Das Zwangspaar Strafe und Gewalt

Frauen im Gefängnis Helga Reidemeisters Dokumentarfilm "Gotteszell" entzündet erneut eine alte Debatte

So manche gruselige Vorstellung von dämonischen Frauen, von Heimtücke und Perversionen speist sich aus Spielfilmen und TV-Serien über Frauen im Knast. Helga Reidemeister hat den Gegenentwurf zu solchen spektakulären Filmen geliefert. Sie versucht, in dieser verschlossenen Welt so viel Wirklichkeit zu erfassen wie nur irgend möglich. Indem sie den eingesperrten Frauen und auch den Wärterinnen sehr nah kommt, gelingt es ihr ganz ohne Spiel mit Sensationen eine wachsende Spannung zu erzeugen.

Am liebsten hätte sie sich mit ihrem Team in den Zellen einschließen lassen, hätte mitgearbeitet, mitgekocht, mitgezankt, mitgeweint. Ein solches Entgegenkommen war aber doch nicht drin. So blieb sie ein halbes Jahr am Ort, fuhr weg, kam wieder. Das Wiederkommen war das Wichtige. Fernsehteams tauchen manchmal im Gefängnis auf, sausen aufgeregt hindurch und verschwinden für immer. Helga Reidemeister sparte nicht mit Zeit, bis die Frauen erstes Vertrauen gewannen, bis 70 von 300 einverstanden waren mit der auf sie gerichteten Kamera und auch fünf von den 130 Angestellten. Nun lernen die Zuschauer sechs der "Straferinnen" und drei der "Bediensteten" des Gefängnisses Gotteszell bei Schwäbisch Gmünd kennen, dem einzigen Frauengefängnis von Baden-Württemberg.

Welche Bilder bleiben? Petra eilend, sie wird durch immer neue Türen gelassen, die vor ihr auf- und hinter ihr zugeschlossen werden. Jedes Mal eine Unterbrechung des Laufens. Sie dreht beim Warten nervös an einer Strähne ihres langen lockigen Haars. Wohin strebt sie? Keine Jacke trägt sie, nichts in den Händen. Die Räume und Flure werden zunehmend ziviler. Ambulanz? Eine Ausbildungsstätte? Da tauchen hinter der letzten Tür ihre halbwüchsigen Töchter auf. Seit über neun Jahren besuchen sie Petra im Knast. Sie reden hastig miteinander und umarmen sich immer wieder. Dann nimmt Petra die Hände ihrer Töchter: Eins - Zwei - Drei - Loslassen. Schluss. So verabschieden sie sich nach einer Stunde, offenbar ihr Ritual. Die Strafe ist lebenslänglich. Für die Tötung ihres Mannes, des Vaters der beiden.

Petra spricht dann in die Kamera über diesen Augenblick, in dem sie das Leben des anderen ausgelöscht hat. Dafür will sie keine Nachsicht oder Beschwichtigung. Aber irgendwann ist die Zeit des Grübelns über die Vergangenheit, die Schuld und die Gründe vorbei. So ist es wohl immer, es scheint da eine Frist für die Klärung zu geben. Wenn sie überschritten wird, folgt im Gefängnis nichts anderes mehr als ein trostloser Überlebenskampf. Der vernichtet letztlich die Gefangenen. Und Petra sieht, wie jenseits der Mauern ihre Töchter heranwachsen, ohne sie. Die beiden sind grausam mitbestraft.

Es gibt eine zweite Gefangene, die getötet hat: ihren Vergewaltiger. Marion hat sich gleich zu Anfang beim Hofgang dem Filmteam zugewandt, als sie hörte, es sind Leute aus Berlin wie sie. Sie las ihnen ihre Aufzeichnungen vor, man könnte sagen, sie zeigte ihre Wunde, vorbehaltloser und früher als die anderen Frauen. Sie sehnt sich nach Vertrauen. Allmählich begriff Helga Reidemeister erst Marions Tragödie. "Ich versuche mal, mein Inneres zu beschreiben, mein Ich: Es sieht nicht gut aus, ist voll mit Aggressionen und es weiß nicht, was es dagegen tun soll. Eigentlich will ich niemandem weh tun, aber das Negative ist so stark wie ein Sog... Bin ich die Zweitgeburt meines Erzeugers? Nein, ich möchte niemals so sein."

