David als Goliath

Medientagebuch Der Streit in der "Berliner Zeitung" berührt die Zukunft des Journalismus, bietet aber keine Lösungen

Auf den ersten Blick ist die Sache klar. Der britische Geschäftsmann David Montgomery ist wie eine "Heuschrecke" über die Berliner Zeitung hergefallen und nimmt sie jetzt aus. Im Grunde kann man diese Geschichte in zig Variationen immer wieder lesen, seit Montgomery den Berliner Verlag, zu dem auch der Berliner Kurier gehört, im Jahr 2005 kaufte. Höhepunkt war und ist die Berufung eines Chefredakteurs für die Berliner Zeitung, der zugleich Geschäftsführer ist und Rendite bringen soll. Aus einer Qualitätszeitung, die freilich nie ihren Nach-Wende-Anspruch erreicht hat, die deutsche Washington Post zu werden, wird ein Rendite maximierendes Billig-Produkt. Doch so einfach ist der Vorgang nicht: Am Ende dürfte es eher das Problem sein, dass Montgomery mit Ausdauer seine Vorstellungen davon verwirklichen will, wie man - so kann man über ihn lesen - den "Newsroom näher an das Anzeigengeschäft" rückt, um Print-Zeitungen gegenüber dem Internet konkurrenzfähig zu machen. Das Drama um die Redaktion der Berliner Zeitung wäre damit nicht weniger schlimm, sondern sogar beispielhaft für weitere Dramen in den Redaktionen von Qualitätszeitungen.

Das Verlegen, Herausgeben und Produzieren von Zeitungen war schon immer ein Problem. Denn einerseits kann man ohne Kapital keine Zeitungen machen. Andererseits wollen Leser aber eine von wirtschaftlichen Partikularinteressen unabhängige Redaktion, Berichterstattung und Kommentierung haben. Dass Verleger ihre Zeitungen nutzen, um ihre persönlichen Wertvorstellungen zu propagieren (Springer oder Augstein in der Bundesrepublik) oder gar Politik zu machen (Hugenberg in der Weimarer Republik), ist immer wieder ein Problem. Eine ideale Lösung dafür gibt es nicht. Verstaatlichen ist kein Rezept, sondern macht das Interessen- und Propagandaproblem noch größer. Man schaue etwa auf Italien und Frankreich. Öffentlich-rechtliche Lösungen, wie sie der Rundfunk in Großbritannien und Deutschland kennt, sind praktikable Lösungen, aber im Detail (in den Rundfunkräten und den Anstalten selbst) manchmal skurril und auf jeden Fall nicht fortschrittsfreundlich. Es ist kein Zufall, dass die von Adenauer nicht aus edlen Trieben heraus geschaffene, "staatliche" Konkurrenz zur ARD, das ZDF, notwendig war, um das Fernsehen zu modernisieren, und schließlich erst die Privaten wirklich etwas Neues brachten (wenn auch durchaus nicht nur Gutes).

Ob man sich öffentlich-rechtliche Zeitungen wünschen sollte, kann mit Fug und Recht bezweifelt werden. Da man mit Zeitungen Geld verdienen kann, wäre ein solches Modell auch kaum wettbewerbsrechtlich durchsetzbar.

Die traditionelle Lösung zur Schlichtung von Verlegerinteressen und den Notwendigkeiten für einen freien Journalismus besteht in der Trennung von Verlag und Redaktion; institutionalisiert durch einen rein dem Journalismus verpflichteten Chefredakteur (und oft unterstützt durch entsprechende Redaktionsstatuten). Dadurch können sich das berufsständische Ethos der Journalisten und der Leserwunsch nach Unabhängigkeit am ehesten gegenüber Verlegerinteressen behaupten. Dass das im Detail oft Konflikte bringt, versteht sich von selbst.

Gegen diese Trennung hat David Montgomery bei der Berliner Zeitung verstoßen. Und prompt gibt es jede Menge furchtbarer Konflikte. Wenn Montgomery es wirklich ernst meint mit seiner Idee einer trotz Internet konkurrenzfähigen Zeitung, dann muss er die Trennung von Geschäft und Redaktion wieder herstellen. Erst dann wird das eigentliche Problem vernünftig diskutierbar sein: mit wie viel Aufwand und zu welcher Rendite eine Qualitätszeitung machbar ist.

Vielleicht erledigt sich das akute Problem von selbst. Da man zum Zeitungsmachen Kapital und einen langen Atem braucht, ist es sinnvoll gleich mehrere Zeitungen zu verlegen, um das Auf und Ab in diesem Geschäft intern ausgleichen zu können. Das war auch die Strategie Montgomerys. Aber bisher ist es ihm nicht gelungen, tatsächlich einen Zeitungskonzern zu schmieden. In Deutschland konnte er zwar nicht nur den Berliner Verlag, sondern auch die Netzeitung und die Hamburger Morgenpost kaufen. Der - laut Berichten - versuchte Kauf der Financial Times Deutschland scheiterte aber genauso wie der der Süddeutschen Zeitung. Und für sein britisches Kerngeschäft Mecom sieht es derzeit nicht gut. Vielleicht verliert Montgomery einfach die Lust. Gute Rendite lässt sich in anderen Branchen auch machen.

Die Probleme von Qualitätszeitungen in der Konkurrenz mit dem Internet werden dadurch aber nicht verschwinden. Und das taz-Modell der Selbstausbeutung ist nicht auf beliebig viele Zeitungen übertragbar. Es gibt keine einzige weitere Tageszeitung nach dem taz-Modell. Und unter den Wochenzeitungen findet man systematische Selbstausbeutung auch nur beim Freitag.

Gert G. Wagner ist Professor für Volkswirtschaftslehre und ab April für ein Jahr Fellow am Max Weber Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien in Erfurt.

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