermeister lag damals das Hauptproblem im „streikenden Geld“. Ein Vorwurf, der auch in der aktuellen Finanzkrise gegen die Banken erhoben wird. „Es versickert in den Zinsenkanälen und sammelt sich in den Händen weniger Menschen, die das Geld nicht mehr dem Warenmarkt zuführen, sondern als Spekulationsmittel zurückhalten“, sagte der Bürgermeister zur Begründung. Die USA hatten damals in umfangreichem Stil Gold in Europa aufgekauft, als Reaktion mussten die österreichischen Banken die Menge ihres goldgedeckten Schillings reduzieren, um die Währung zu stabilisieren. In der Folge verfielen die Preise für Waren und Arbeit, der Konsum ging noch weiter zurück.

In seiner Gemeinde hatte Bürgermeister Unterguggenberger aus Finanznot öffentliche Bauprojekte stoppen müssen, doch sah er nun auf der einen Seite arbeitslose und verarmte Arbeitswillige und auf der anderen halbfertige Bauten und gefüllte Läden. In Sorge um seine Gemeinde überlegte Unterguggenberger, wie er das Geld wieder zum Fließen bringen könnte, ohne seine Bürger zu belasten oder sich Geld von Banken leihen zu müssen. Die Lösung: Geld, das die Gemeinde selbst herstellt, mit ihm ihre Bauprojekte bezahlt, und das die Arbeiter in den Wörgler Läden gegen Waren tauschen können. „Arbeitsbestätigungsscheine“ nannte Unterguggenberger die Tausch­währung, und er verband sie mit einer Besonderheit: Die Scheine sollten stetig an Wert verlieren, monatlich ein Prozent. Niemand, war sich Unterguggenberger sicher, würde dieses „rostende Geld“ lange besitzen wollen, sondern es innerhalb eines Monates ausgeben. Auf diesem Weg würde das Geld zum Fließen und die gesamte lokale Wirtschaft wieder in Schwung gebracht.

Die Idee dieser Tauschwährung mit negativem Zins stammte vom Deutsch-Argentinier Johann Silvio Gesell. Knapp zwei Jahrzehnte vor dem Wörgler Experiment hatte der Kaufmann sein sogenanntes Freigeld erdacht als Instrument, um stockenden Waren- und Geldfluss zu verhindern. Um das Freigeld herum konstruierte Gesell ein Modell für eine Wirtschaftsordnung, die Freiwirtschaft. Die Umsetzung seiner Freigeld-Idee in Wörgl erlebte Gesell nicht, 1930 war er gestorben.

Nach einigen Monaten der Vorbereitungen gab die Gemeinde Wörgl am 31. Juli 1932 das erste Freigeld aus. Die Angestellten im Rathaus entlohnte die Gemeinde mit der „Schwund­währung“, wie die Wörgler ihr neues Geld bald nannten. Wörgler Kaufleute und Fabrikanten hatte Bürgermeister Unterguggenberger dazu gebracht, dieselbe Summe an ausgegebenem Freigeld in österreichischen Schilling in einem Bankdepot zu hinterlegen – wer dem Schwundgeld nicht traute, konnte es dort umtauschen, allerdings gegen eine Gebühr von zwei Prozent.

Bier gegen Schwundwährung

Kaum war die Tauschwährung ausgezahlt, begann sie wie erhofft zu rotieren. Nahezu alle Geschäfte der Ortschaft akzeptierten das Freigeld, selbst der Gastwirt im Nachbardorf zapfte Bier gegen Schwundwährung. Die Akzeptanz fand allerdings kuriose Grenzen: Bei einem Einbruch habe der Dieb nur die österreichischen Schillinge genommen, das Schwundgeld fortgeworfen, meldete der Polizei-Inspektor. Der Dieb müsse daher ein Fremder gewesen sein, kombinierte der Ordnungshüter, denn ein Einheimischer hätte auch das Tauschgeld genommen. Wer am Ende eines Monats Schwundgeld in Händen hatte, musste es im Rathaus gegen Zahlung einer einprozentigen Abgabe wieder aufwerten, eine Klebemarke auf den Scheinen signalisierte den erhaltenen Wert. Die Abgabe floss in einen Armentopf. „Die Sache ist so einfach, dass ein kleiner Schüler sie versteht“, beschrieb es ein Wörgler Kaufmann.

