David vs. Goliath

Sportgeschichte Judentum und Boxen? Das passt sehr wohl zusammen – davon zeugen die Aktualität und die Wurzeln dieses Kampfsports

Dmitriy Salita ist 27 Jahre alt, lebt als orthodoxer Jude mit einem ukrainischen Pass in New York – und ist kein Boxweltmeister. Aber der Reihe nach: Dmitriy Salita verlor am Samstagabend in Newcastle gegen den Engländer Amir Khan den Kampf um die Weltmeisterschaft im Superleichtgewicht der WBA. Salita verpasste damit die Chance, binnen vier Wochen der zweite jüdische Profiboxweltmeister zu werden, der bei einem der vier als halbwegs seriös geltenden Verbände geführt wird. Erst im November hatte Yuri Foreman, 29, ein aus Weißrussland stammender und in New York lebender Israeli, seinen Titelkampf gewonnen: Foreman ist jetzt WBA-Weltmeister im Superweltergewicht.

Dmitriy Salita und Yuri Foreman halten beide die jüdischen Regeln, essen koscher und ruhen am Schabbat. Beide studieren an einer Yeshiwa, einer Talmudschule. Foreman absolviert da sogar ein Rabbinatsstudium. Der geistliche Beruf und das Berufsboxen seien kein Widerspruch, sagt Foreman. „Ich schlage ja nicht wild um mich, sondern ich betreibe meinen Sport sehr ernsthaft.“ Sein Studium helfe ihm vielmehr, sich zu konzentrieren. Dmitriy Salita sieht das ähnlich. „Gott will, dass wir hart arbeiten“, sagt er. „Ich verbreite meinen Judaismus auf meine Weise.“

Bloßer Zufall, dass zwei orthodoxe Juden, die aus der früheren Sowjetunion stammen, zur gleichen Zeit in die Weltspitze des Boxens vorgedrungen sind, ist es nicht. Der Soziologe Jeffrey T. Sammons hat am Beispiel der USA nachgewiesen, dass es eine erstaunlich genaue Korrelation zwischen stark benachteiligten ethnisch-sozialen Gruppen gibt, die kurz vor ihrem sozialen Aufstieg stehen, und ihrer Bedeutung im Profiboxen. Im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts waren das, in dieser Reihenfolge: die Iren, die Juden, die Polen, die Italiener, die Afroamerikaner, zuletzt die Hispanics. Neuerdings sind es Belorussen, Ukrainer, Kasachen, Russen, also Immigranten aus der früheren Sowjetunion. Viele von ihnen sind gut ausgebildet, etwa die ukrainischen Klitschko-Brüder, die Söhne eines Luftwaffengenerals und promovierte Sportwissenschaftler sind. Nicht wenige sind Juden, etwa die Talmudschüler Yuri Foreman und Dmitriy Salita. Verkürzt gesagt: Sie repräsentieren eine soziale Gruppe, die sich durchschlagen muss, obwohl sie gut ausgebildet ist. Und die sich durchschlagen kann, weil sie gut ausgebildet ist.

Abwehr von Antisemitismus

Das Phänomen ist in der Boxgeschichte nicht neu. Schon der erste inoffizielle Weltmeister war Jude: Daniel Mendoza, ein Sepharde aus London mit spanischen Wurzeln, war von 1794 bis 1795 der Mann mit den härtesten Fäusten der Welt. Bevor Mendoza gegen Geld boxte, jobbte er als ungelernter Arbeiter, Kaufmannsgehilfe und Schauspieler. Im Boxen hatte er Erfolg, weil er den Sport ernst nahm: Er verfasste auch das Buch The Art of Boxing und stand im Ring für eine beinah wissenschaftlich begründete Form des Faustkampfs, die sich von der Ästhetik früherer Wirtshausraufereien deutlich unterschied. „Mehr als jeder andere vorherige Kämpfer setzte Mendoza auf Fußarbeit, Jabs und Verteidigung anstelle von roher Gewalt“, heißt es im Standardwerk Boxing Register der International Boxing Hall of Fame.

Dass es ein Jude war, der diesen Erfolg hatte, war kein Zufall. Young Dutch Sam, Aby Belasco oder Barney Aron waren andere jüdische Boxer, die damals populär waren. Zwischen 1760 und 1820 gab es mindestens 30 jüdische Preiskämpfer im Großraum London. Das Publikum rekrutierte sich überwiegend aus der jüdischen Bevölkerung, auch wenn der Sport im offiziellen Judentum umstritten war: Nachdem sie um 1800 zur Werbung für ihre Kampfabende Sprüche wie „The Covent Garden Synagogue -- Mendoza the Grand Rabbi“ oder „Oppose Shylock and the Jews“ auf Aushängen verwendet hatten, drohte ihnen das Oberrabbinat mit Exkommunikation.

Schon bei den frühen jüdischen Profiboxern ging es auch um Abwehr von Antisemitismus. Als Mendoza gegen Richard Humphries kämpfte, wurde dies beworben als „Der Jude“ gegen den „Gentleman Fighter“. Mendoza gewann, er wurde der erste Jude, der mit König George III. sprechen durfte. Mit dem Aufstieg der Juden in der englischen Gesellschaft schwand ihre boxerische Repräsentanz im Ring.

