Dealer

A–Z Wer sie verachtet, hasst nur das Bedürfnis, das sie stillen – nicht selten das eigene. Und manchmal ist der illegale Handel Vorbote des Fortschritts. Unser Wochenlexikon
Redaktion | Ausgabe 45/2019
Dealer

Foto: Dennis Cox/The Life Images Collection/Getty Images

A

Autoschrauber Leute die Neuwagen erwerben, haben Vertragswerkstätten, du aber hast deine Karre und deinen Schrauber. Schrauber kommen von außerhalb, heißen Sergey, Yves oder Ali und befinden sich außerhalb, also hinter Schöneweide oder Reinickendorf. Schrauber sind nur per Handy mit 0151er-Vorwahl erreichbar. Manchmal gehen sie tagelang nicht ran. Dann musst du es immer wieder probieren. Schrauber rufen nicht zurück. Sie stehen nicht im Branchenbuch und haben keine Webseite. Sie haben genug zu tun.

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Schrauber kriegen jede Karre durch den TÜV. Du vertraust keinem Menschen so sehr wie deinem Schrauber. Deine Freundin hat dich verlassen, deine Eltern sind enttäuscht von dir? Dein Schrauber ist immer für dich da. Also für deine Karre. Also seine Karre, denn er hat sie dir vermacht. Du hast seine Nummer damals von einem Freund bekommen und du gibst sie nie wieder her. Ruth Herzberg

B

Bootleg Der moderne Smartphone-Mensch weiß wenig von Bootleggern, weil niemand mehr auf die Idee kommt, windigen Typen überteuerte Kassetten von unterirdischer Qualität abzukaufen. Das Wort kommt eigentlich aus der Zeit der Prohibition, als Alkoholschmuggler diesen flaschenweise in ihren Stiefelschaften schmuggelten. Wer richtig reich damit werden wollte, brauchte entweder große Stiefel oder Wissen. So wie der gebürtige Berliner George Remus, der „König der Bootlegger“. Er fand eine Gesetzeslücke. Kurzversion: Er produzierte legal medizinischen Schnaps und beklaute sich selbst. Innerhalb von drei Jahren verdiente er so 40 Mio. US-Dollar und ließ es sich in typischer Mafia-Grandezza gut gehen. Der Bootleg-König herrschte fünf Jahre. Dann wurde Remus zu zwei Jahren Gefängnishaft verurteilt. Von seinen Bootleg-Millionen hat er wenig gehabt, seine zweite Frau verprasste es mit dem Undercover-Agenten, der eigentlich Informationen für eine Verlängerung der Haftstrafe finden sollte. Diana Gevers

D

Digitalisierung „Warez“ nannte man Ende der 90er, Anfang der nuller Jahre digitale Schmuggelware, die ihren Weg über obskure Downloadseiten auf Hunderttausende Privatrechner fand. In der Anfangsphase des Internets lud es sich noch ganz ungeniert. Die Seiten waren ohne Umwege aufrufbar, der Download direkt. „Happy sauging“ war der Claim eines von mir bevorzugten MP3-Versorgers. Es wurde schwieriger. Die Musik- und Filmindustrie lief Sturm gegen Raubkopien, als sie herbe Umsatzeinbußen verzeichnete. Weil sie die Digitalisierung unterschätzte, entstand ein riesiger illegaler Markt. Die Dealer wurden pfiffiger: Tauschbörsen, auf denen etliche Nutzer ihre Sammlungen hin- und herzogen, erübrigten das zentrale Lagern der Daten auf einem Server und machten es schwieriger, einen Verantwortlichen zu finden.

Noch immer ist die Warez-Szene aktiv, obgleich der Boom dank der legalen Streaming-Alternativen definitiv vorbei ist. Der Erfolg von Spotify, Netflix und Co. beweist, dass es möglich ist, ein auf illegalem Wege entstandenes Bedürfnis in die Legalität hinüberzuretten. Sollten die Server eines Tages abrauchen, keine Panik: Die Warez-Enthusiasten des vergangenen Jahrzehnts haben etliche Terabytes auf Lager. Konstantin Nowotny

K

Klingelpütz, Synonym des alten Kölner Stadtgefängnisses. Dort warteten 1952 insgesamt 52 Schmuggler, allein 45 aus Mützenich, auf ihren Prozess. Das Dorf, deutsche Exklave auf belgischem Staatsgebiet, war „in schlechter Zeit“ Drehpunkt eines passiven, unbewaffneten Schmuggelrings. Der schmuggelte zwischen 1946 und 1952 circa 1.000 Tonnen belgischen Kaffee. Im Rheinland brachte er es auf das Zwei- bis Dreifache.

