Das Zögern der Anderen

Zivilcourage Alle stehen rum – und keiner greift ein, wenn eine Frau geschlagen wird. Der Regisseur Paul Plamper hat so eine Situation erlebt. Nun hat er daraus ein Hörspiel gemacht

Der Freitag: Ihr Hörspiel spielt in einem Kaffeehaus. Vor dem Fenster schlägt ein Mann eine Frau. Drinnen sind die Gäste plötzlich mit der Frage konfrontiert, ob sie eingreifen sollen oder nicht. Waren Sie schon einmal selbst in einer solchen Situation?

Paul Plamper: Es gibt tatsächlich einen Vorfall, auf den das Hörspiel zurückgeht: Als ich Anfang der 90er Jahre in Prenzlauer Berg wohnte, hatten viele noch keine Telefone und mussten immer vor den Telefonzellen Schlange stehen. Irgendwann bemerkten wir in der Nähe ein Paar, das sich streitet. Der Mann wurde handgreiflich, aber es war nicht so einfach einzuschätzen, weil auch sie verbal und mit Gesten unheimlichen Druck gemacht hat. Es hätte durchaus sein können, dass einem beide kollektiv ins Gesicht springen und sagen: "Was willst du denn?" Dann hat er sie plötzlich umgeworfen und in einen Hauseingang geschleift.

Und niemand hat sich gerührt?

Ich war der einzige, der immerhin kurz gerufen hat: "Hey, hört auf!" Das ist aber genau der Punkt, warum mir das immer wieder ins Gedächtnis kommt. Ich hab mich damals nur langsam aus der Schlange gelöst und bin zu diesem Hauseingang hingegangen. Die beiden waren bereits verschwunden. Ich habe an den Türen geklingelt, aber im Haus blieb es absolut still. Totale Ruhe.

In ihrem Stück bekommt man den Eindruck, dass Zivilcourage zwar gern gefordert wird, aber im Ernstfall niemand weiß, wie es geht.

Es hat viel mit dem richtigen Timing zu tun. Wenn einige der Café-Besucher gerade so weit sind, dass sie eingreifen würden, ist der Vorfall schon vorbei.

Also mehr eine Frage der Übung als der Moral?

Ich glaube schon. Für das Stück habe ich mit einem Zivilcourage-Forscher, dem Sozialpsychologen Kai Jonas gesprochen, der Handlungsstrategien in Kursen regelrecht trainiert. Angenommen, jemand wird verprügelt und man steht in einer größeren Gruppe. Jonas rät, sich als erstes eine Person auszusuchen, mit der man gemeinsam auf den Schläger zugehen möchte. Und diese Peron sollte man immer direkt ansprechen. Also nicht in den Raum rufen: „Hey, kommt mal einer mit?“ Sondern sagen: „Hey, Sie da in der blauen Jacke – kommen Sie jetzt mit mir mit!“ Es geht darum, die Verantwortungsdiffusion zu brechen.

Was meinen Sie damit?

Wenn eine Person allein Zeuge eines Autounfalls wird, ist es viel wahrscheinlicher, dass sie einschreitet, als wenn zwanzig Personen am Unfallort rumstehen. Dabei müsste eine Gruppe nur geschlossen auftreten – und das gilt auch für brutale Überfälle, bei denen man selbst in Gefahr kommen kann. Aber Gruppen tendieren dazu, die Verantwortung zu verteilen und in der Schwebe zu halten – so dass am Ende niemand reagiert. Das war auch in unserer Warteschlange damals im Prenzlauer Berg so. Und ich hab immer überlegt, wie ich das, was ich in dieser Gruppe gespürt habe, dramatisch abbilden könnte.

Sie haben „Ruhe I“ zuerst als Toninstallation geplant.

Das lag daran, dass ich mir das Thema auf einer Zeitleiste von 50 Minuten für ein Radio-Hörspiel schwer vorstellen konnte. Ich bin dann auf eine Lösung gekommen, die ich mir auch manchmal wünsche, wenn ich draußen irgendwo herumstehe: Ich wüsste gern, was gerade in diesem Moment in all den Menschen um mich herum vorgeht.

Wie setzt man so etwas um?

Es war eine aufwändige Rauminstallation im Museum Ludwig, wo lauter Lautsprecher auf Tischen standen und alle Gespräche im Café parallel liefen. In einer Schlaufendramaturgie mündete jedes Gespräch nach knapp fünf Minuten wieder unmerklich in seinen Anfang. Als Besucher konnte man sich an den Tisch setzen, irgendwo einsteigen und sich dann selber aussuchen, wann man das Gespräch wieder verlässt und an einem anderen Tisch weiterhört. So kann man sich die Situation und die Gruppendynamik nach und nach selbst entschlüsseln.