Sie kam erst in der US-Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts wieder. Da war Boxen ein „jüdischer Sport“, wie der Historiker Allen Bodner sagt. Zwischen 1910 und 1940 gab es 27 jüdische Boxweltmeister; die besten waren Benny Leonard und Barney Ross. Der Schriftsteller Budd Schulberg schreibt über Leonard: „Wenn man ihn mit dem sechszackigen jüdischen Stern in den Ring steigen sah, nahm man süß Rache für all die blutigen Nasen, aufgeplatzten Lippen und das Spottgelächter über blasse, kleine jüdische Jungs, die in der Nachbarschaft Spießrutenlaufen mussten.“ Warum der Boxsport für Juden eine große Attraktivität besaß, hat der Historiker Peter Levine erforscht. „Sport ist mehr als eine einfache Einrichtung, die der Assimilation hilft“, schreibt er und verweist darauf, dass es ja meist Einwandererkinder waren, die zum Boxen kamen: „Sowohl als tatsächliche Erfahrung als auch auf einer symbolischen Ebene animiert der Sport zur aktiven Teilhabe von Immigranten und ihren Kindern, damit sie ihre eigene Identität als Juden und als Amerikaner ausdrücken können.“

Mit Erfolg. „Die Juden waren absolut und komplett Teil dieses Sports in seinem Goldenen Zeitalter“, sagt Mike Silver, Sportjournalist und Kurator einer Ausstellung zum Thema jüdisches Boxen. „Man konnte sich nicht auf das Boxen einlassen, ohne auf Juden als Trainer, Manager, Kämpfer, Veranstalter oder Journalisten zu stoßen.“

Wie groß die Bedeutung von Juden war, zeigt, dass einer der berühmtesten jüdischen Boxer gar kein Jude war: Max Baer, Schwergewichtsweltmeister, 1933 K.o.-Sieger über Max Schmeling, trat stets mit einem Davidstern auf der Hose an und wurde etwa im NS-Blatt „Stürmer“ als „Pfundsjude Bär“ beschimpft. Baer, 1909 in Omaha, Nebraska geboren, hatte sich aber bloß ein jüdisches Image gegeben. Sein Großvater war vermutlich jüdisch, seine Eltern katholisch. Ob er nur seinen Marktwert vor dem mehrheitlich jüdischen New Yorker Publikum steigern wollte, oder ob es ein solidarisches Bekenntnis war, ist bis heute umstritten. Von seinem Manager soll der Satz stammen: „Ich habe ihn unter der Dusche gesehen, er ist definitiv kein Jude.“ Aber in einem kulturellen Sinne wurde Baer als Jude wahrgenommen. Der deutsche Romanist Viktor Klemperer notierte im Juni 1934, als Baer Weltmeister wurde, in sein Tagebuch: „Komisch: welches Vergnügen es mir macht, dass heute gemeldet wird, der Kalifornier Baer habe gegen den italienischen Riesen Carnera die Boxerweltmeisterschaft gewonnen. Baer, der neulich Schmeling schlug, ist Jude. Unsere Zeitung riss ihn gestern herunter und gab alle Gewinnchancen dem Italiener. – So geht jetzt wider allen Willen das Gefühl. Baer = Simson = Goliath – bellum judaicum.“

Kein Kampf der Religionen

Das Phänomen jüdischer Profiboxer, die auch in einer antisemitischen Umwelt Identität stiften konnten, flaute ab. Budd Schulberg beschreibt es so: „Als die Iren zum Mainstream in der Gesellschaft aufschlossen, gab es eine geringere ökonomische Notwendigkeit, den Boxring als Mittel des Aufstiegs zu nutzen. Die Welle der jüdischen Boxer folgte exakt diesem Muster, wie es auch später die Italiener taten.“ Einzelne jüdische Weltklasseboxer standen nicht mehr für ein soziales Phänomen. Die letzten Einzelkämpfer mit WM-Gürtel waren der Halbschwergewichtler Mike „The Kosher Butcher“ Rossman 1978 und der Juniorweltergewichtler „Sweet“ Saoul Mamby von 1980 bis 82 – letzterer war der bislang einzige schwarze jüdische Weltmeister.

Nach 27 Jahren gibt es mit Yuri Foreman wieder einen jüdischen Boxweltmeister. Und Dmitriy Salita verlor am vergangenen Samstag gegen Amir Khan den, wie es in Vorberichten hieß: ersten WM-Kampf eines Juden gegen einen Moslem. Aber einen Kampf der Religionen wollen weder Salita noch Foreman aufkommen lassen, Khan übrigens auch nicht. „Sport ist eine internationale Sprache“, hat Salita vor dem Kampf gesagt. „Gerade wenn wir uns im Wettkampf messen, kann sehr viel Gutes herauskommen.“ Und Yuri Foreman, der angehende Rabbi, sagt: „Es sollte mehr jüdische Boxer geben. Wir müssen nämlich viel mehr gegen antisemitische Stereotype unternehmen: Dass Juden schwächlich seien und so weiter. Ich bin sicher, dass die Juden eine größere Rolle im Boxsport spielen könnten. Sie sind sehr inspiriert und haben eine reiche Geschichte.“

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17:30 08.12.2009

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