Marion ist gepeinigt von Aggressionsschüben. Seit sieben Jahren hofft sie auf nichts anderes als auf eine Therapie. Die Vollzugsdienstleiterin, Frau Esslinger, teilt ihr vor laufender Kamera mit, dass ihr Antrag auf Therapie wieder einmal negativ beschieden wurde. Für gewalttätige Männer gäbe es psychologische Betreuung, nicht aber für sie. Marion gibt sich ruhig. Frau Esslinger verfällt in einen Ton der Zähmung. Sie leidet sichtlich mit, hat aber Angst vor unkontrollierten Reaktionen Marions. Ohne eine Therapie droht ihr nach Ende der Strafe, das in drei Jahren ansteht, als schreckliche Vision die Sicherheitsverwahrung. Draußen wächst ihr Sohn bei Pflegeeltern heran. Die schlanke Frau mit tiefer Stimme, die man im Film freundlich und aufmerksam erlebt, kann auch zuschlagen. Sie wird im Knast gefürchtet. Jetzt schließt Frau Esslinger hinter sich die Tür ab. Marion bleibt allein. Wann wird sie ausrasten? Nachdem die Kamera ausgeschaltet ist? Eine Stunde später? Wenn sie ganz begreift, wie verlassen sie da wieder sitzt?

In diesem schwäbischen Gefängnis sind immer wieder auch patriarchalische Beziehungen zu beobachten, in ihrer ganzen Ambivalenz. Der Werkstattleiter kommt mit den inhaftierten Frauen gut aus. Viele seien im Alter der eigenen Kinder, und so sieht er sie "alle irgendwie als meine Kinder." Und das würde sich übertragen, sinniert er. Er ist sicher der verständnisvolle, verlässliche Chef, solange sich alle in den vorgegebenen Rahmen einpassen. Frau Esslinger wiederum lebt recht und schlecht mit dem Widerspruch, dass sie "Sicherheit und Ordnung der Anstalt gewährleisten" muss und "gleichzeitig betreuen, ein Stück weit auf den Weg helfen. Das ist eine ganz hohe Anforderung, das muss man einfach mal sehen."

Wie Marion hat die Hälfte der inhaftierten Frauen in Deutschland Missbrauch und Gewalt in ihren Familien erlebt. Auch Nicole. Sie ist Anfang 30, Malergesellin, vor einigen Jahren hat sie das Haus der Familie angezündet und den Luxus-Wagen des Vaters. Sie erzählt, wie sie jene Nacht über vor dem Haus wartete, bis sie die ersten Vögel hörte. Sie wusste: "Ich würde alles verlieren, wenn ich so was tu, aber mir war das wichtiger, diesen Punkt zu setzen, ein Ende zu setzen." Von klein auf haben Vater und Bruder sie vergewaltigt und missbraucht, und die Mutter hat sie verletzt. Ihre Notrufe wurden weder von Lehrern noch von Bekannten wahrgenommen. Alle waren "überfordert", wie sie sagt. Auch die Richter, die ihr so weit glaubten, dass sie das Erlebte strafmildernd berücksichtigten, aber nicht genug, um sie freizusprechen und eine Anklage gegen Vater und Bruder in Gang zu setzen. Die Unfähigkeit der Umgebung, auf solche Notsituationen zu reagieren, ist schuld daran, dass es vielen Frauen nicht gelingt, sich durch einfaches Weggehen zu befreien.

Nicole ist eine von jenen, über die die Bedienstete Bäuerle sagt: "Wir haben einige Täterinnen, die vorher Opfer waren. Und die müssen sich eigentlich nur vorwerfen lassen, dass sie viel zu lange ertragen haben, bevor sie wirklich mal gesagt haben: So, jetzt nicht mehr." Nicole wird bald aus dem Knast entlassen. Sie wird eine sein, die sich erlöst hat, durch ihre Tat und durch ihr Nachdenken. Lieber wäre es ihr inzwischen, sie hätte mit den anderen Frauen gemeinsam gegen die Gewalt gekämpft, sagt sie. Sie hat noch die Chance dazu. Sie ist ein Mensch zwischen Leichtigkeit und Traurigkeit. Als sie erzählte, wie sie über den glänzenden Wagen des Vaters Benzin goss und in Sekunden das Feuer hochschoss und kurz ihre Genugtuung von damals aufleuchtete, ging ein zustimmendes Lachen und Raunen durch das Kino, eine Art Erleichterung: keine Asche aufs Haupt.

Helga Reidemeister hat viele, auch mit Preisen bedachte Dokumentarfilme gedreht, über Ernst Bloch und seine kluge Frau Karola (1980), über den Exodus der Soldaten der sowjetischen Armee nach der Wende und ihre Rückkehr in eine darauf nicht vorbereitete Heimat in der Krise, über Rudi Dutschke. Einen Film hat sie in einem kroatischen Krankenhaus mit bosnischen Verwundeten während des Krieges gedreht. Zuletzt also das schwäbische Gefängnis. Es war ein offener Entstehungsprozess. Sie wollte, dass es so von den Behörden akzeptiert wird und weigerte sich, vorher ein Konzept einzureichen. Mit Erfolg, die Drehgenehmigung wurde ihr tatsächlich gegeben.