Und Sie konnten dann beobachten, wie Ihre Hörer darauf reagieren.

Ja, ich war überglücklich, weil das für manche Leute tatsächlich einen Sog entwickelt hat. Im Hintergrund gab es eine Lichtwand, die das Café-Fenster symbolisiert hat. Hinter dieser Wand gab es alle fünf Minuten ein Schlag gegen die Scheibe: das Paar, das gegen das Fenster knallt. Wenn man bereits im Raum war, wurde man für die, die neu hereinkamen, automatisch zum Teil des Bildes: Man saß ja bereits am Tisch. Und dieser Moment der Ruhe nach dem Schlag hat manchmal wirklich so eine verschworene Gemeinschaft von Mittätern geschaffen, die da saßen und sich anguckten: "Uuups, jetzt ist es schon wieder passiert." Da hat man gemerkt, dass die Leute gerade mit dem Thema eine richtig körperliche Erfahrung machen. Es war eine riesige Herausforderung, das aus dem Museumsraum ins Radio zu übersetzen.

In der Radioversion laufen die Gespräche nacheinander ab. Die Jugendlichen, die alte Dame, das Schwulenpaar: Jeder Tisch repräsentiert ein anderes gesellschaftliches Milieu, dessen Reaktion fast klischeehaft ist und einem deshalb sehr bekannt vorkommt.

Ich glaube, dass wir geprägt sind von vorgefertigten Wahrnehmungsmustern. Und die sollen die Hörer in diesen Menschen wiedererkennen. Es geht nicht einfach nur um Gut und Böse, sondern um vielschichtige Strategien, sich etwas vom Leib zu halten. Wenn ein starkes Ereignis passiert, dann reagieren die Leute besonders unterschiedlich, weil ihre Sichtweise emotional eingefärbt ist. Die 29 Cafébesucher erleben also 29 verschiedene Vorfälle. Das versuche ich abzubilden.

Und dafür erfinden Sie Dialoge?

Meistens sind sie der Wirklichkeit abgehört. Wir haben vor „Ruhe I“ sehr viele Interviews mit den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten geführt – auf den Straßen von Berlin und Leipzig, aber auch im Frauenhaus. Und wir haben viel improvisiert. Am Tisch mit den Business-Leuten sitzen tatsächlich ein Banker und ein Makler, die Jugendlichen sind Berliner Kids. Die greifen auf eine Sprache und auf Formulierungen zurück, die ich mir gar nicht ausdenken könnte.

Der Titel „Ruhe I“ legt nahe, dass es nicht das einzige Stück zum Thema bleibt. Wird es eine Fortsetzung geben?

Es ist tatsächlich der erste Teil einer Serie von "Hörspielen im Raum", die alle ein Moment von Ruhe zum Zentrum oder Ausgangspunkt haben. In „Ruhe I“ ist der Moment der Stille ein unbegrenzter Raum für Möglichkeiten. Das Drama besteht darin, dass die Möglichkeiten allesamt nicht wahrgenommen werden. In einer nächsten Arbeit wird es um Ruhe als Ausdruck der Unterdrückung von Inhalten gehen – also um verschiedene Formen von Zensur.

Seit einiger Zeit trifft man sich sogar in Kneipen, um gemeinsam Hörspiele zu hören. Woher rührt diese Begeisterung?

Ich glaube, das Hörspiel hat als Medium so viel Potenzial, weil es im Tempo – was das Mitreißende und das Musikalische angeht – durchaus mit dem Film mithalten kann. Aber es trägt nicht zum allgemeinen Overkill an Bildern bei, sondern versucht, die Fantasie der Menschen anzuregen. Der Hörer muss aktiver werden als der Zuschauer. Das ist für mich auch ein politischer Aspekt: Hörspiel hat wenig mit Macht, mit Überwältigung zu tun. Umso schöner ist es, wenn es gelingt, jemanden zum Zuhören zu bringen. Ich weiß nicht, ob diejenigen, die nur übers Fernsehen sozialisiert sind, da einen Einstieg finden. Aber um die kämpfe ich natürlich auch.

Paul Plamper, 36, lebt in Berlin. Mit "Ruhe 1", einer akustischen Collage zum Thema Zivilcourage, hat er den Hörspielpreis der Kriegsblinden 2009 gewonnen. Das Hörspiel läuft am 7. Juli um 23:03 auf 1Live Plan B soundstories, am 8. Juli um 21:30 Uhr in HR 2 und am 20. Juli um 00:05 Uhr auf Deutschlandradio Kultur.

16:45 07.07.2009

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