Eine Bronzestatue am alten Zollamt in Mützenich erinnert an die Kaffeeschmuggler. Für die hegte der damalige Mützenicher Pastor Scheidt Sympathie. Er besuchte seine in U-Haft sitzenden Schäflein und riet, den Mund zu halten, denn keiner brauche den anderen „heinzeinzulegen“. Einen Punkt konnte auch das Gericht nicht klären: Was wusste der damalige Mützenicher Pastor über die Schmuggler? Helena Neumann

P

Platten Der Ohrwurm Marke West war Fans in der DDR einiges wert. Eine Langspielplatte konnte es auf 130 Ost-Mark bringen. Für Egbert Pietsch, der in den End-80ern den Dienst an der Waffe in Ostberlin antrat, war das ein willkommener Nebenverdienst. Verfolgt wurde eher das Dealen mit illegalen Druckschriften (Raubdruck). Auf eigenen Börsen wurden die Westplatten wenig verborgen gehandelt. Nach dem Mauerfall gründete Pietsch mit dem Erlös das Leipziger Stadtmagazin kreuzer – und stieg selbst ins Printgewerbe ein. Tobias Prüwer

R

Raubdruck Der tiefschwarze Einband gab ihnen den Namen: schwarze Reihe. Im de Munter Verlag in Amsterdam – ein Fantasiename – erschienen, gehörten die Studien über marxistische Dialektik zu den ersten (und berühmtesten) Vertretern der Raubdruck-Kultur der 60er, ohne die die Studentenbewegung nicht denkbar gewesen wäre. „Kampf dem geistigen Eigentum!“, hieß damals, was später die Open-Source-Bewegung weitergeführt hat. Mit dem Auftaktband, Wilhelm Reichs Die Funktion des Orgasmus, wälzte sich die Kommune I im Bett. Nicht Adorno oder Horkheimer folgten, sondern Georg Lukács mit Geschichte und Klassenbewusstsein. Zerlesen und mit überbordenden Anmerkungen versehen, hüte ich ihn in meiner Bibliothek. Ulrike Baureithel

S

Senf Ausgerechnet in Zürich ist der stärkste, gnadenlos in die Atemwege jagende, regelmäßig Tränen in die Augen treibende Senf zu finden. „Sternensenf“ heißt die legendäre Beilage für die Bratwürste, die man beim Bellevue im „Vorderen Sternen“ bekommt. Seit Tomi Ungerer ihn den „besten Senf der Welt“ genannt hat, ist es möglich, kleine Mengen in fest verschlossenen Gläsern mit heim zu nehmen. Offenbar ist es nicht erlaubt, die harmlos erscheinende gelbgrüne Paste außer Landes zu schaffen, telefonische Bestellungen werden jedenfalls nur innerhalb Helvetiens angenommen.

Trotzdem ist es mir gelungen, gleich zwei Freunde in Berlin in die Abhängigkeit zu treiben. Die Mitnahme einiger Gläser ist seither lieb gewonnenes Ritual. Wegen der Konfiszierung der ersten, gedankenlos im Handgepäck mitgeführten Lieferung am Flughafen, ist der Begriff „Flugscham“ für mich anders konnotiert. Ich fahre Zug (Taktik), um die reibungslose Versorgung meiner Kunden zu gewährleisten. Marc Ottiker

T

Taktik Mundraub, Schwarzhandel, Wilderei: Überlebensstrategien nennen Historiker Phänomene, welche ihre jeweils gegenwärtige Gesellschaft als illegal geißelt. So erkennen die Geschichtswissenschaftler zwar den legalen Rahmen früherer Zeiten an, sehen aber auch die Lücken und Miseren, die zum Beispiel soziale Ungerechtigkeiten, Ausbeutung oder Diktatur bedeuten. Denn Krieg, Armut, Hunger sind gewaltige Motoren der Not. Verbietet der Adel das Gewohnheitsrecht, im Wald zu jagen oder Holz zu schlagen? Egal, Mensch Meier macht das trotzdem.

