„Dass ich Sie zutiefst liebe“

Ausstellung In Oberhausen wird die bisher unbekannte Verbindung zwischen Marlene Dietrich und der „Nazi-Jägerin“ Beate Klarsfeld sichtbar
Rainer Komers | Ausgabe 02/2017 4

Zwei Frauen, zwei Berlinerinnen, dann Pariserinnen, beide weltberühmt: Beate Klarsfeld, die „Nazi-Jägerin“, durch ihre Kiesinger-Ohrfeige, Marlene Dietrich, die Schauspielerin, Sängerin und Diva, durch ihre Filme und Auftritte. Zwei Antifaschistinnen, deren moralische Rigorosität heute fast vergessen scheint und die jetzt von der Gedenkhalle in Oberhausen mit einer Sonderausstellung und einem Film gewürdigt werden. Eine Feier ohne Scheinwerfer, ohne Feuilleton, obwohl die weltberühmte Beate, die zusammen mit ihrem Mann Serge nach SS-Verbrechern wie Klaus Barbie und Kurt Lischka gefahndet hat, eigens aus Paris nach Oberhausen gekommen war, erst zur Ausstellungseröffnung, dann zur Filmpremiere im Kino Lichtburg.

Es geht um eine Verbindung, die nicht bekannt ist. Zwischen Beate und Marlene. Kurz nach der Befreiung besuchte die Dietrich, die sich nach 1933 von Nazi-Deutschland losgesagt hatte und US-Bürgerin geworden war, im Rang eines Captains das KZ Bergen-Belsen, wo man ihr alles zeigte. 10.000 Leichen, 20.000 Häftlinge, die im Sterben lagen: „The smoke was still rising from the chimneys.“ 1987, als sie, 86-jährig, schon Jahre in ihrer Pariser Matratzengruft lag, aber lebhaft am Weltgeschehen teilnahm, erfuhr sie anlässlich der Eröffnung des Barbie-Prozesses von Beate Klarsfeld, die den „Schlächter von Lyon“ in La Paz aufgespürt und 1983 seine Auslieferung an Frankreich erwirkt hatte.

Marlene Dietrich griff zum Telefon und wählte Klarsfelds Nummer: „Meine Liebe, ich bewundere, wie Sie es schaffen, diese Nazi-Verbrecher aufzuspüren.“ Und in einer Briefkarte, die sie ihr schickte: „Liebe Frau Klarsfeld, ich schreibe Ihnen, um Ihnen zu sagen, dass ich Sie bewundere, dass ich Sie zutiefst liebe, und dass ich sicher bin, Sie wissen, warum. Da ich Atheistin geworden bin, kann ich nicht sagen: Gott segne Sie! Marlene Dietrich“. Beate Klarsfeld sagte später über ihre Bewunderin: „Sie hat einen sehr harten Charakter gehabt. Wenn sie etwas wollte, dann hat sie es durchgebracht. Die andere Seite von Marlene war ihr Mitgefühl für Nazi-Opfer.“ Alles kam wieder hoch in ihr, auch die Wut auf die Verbrecher. Gleichzeitig wünschte Marlene, sie könnte vergessen: „I shouldn’t let it eat me up like this.“

Patriotische Deutsche

Die kurzen Botschaften der 40 Jahre älteren Schauspielerin sind Ausgangspunkt für Beate und Marlene, einen Film von Clemens Heinrichs (der auch die Gedenkhalle leitet) und Hendrik Lietmann. Die Autoren schildern die gemeinsame Herkunft der beiden Berlinerinnen aus „preußisch“ gesinnten Familien. Deren Angehörige waren zwar nicht in der NSDAP wie der geohrfeigte Kanzler Kiesinger, aber der Arm wurde gehoben und in der Wehrmacht gedient (Beates Vater) beziehungsweise eine Kantine für die SS neben dem KZ Bergen-Belsen betrieben (Marlenes Schwester Elisabeth).

Die beiden berühmten Frauen, die sich persönlich nie begegnet sind, verstehen sich als deutsche Patriotinnen. Marlene Dietrich auf die Frage des Spiegels, warum sie gegen die Nazis gekämpft hat: „Aus Anstandsgefühl.“ Und Beate Klarsfeld gegenüber der taz: „Ich bin mit den höchsten Ehren in Frankreich ausgezeichnet worden. Das israelische Parlament hat mich zweimal für den Nobelpreis vorgeschlagen. In den USA bin ich geehrt worden. Warum soll ich nicht stolz sein, Deutsche zu sein? Ich werde als Deutsche geehrt. Ich habe eine Brücke geschlagen zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volk. Darauf kann man doch stolz sein.“

Die Klarsfeld 1974

Foto: Imago

Ihre spätere Lebensaufgabe hat beiden Frauen nicht an der Wiege gestanden, nicht dem kessen Fräulein Dietrich, das der Filmregisseur Josef von Sternberg auf der Suche nach seiner Lola-Darstellerin im Berliner Theater in der Charlottenstraße entdeckte, und nicht dem Au-pair-Mädchen Beate, geborene Künzel, dem der jüdische Politikstudent Serge Klarsfeld auf einer Metrofahrt in Paris die Telefonnummer entlockte und ihm schon bald nach dem ersten Rendezvous von den Geschwistern Scholl erzählte: „Für meinen Mann Serge (dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde) gab es Hans und Sophie Scholl. Vielleicht hätte er sonst gar nicht mit einer Deutschen gesprochen.“

„How can they forget Auschwitz?“ Die rhetorische Frage Marlenes galt und gilt auch mir, dem Schreiber dieser Zeilen, und sie stand seit meiner Schulzeit auch über meinem Leben. Sie beherrschte meine ersten Filme, meine ersten Reisen nach Krakau und Riga und schien vorübergehend in den Hintergrund zu treten mit dem Fall der Berliner Mauer, den ich als das Ende der Nachkriegszeit verstand. Nur um mich wieder einzuholen auf Reisen als Kameramann nach Oświęcim (Auschwitz), zu den NS-Lagern Les Milles, Majdanek und Sobibór in Polen und auf der mörderischen Spur eines Duisburger Waffen-SS-Mannes in Deutsch Schützen im österreichischen Burgenland.

Späte Rehabilitierung

Und jetzt dieser Film der Gedenkhalle Oberhausen, der die Zuschauenden in die anrührende Geschichte zweier Aktivistinnen eintauchen lässt, die im Kampf gegen die Nazis ihr Leben und ihre Freiheit aufs Spiel setzten, wie Marlene Dietrich bei ihren Auftritten vor den GIs 1944 an der italienischen Front oder Beate Klarsfeld, als sie sich 1972 in La Paz vor dem Haus von Klaus Barbie ankettete – und die beide nach ihrer Schmähung als „Landesverräterin“ oder „Nestbeschmutzerin“ in Deutschland lange auf ihre Rehabilitierung warten mussten.

Info

Marlene Dietrich. Die Diva. Ihre Haltung. Und die Nazis ist bis 29. Januar in der Gedenkhalle in Oberhausen zu sehen; ab Mai in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens in Eupen

Dort findet anlässlich des Holocaust-Gedenktags am 27. Januar auch die Aufführung der Dokumentation Beate und Marlene statt. Der Film kann bei der Gedenkhalle Oberhausen bestellt werden: info-gedenkhalle@oberhausen.de

06:00 25.01.2017

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