De Gaulle hat verstanden

1962 Vor 50 Jahren unterzeichnen Frankreichs Regierung und die algerische Befreiungsfront die Verträge von Evian. Sie beenden ein extrem blutiges Kapitel Kolonial­geschichte

Es soll nach diesem 19. März 1962, als die Verträge endlich unterzeichnet sind, eine sofortige Waffenruhe geben. Die hat aus Sicht des algerischen Front de Libération Nationale (FLN) nicht nur einen Kolonialkrieg einzudämmen und möglichst bald zu beenden, sondern den Übergang in die Unabhängigkeit zu garantieren. Es gilt weiter als beschlossen, dass politische Gefangene freigelassen werden und alle Deportierten wie Emigranten in ihre Heimat zurückkehren dürfen. Für die öffentliche Verwaltung von Algier bis Oran muss umgehend algerisches Personal rekrutiert werden. Außerdem will man in drei bis sechs Monaten ein Referendum abhalten, damit die Algerier selbst über ihre Souveränität entscheiden können.

Frankreich will freilich nicht mit leeren Händen aus seiner Kolonie aussteigen. Es behält sich die Nutzung einiger Militärbasen vor, darunter der Atom-U-Boot-taugliche Höhlenhafen Mers el Kebir. Auch wird man die ertragreichen Ölfelder bis auf weiteres paritätisch ausbeuten. Die Regierung in Paris hat sich wegen dieser Ressourcen lange geweigert, die Sahara-Gebiete in die Unabhängigkeit zu entlassen. Algerien gilt zwar im Unterschied zu anderen Eroberungen der Grande Nation als zum Mutterland gehörendes Übersee-Departement. Doch nun sorgen die Verträge von Evian dafür, dass sich erstmals in 130 Jahren gemeinsamer Geschichte Kolonisatoren und Kolonisierte auf Augenhöhe begegnen.

Trauma Indochina

Bis zum Frühjahr 1962 durften nur die aus Europa stammenden Einwohner Algeriens die politischen Bürgerrechte der Französischen Republik genießen. Von der alteingesessenen Bevölkerung besaßen nur etwa 140.000 Juden die französische Staatsbürgerschaft. Um einen Puffer zwischen Europäern und Muslimen zu haben, war die ihnen 1871 zugesprochen worden, ohne dass sie ihre Religion aufgeben mussten. Genau dies wurde hingegen den Muslimen abverlangt, wollten sie politische Rechte oder auch nur öffentliche Schulbildung in Anspruch nehmen. Allerdings veranlasste das nur wenige Algerier, sich von ihrer Religion abzuwenden. Während sich also die algerischen Juden in die während der fünfziger Jahre annähernd 1,5 Millionen Menschen zählende moderne Europäer-Gesellschaft integriert hatten, blieb das den neun Millionen muslimischen Arabern und Berbern verwehrt. Man drängte sie in wenig fruchtbare Berg- und Steppenregionen ab. Mit den ertragreichen Böden der großen Colons kamen sie bestenfalls als Tagelöhner in Berührung.

Doch wuchsen die Spannungen auch deshalb unablässig, weil der französische Staat alle Parteien der algerischen Muslime für illegal erklärt hatte, die auf demokratischem Wege ihre Gleichberechtigung durchsetzen wollten. Das Versprechen, sie nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu legalisieren, wurde gebrochen. Die Niederlage der französischen Kolonialarmee im nordvietnamesischen Dien Bien Phu von 1954 ermutigte so eine neue Generation von Algeriern, ihr Heil im bewaffneten Kampf zu suchen.

Er begann am 1. November 1954 mit fünf zeitgleich an verschiedenen Orten verübten Bombenanschlägen und dauerte mehr als sieben Jahre. Während des Konflikts ließ Frankreich unter anderem 1956 ein marokkanisches Zivilflugzeug entführen, das mit Ben Bella, Mohamed Khider, Mostefa Lacheraf, Hocine Ait Ahmed und Mohamed Boudiaf Mitglieder der in Kairo residierenden provisorischen Regierung Algeriens an Bord hatte. Gleichzeitig beschimpfte Paris bis zu den Verträgen von Evian die Algerier als „Terroristen“. Nicht nur die um ihre Privilegien fürchtenden Pieds-Noirs – die Algerienfranzosen –, sondern alle Lager in Paris bis zu den Kommunisten lehnten den Gedanken an Algeriens „Autodetermination“ ab. Erst ab 1957 half die KP Deserteuren der Armee, die nicht oder nicht länger in einen Kolonialkrieg ziehen wollten.