In Erwartung schneller Steuereinnahmen hatte Bürgermeister Unterguggenberger noch vor Ausgabe der eigenen Währung ein lokales Konjunkturprogramm gestartet. 100 Arbeiter heuerte die Gemeinde an, ließ Straßen asphaltieren, Brücken und Bürgersteige bauen und ein Wasserreservoir erneuern. Tatsächlich füllte sich die leere Rathauskasse rapide, denn um das Schwundgeld wieder loszuwerden, zahlten die Wörgler Steuern im Voraus. Während im übrigen Österreich die Arbeitslosigkeit stieg, nahm sie in Wörgl deutlich ab. Das Experiment erntete weltweit Aufmerksamkeit. Die österreichische Presse nannte den Erfolg „Das Wunder von Wörgl“. Wirtschaftswissenschaftler wie John Maynard Keynes and Irving Fisher interessierten sich für das Projekt, Unternehmer sowie Politiker und Journalisten aus den USA, England, Frankreich, Deutschland und anderen Ländern gaben sich bei Michael Unterguggenberger die Klinke in die Hand. Anderswo fand das Tauschgeld Nachahmer, allein in den USA schätzte man die Zahl der Menschen, die Freigeld nutzten, auf über eine Million.

Der Höhenflug endete abrupt. Nachdem rund 200 weitere österreichische Gemeinden angekündigt hatten, das „Wunder“ wiederholen zu wollen, schaltete sich Ende 1932 die Nationalbank ein. Die Wörgler verstießen gegen das alleinige Recht der Bank, Geld in Umlauf bringen zu dürfen, man reichte Klage ein. Einige Monate wehrten sich die Wörgler, doch am 1. September 1933 verkündete Michael Unterguggenberger das Ende des Experiments. „Der gestoppte Geldfluss schlug den Arbeitern das Werkzeug aus der Hand“, schrieb der enttäuschte Bürgermeister in einem Fazit. Auch in anderen Ländern stoppten nationale Währungshüter Freigeld-Experimente.

Für die Anhänger der Freiwirtschaft wurde Wörgl nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer wichtigen Anlaufstelle. Bis heute verweisen Freiwirtschaftler auf den damaligen Erfolg. Kurz nach dem Experiment beurteilten Schweizer Bankiers das „Wörgler Wunder“ als Finanzspritze durch selbst gedrucktes Geld, das der Höhe von Steuerschulden entsprach, und vorzeitig investiert werden konnte. Auf lange Sicht, so die Bankiers damals, ließe sich die Wirtschaft so nicht in Schwung bringen.

In 25 Gebieten Deutschlands gibt es heute Regiogeld – Tauschwährungen, die dem Freigeld ähneln. 40 Projekte sind in Vorbereitung. Gegen diese lokalen Komplementärwährungen haben Währungshüter nichts einzuwenden. 

Dirk Schäfer, Jahrgang 1969, arbeitet als freier Journalist in Dortmund und promoviert zu Fehlfunktionen des Mediensystems

Kommentare (2)

Friedhelm Greis 12.07.2009 | 23:06

Eine interessante Argumentation. Nur weil etwas vor Jahren schon einmal in einem anderen Medium gestanden hat, darf darüber im "Freitag" nicht mehr berichtet werden. Selbst wenn - anders als vor sechs Jahren - inzwischen wieder eine Wirtschaftskrise herrscht und eine Kreditklemme droht. Und der Artikel daher jetzt viel aktueller als 2003 ist.

Natürlich könnte es auch sinnvoll sein, über aktuelle Freigeld-Projekte zu berichten, aber eine Zeitgeschichts-Seite ist erst einmal dazu da, den historischen Hintergrund zu liefern.