Der Film wird nun in den verschiednen Kinos, auch im Rahmen von Veranstaltungen mit Diskussionsmöglichkeiten vorgeführt. Justizministerin Herta Däubler-Gmelin war einmal dabei. Sie war überrascht, leider würden ihr selbst die Gefängnisse, die sie besucht, noch trostloser, düsterer, hoffnungsloser vorkommen als die Haftanstalt im Film. Die Familie sei kein Hort der Geborgenheit, stimmte sie zu. Schließlich würden pro Jahr 45.000 Frauen in Frauenhäuser flüchten, zahllose weitere gingen in der Not zu Freundinnen und Verwandten, Missbrauch, so werde geschätzt, gebe es in jeder fünften Familie.

Die Justizministerin wurde immer wieder gefragt, ob nicht die erlittene Gewalt strafmildernd gelten müsse. Es würde im Gesetz schon so stehen, antwortete sie fast resigniert, komme aber kaum zur Geltung wegen des unendlichen Problems der Beweisbarkeit. Müssten nicht aber für Mütter andere Regeln gelten? In der Rechtswissenschaft ist anerkannt, dass straffällige Frauen eine "geringe Sozialschädlichkeit und Gefährlichkeit" auszeichne. Müssen sie überhaupt für Jahre hinter Gitter? Ist es nicht verrückt, fragt eine Diskussionsteilnehmerin: Nicole konnte erst durch ihre Gewalttat aufmerksam machen auf die Gewalt, die ihr angetan wurde. Und nun weiß die Gesellschaft nichts anderes, als wiederum mit Gewalt zu antworten, mit der strukturellen Gewalt des Gefängnisses, den verschlossenen Türen.

Die Justizministerin räumt es ein: Auf Gewalttaten antwortet die Justiz mit Gewalt. Und das nimmt zu. Vom Bundesverfassungsrichter Winfried Hassemer stammt der Hinweis, dass noch vor wenigen Jahren an Universitäten die grundsätzliche Debatte über den Sinn von Strafe geführt werden musste. Heute hingegen würden Studenten diese Frage nicht mehr stellen, wie auch außerhalb der Universitäten niemand sie stellt. "Eher zurückschlagen als nachfragen, eher strafen als heilen oder gar verzeihen. Nicht Härte muss heute erklärt und gerechtfertigt werden, sondern Nachgiebigkeit." So der Bundesverfassungsrichter.

Was fehlt im Film? Helga Reidemeister zählt es selbst auf: Der graue Alltag. Aggressionen der Frauen untereinander. Die Ausländerinnen im Knast kommen nicht vor. Auch ältere Frauen fehlen, die dort ohne Perspektive, ohne Erwartung ans Leben sitzen. Die Arbeit im Knast ist nur in wenigen Szenen zu sehen. Eine der starken Szenen ist nicht im Film: Sie zeigt die Umetikettierung von Produkten, die aus Asien angeliefert werden und in Kartons mit deutschen Firmenzeichen umgepackt werden. Im Akkord. Angesichts der Tatsache, dass Frauen wegen Scheckbetrugs oder ähnlichem verurteilt wurden, war für Helga Reidemeister dieser staatlich geschützte Betrug grotesk. Den Frauen zuliebe hat sie Selbstzensur geübt. Die Firmen, deren Logos im Film auftauchen, könnten die Aufträge zurückziehen und damit die Arbeitsplätze weiter verringern. Von 300 Frauen in Gotteszell waren Anfang dieses Jahres 100 ohne Arbeit, somit den ganzen Tag in ihre Zellen eingesperrt und ohne die Gelegenheit zum Verdienst. Der nur 7,39 bis 9,41 Mark pro Tag beträgt. Aber das ist wieder ein anderes Kapitel.

Der Film Gotteszell ist im März 2001 in den Kinos gestartet. Zur Zeit ist er in etlichen deutschen Städten zu sehen, unter anderem in München (bis zum 30. 9.) in Bonn (am 7. 10.), in Bielefeld (am 8., 9. und 31. 10.), in Münster (am 9. und 10. 10.), in Köln (am 11. 10.), in Wuppertal (vom 12.bis 18. 10.), in Lübeck (am 24. 10.), in Berlin Hellersdorf( am 31. 10), in Kiel (12. bis 14. 11.), in Hamburg (19. bis 21. 11.), in Lübeck (22. bis 23. 11.).

Nähere Informationen unter www.basisfilm.de

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00:00 28.09.2001

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