Christof Potthof
17.10.2012 | 11:39 2

Daumen drauf

Gentech Industrieunternehmen verhindern unabhängige Forschung und die Politik hat keine rechtliche Handhabe dagegen

Daumen drauf

Die letzte Entscheidung, Wissenschaftlern Zugang zu gentechnisch verändertem Saatgut zu gewähren, liegt bei den Firmen selbst

Foto: Scott Barbour/Getty Images

"Legal kann zu vielen kritischen Fragen keine wirklich unabhängige Forschung durchgeführt werden.“ Diesen Satz schrieb eine Gruppe von Wissenschaftlern 2009 im Rahmen einer Konsultation zu den Umweltwirkungen von gentechnisch veränderten Pflanzen an die US-Regierung. Aufgrund von patentrechtlichen Regulierungen hätten die Eigentümer der Gentech-Pflanzen, Konzerne wie Monsanto, Bayer CropScience, BASF und andere, letztendlich immer ein Wörtchen mitzureden, wer Forschung mit ihren Pflanzen durchführt.

Keine unabhängige Risikobewertung möglich

„Ja, ja, in Amerika – da machen die Konzerne eh, was sie wollen“, mag der letztendlich doch staatsgläubige Europäer denken ... doch weit gefehlt: Im vergangenen Jahr verkündete der zuständige EU-Kommissar John Dalli, er habe EuropaBio, den Lobbyverband der europäischen Biotech-Industrie, aufgefordert, Wissenschaftlern einen einfachen Zugang zu gentechnisch verändertem Saatgut zu gewährleisten, damit diese alle Untersuchungen wiederholen können, die Teil der Risiko-Bewertung sind. Wohlgemerkt: 15 Jahre nachdem die ersten gentechnisch veränderten Pflanzen nach Europa kamen. Auf Nachfrage gestand die EU-Kommission jedoch in diesem Jahr ein: Die letzte Entscheidung, Wissenschaftlern diesen Zugang zu dem gentechnisch veränderten Saatgut zu gewähren, liegt bei den Firmen selbst.

Die EU und die Bundesregierung haben keine rechtliche Handhabe, um Herrn Monsanto, Frau Bayer oder die alte Tante BASF nach Brüssel oder Berlin zu bestellen und deutlich zu machen, dass es keine Zulassung für irgendeinen gentechnisch veränderten Organismus als Saatgut, Futtermittel oder Lebensmittel gibt, wenn der entsprechende Konzern nicht jedem Wissenschaftler und jeder Wissenschaftlerin das notwendige Untersuchungsmaterial zur Verfügung stellt.

Bei all den Scheinargumenten, die derzeit über Medien ausgetauscht werden, wird viel zu schnell vergessen, dass sich weite Teile von Wissenschaft, Politik und Verwaltung längst ins industrienahe Abseits manövriert haben.

Christof Potthof ist Mitarbeiter des Gen-ethischen Netzwerks

Kommentare (2)

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Ehemaliger Nutzer 17.10.2012 | 21:41

Seltsamer Widerspruch.

"Die EU und die Bundesregierung haben keine rechtliche Handhabe, um Herrn Monsanto, Frau Bayer oder die alte Tante BASF nach Brüssel oder Berlin zu bestellen"

Lieber Christof, wozu glaubst du gibt es Politik? Damit sie Gesetze befolgt oder welche macht? Wenn sie keine rechtliche Handhabe hat, dann nur, weil sie selbst es nicht will.

Martin Gebauer 03.11.2012 | 18:38

Die Gen-Verschwörung – Eine Spurensuche

Kritische Dokumentationen über Gentechnik und gentechnisch veränderte Landwirtschaftsprodukte wie Mais und Soja gibt es inzwischen ja doch einige – sehr erfreulich, dass Monsanto & Co. ihr schändliches Treiben nicht ohne Widerstand durchführen können. Die Doku „Die Gen-Verschwörung – eine Spurensuche“ lief letztes Jahr auf Phoenix, ist aber schon etwas älter, und zeigt weitere Facetten der zum Teil bedrohlich wirkenden Strukturen der Gentechnik-Konzerne:

Wie gefährlich ist die Gentechnik wirklich?
Bei seiner Recherche in Belgien und den USA findet der Film eine Menge ungeklärter Fragen zur Sicherheit gentechnisch veränderten Essens, wirft einen Blick hinter die Kulissen der Biotech-Industrie und stößt auf ein Netzwerk auf Politik und Wirtschaft bei Zulassungsverfahren. In Argentinien findet Ladwig einen bislang völlig unbeachteten Aspekt der Gentechnik: den einseitig massiven Einsatz von Pestiziden bei gentechnisch verändertem Saatgut, denn die Hersteller dieser sogenannten GMO`s sind weltweit agierende Chemieunternehmen. Die Recherche beleuchtet erstmals auch die wirtschaftlichen und politischen Hintergründe der Gentechnik.

Quelle:

http://konsumpf.de/?p=14396