Die „Robin Hood“-Legende dreht sich im Kern um diese Überlebensstrategie. Schmuggel füllte in einem durch Zollschranken zerteilten Reich den Bauch der Familie. Auch das Stoppeln, das Klauben der Erdäpfel von den Kartoffelfeldern, war eine Taktik, um in Nachkriegs- und Kohlrübenwinterzeiten nicht zu vergehen. Weil Menschen überleben wollen, suchen sie sich eben Strategien, um doch nicht zu verhungern oder erfrieren. Da ist der Historiker im Urteil mehr Humanist als der Jurist. Tobias Prüwer

U

Ungeniert wird an manchen Ecken in Deutschland tatsächlich mit allerlei Substanzen gedealt. Inbegriff des schamlosen Drogenhandels ist bundesweit der Görlitzer Park im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Eine Pegida-Brigade aus München störte das so sehr, dass sie sich auf den langen Weg von Süddeutschland bis in die Hauptstadt machte, um Anfang Oktober den „Görli“ zu „besetzen“. Aus der Flächenbesetzung wurde wenig, zur Demo erschienen nur Pegida-München-Chef Heinz Meyer und vier Kameraden. „Wo der Rechtsstaat kapituliert, dealt es sich ganz ungeniert ...!“, stand auf einem Plakat. Die Polizei sicherte mit 140 Beamten das Gelände und verhinderte ein Zusammentreffen der Pegidisten mit der deutlich größeren Gegendemo.

Als Antwort auf diesen Protest stellte ein Kollektiv um den amerikanisch-französischen Künstler Scott Holmquist die Bronzeskulptur „Letzter Held“ (Klingelpütz) im Park auf. Sie zeigt einen Mann mit Smartphone, die Augen wie kurz vor der Ansprache auf den Zuschauer gerichtet. Am Fuß der Skulptur steht eine Tafel, die chemische Verbindungen bekannter Drogen zeigt. Holmquist sagte der Bild, es ginge darum, „wie die Reaktionen auf Park-Drogendealer Ängste, Versuchungen und Wünsche kristallisieren“. Dealer sind das, was Kriminalitätsforscher „broken windows“ nennen. Für einige ein Sinnbild für Verwahrlosung und Ordnungsverlust. Aber eigentlich das Angebot für eine Nachfrage, die oft genug von den Ordentlichen stammt. Konstantin Nowotny

W

Wende Sommer 1991. Mein Vater, ein Freund von ihm und ich sind in Berlin. Das Ziel: die Kongresshalle an der John-Foster-Dulles-Allee, heute unweit vom Kanzleramt. Auf uns wartet ein besonderes Konzert: Es treten Musiker und Tänzer aus Aserbaidschan auf. Nach dem Fall der Mauer gibt es nicht nur Begegnungen zwischen Ost- und Westdeutschen. Es kommen auch viele Besucher aus der Sowjetunion und aus ihren teilweise bereits unabhängigen, früheren Teilrepubliken.

Wir drei Berlin-Besucher, Aserbaidschaner aus dem Iran, treffen auf Aserbaidschaner aus Baku. Nach dem Konzert werden wir von Tänzern eingeladen, sie in ihrem Hotel zu besuchen. In einem Zimmer sehe ich ➝ Platten auf den Betten liegen. Zum Verkauf. Es ist eine Zeit – die UdSSR steht kurz vor ihrer Auflösung –, als eine patriotische Stimmung unter den Aserbaidschanern im Iran und in der neu gegründeten Republik im Norden herrscht. Einige Male wird gar die Grenze gestürmt. Wie die Deutschen wollen sie zusammenkommen. Behrang Samsami

Z

Zucker Searching for Sugar Man, das war der Dokumentarfilm, den alle liebten: die 2012 von Malik Bendjelloul verfilmte Geschichte von Sixto Rodríguez, der in den frühen Siebzigern in den USA zwei erfolglose Folk-Platten aufgenommen hatte. Wenige Jahre später wurden diese im isolierten Südafrika hunderttausendfach verkauft und kultisch verehrt, während Sixto – gealtert unwissend – in Detroit auf dem Bau schuftete. Rodríguez’ schönster Song Sugar Man erzählt von einem Koks-Dealer. Von einem Mann, der den Menschen etwas gibt, was ihnen den Schmerz nimmt: „Sugar man, won’t you hurry / ’Cos I’m tired of these scenes / For a blue coin won’t you bring back / All those colours to my dreams.“ Marc Peschke

06:00 20.11.2019

Ausgabe 22/2020

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