Deep Politics

Staatsterror Die Politik hinter der Politik

Im Freitag vom 31. 07. 2007 befasste sich Matthias Dahlke mit dem Attentat während der Olympiade 1972 in München. In diesem Kontext wird der Schweizer Bankier François Genoud erwähnt. Der folgende Beitrag leuchtet das Umfeld Genouds und die staatsterroristischen Aktivitäten der siebziger Jahre aus.

Der Schweizer Bankier François Genoud (1915-1996) war eng verbunden mit BKA- und Interpol-Präsident Paul Dickopf. Genoud arbeitete in der NS-Zeit für den deutschen Geheimdienst und blieb bis zu seinem Tod überzeugter Hitler-Anhänger. Gegen Ende des Krieges war er mit Paul Dickopf dabei behilflich, das Nazivermögen beiseite zu schaffen. Befreundet war Genoud auch mit Waddi Haddad, einem der führenden Köpfe der Volksfront für die Befreiung Palästinas und mit Ali Hassan Salameh, dem so genannten ›Roten Prinzen‹, einem der Anführer des Schwarzen September. Bei Genoud handelt es sich um einen Mann, - so lässt es sich bei Karl Laske in seiner 1996 erschienenen Genoud-Biografie nachlesen -, der "in der Schweiz stets in Übereinstimmung mit den Nachrichtendiensten gehandelt hat".

Genoud-Freund Paul Dickopf (1910-1973) war für SS, Gestapo und den Sicherheitsdienst tätig. In den fünfziger Jahren baute er das Bundeskriminalamt auf und machte es zur Versorgungsanstalt für alte Nationalsozialisten. Von 1965 bis 1971 fungierte er als Präsident des BKA und von 1968 bis zum 19. September 1972 als Interpol-Präsident. Dickopf war ebenfalls mit Wadi Haddad befreundet. Dickopf, der ab 1943 in der Schweiz operiert hatte, kehrte 1947 als Agent der US-Geheimdienste nach Deutschland zurück. Dieter Schenk, ehemaliger BKA-Beamter, fasst zusammen: "Es [...] hat was von einem Schurkenstück, dass die verbrecherische CIA ihren Mann [Paul Dickopf] an einflussreicher Stelle im Bundeskriminalamt platzieren und später auch innerhalb der Interpol-Organisation unterbringen konnte."

François Genoud, schreibt sein Biograf Laske, war dem Schwarzen September dabei behilflich, verschiedene Konten bei der Banque commerciale arabe in Genf zu eröffnen. Er weist darauf hin, dass Interpol während Dickopfs Amtszeit rein gar nichts gegen den Terrorismus unternommen habe. Das wirft die Frage auf, welche Rolle der Schweizer Nazi-Bankier Genoud, das Bundeskriminalamt, Interpol, die CIA und möglicherweise andere Geheimdienste in Verbindung mit dem Schwarzen September und dem Olympia-Attentat von 1972 gespielt haben.

Doch die Rolle des Terrors und seine Funktion für Staaten ist ein generelleres Thema. Daniele Ganser behandelt in einem Artikel der Schweizer Zeitung Der Bund (20. Dezember 2004) die Nato-Geheimarmeen (Fachterminus: Stay-behind - in Italien unter dem Decknamen Gladio bekannt geworden), die von ihnen praktizierte "Strategie der Spannung". "Deep Politics", die Politik hinter der Politik-Fassade für die Massen, ist sein Themenfeld. Er zitiert den italienischen Richter Felice Casson, der sagt, die Strategie ziele darauf ab, "innerhalb des Landes Spannung zu erzeugen, um konservative, reaktionäre soziale und politische Strömungen zu stärken." Und bezogen auf den Terror zitiert Ganser den Terroristen Vincenzo Vinciguerra: "Man musste Zivilisten angreifen, Männer, Frauen, Kinder, unschuldige Menschen, unbekannte Menschen, die weit weg vom politischen Spiel waren". Terroranschläge treiben wie auch heute die Nachfrage nach staatlichen Sicherheitsmaßnahmen hoch.

Regine Igel erwähnt in einem Freitag-Beitrag (38/2006) General Gianadelio Maletti, Ex-Vize des italienischen militärischen Geheimdienstes SISMI, der darauf hinweist, dass die CIA nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland die Strategie des verdeckt geführten, unorthodoxen Krieges verfolgt habe. Die Autorin wie auch Gerhard Wisnewski in Verschlusssache Terror verweisen auf das Field-Manual 30-31 vom 18. März 1970, - unterzeichnet von General W.C. Westmoreland, Generalstabschef der US-Armee -, das dazu gedient habe, den "zunehmenden Einfluss der Kommunisten in Westeuropa und die neuen sozialen Bewegungen unter Kontrolle [zu] bringen". Erinnert man sich an den vom Verfassungsschutz eingeschleusten V-Mann Urbach, der die Linke in den siebziger Jahren mit Molotow-Cocktails versorgte oder an die bewaffnete Befreiung Andreas Baaders unter den Augen des Verfassungsschutzes, dann lässt sich fragen, welchen Anteil das verdeckte Agieren des Staates auch auf den deutschen Schlachtfeldern des Terrors hatte.


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