Weder massive Bombardierungen noch Folterungen noch Deportationen eines Teils der muslimischen Bevölkerung in bewachte Lager konnten nach 1955 den Widerstand brechen. Um so mehr wuchs in der durch den Abzug aus Indochina gedemütigten Armee die Entschlossenheit, den Fall Algerien unter Ausschaltung der Politik zu regeln. Das gipfelte 1958 in einem Militärputsch. Massenumzüge der in Panik geratenen Pieds-Noirs und die Flucht des Generalgouverneurs Robert Lacoste brachten in Algerien stationierte Generäle wie Jacques Massu und Raoul Salan soweit, für den 13. Mai 1958 in Algier den Generalstreik und eine Demonstration zu organisieren. Die sollten ihnen dazu dienen, sich als wahre Verteidiger der Interessen Frankreichs zu empfehlen. Lautsprecher verkündeten, die Pariser Regierung sei dabei, „Algerien zu verkaufen“. Algérie française! wurde skandiert und Die Armee an die Macht! Die Menge durfte das verwaiste Regierungsgebäude stürmen. Bald flogen Papiere und Schreibmaschinen aus den Fenstern, begeistert bejohlt von fanatisierten Zuschauern. Schließlich verkündeten die Generäle Massu, Trinquier und Thomazo die Bildung eines „Wohlfahrtskomitees“ und verlangten, auch in Paris solle eine „Regierung des öffentlichen Wohls“ installiert werden, „die fähig ist, Algerien als integralen Bestandteil der Republik zu bewahren“.

Zunächst schien der Plan aufzugehen. Der am 1. Juni 1958 zum Ministerpräsidenten ernannte Charles de Gaulle ließ sich drei Tage später von der gleichen Menge in Algier feiern und rief ihr sein berühmtes Je vous ai compris! (Ich habe euch verstanden!) zu. In Wirklichkeit dachte er an eine Trennung von der unhaltbar gewordenen Kolonie. Um jedoch die weiter schwelende Putschgefahr zu bannen, ließ de Gaulle die Generäle noch vier weitere Jahre Krieg führen und sondierte zugleich Möglichkeiten für Verhandlungen.

Terror der OAS

Nach mehreren misslungenen Versuchen kam es am 8. Januar 1961 zu einem Referendum, bei dem sich eine Mehrheit in Frankreich und seinen Kolonien, inklusive Algeriens, für dessen Recht auf Selbstbestimmung entschied. Um das doch noch zu verhindern, wurde am 20. Januar 1961 in Madrid die Organisation de l‘Armée Secrète (OAS) mit dem Wahlspruch – Algerien ist und bleibt französisch! – gegründet. Die Initiatoren – radikale Generäle – machten dann die mit den Evian-Verträgen eingeleitete Transition zur mörderischsten Phase des ganzen Krieges. Die OAS, bestehend aus abtrünnigen Soldaten und paramilitärischen Pieds-Noirs, verübte Anschläge gegen regierungsloyale Offiziere der Armee und jenen Teil der Franzosen in Algerien, die bereit waren, unter einer muslimischen Regierung zu leben. In Algier und Oran kam es nun zu Straßenschlachten zwischen „Europäern“, während die Muslime versuchten, sich in ihren Quartieren zu verbarrikadieren.

Zwar scheiterten die Putschisten, und Algerien wurde am 5. Juli 1962 unabhängig. Aber während der blutigen Monate zuvor hatte sich die Kluft zwischen Muslimen und Algerienfranzosen dermaßen vertieft, dass letztere in einer gewaltigen Fluchtbewegung ihre Heimat verließen. Mit ihnen kehrten auch fast alle Juden dem Land den Rücken, das ihre Vorfahren für fast zwei Jahrtausende bewohnt hatten. Dadurch verloren etliche der in Evian für die Algerienfranzosen getroffenen Vereinbarungen an Bedeutung – so die doppelte Staatsangehörigkeit, die Unantastbarkeit von Eigentum wie auch das Gebot der Straffreiheit für Handlungen, die vor dem Waffenstillstand verübt wurden.

Gerade dieser Passus hätte auch die Harkis schützen können, jene 150.000 muslimischen Hilfskräfte der Kolonialarmee, denen oft die schmutzigsten Aufträge erteilt worden waren – besonders die Folterung ihrer Glaubensbrüder. Für sie bahnte sich die größte Tragödie an. Weil ihr Transfer nach Frankreich nicht vorgesehen war, fielen Zehntausende Harkis Racheakten zum Opfer. Nur ein Teil konnte sich – illegal – ins einstige Mutterland einschiffen, wo sie jahrzehntelang in unwürdigen Lagern dahinvegetierten.

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10:00 25.03.2012

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