Defekte Inselgefühle

Interview Der Künstler Pavel Pepperstein hat 15 Jahre lang auf der Krim gelebt. Ihr Schicksal treibt ihn um
| Ausgabe 10/2015

Seit einigen Jahren ist Pavel Pepperstein in Russland allgegenwärtig. Auch, weil er auf so vielen Kanälen sendet. Neben seiner Arbeit als bildender Künstler schreibt Pepperstein Bücher, er dreht Filme, komponiert und rappt, außerdem tritt er als Kurator und manchmal auch als Schauspieler auf. 2009 vertrat er Russland auf der Kunstbiennale in Venedig mit dem Projekt Victory over the Future – 48 ironisch-feinsinnige Aquarelle künftiger Denkmäler und Bauten, mit denen wir bis ins Jahr 9000 auf der Erde und im Weltall Zeichen setzen werden.

Für seine aktuelle Bildserie Holy Politics wurde ihm in Russland der Kandinsky-Preis zugesprochen. Pepperstein hat viele Jahre hauptsächlich auf der Krim gelebt. Ein Jahr nach deren Annexion durch Russland kann er sich ein Leben auf der Insel nicht mehr vorstellen, seither pendelt er durch Europa. Unser Autor traf den Künstler in Prag.

Pavel Pepperstein wurde 1966 in Moskau geboren und studierte Kunst in Prag. Sein zweibändiger Roman Die mythogene Liebe der Kasten ist in Russland Kult. Er zählt zum engen Kreis der Moskauer Konzeptionalisten. Sein Bild Europa in Trouble war unter anderem auf der Manifesta 10 in St. Petersburg zu sehen

der Freitag: Sie haben fast 15 Jahre auf der Krim gelebt. Was bedeutet Ihnen die Insel?

Pavel Pepperstein: Ich war schon als Kind häufig dort, weil ich oft krank war und mir das Klima der Insel guttat. Die Krim hat heilende Kräfte. Sie stand immer schon für Erholung und unberührte Natur. Gleichzeitig hat sie eine lange Geschichte als militärischer Stützpunkt, auch nach dem Zerfall der UdSSR blieb das so. Etliche Mythen sind mit dieser Symbiose verbunden, man denke nur an Joseph Beuys’ „Tatarenlegende“. Diese Aura hat auch mir gut gefallen.

Vor einem Jahr wurde auf der Krim das Referendum durchgeführt, das zum Anschluss an Russland führte. Es folgten die Krimkrise und die Verschärfung der Lage in der Ostukraine bis hin zum Krieg. Kurz nach der Annexion haben Sie gesagt, dass diese Maßnahme, so strittig sie auch sei, die Insel vor Unheil bewahrt habe.

Stellen Sie sich vor, was in der Ostukraine passiert ist und passiert, wäre auf der Insel vorgefallen. Es war ja kurz davor. Die Krimbewohner sind ein sensibles Völkchen, sie würden ihren Lebensraum um jeden Preis schützen. Dazu kommt, dass die dort lebenden Russen einen recht gesunden russischen Patriotismus pflegen, den es im Mutterland in der Form nicht mehr gibt und den sie sich in meinen Augen nur bewahrt haben, weil die Insel eben nicht zu Russland gehörte. Die Inselbewohner haben jedenfalls die Veränderungen, die sich nach dem Umsturz in Kiew anbahnten, sehr kritisch beäugt. Sie hätten sicherlich gegen die neue Macht und ihre, in meinen Augen falschen, Entscheidungen rebelliert.

Sie meinen das Gesetz, das Russisch als zweite Amtssprache abschaffen sollte. Es wurde doch nie verabschiedet ...

Das ist nicht das Ausschlaggebende. Die angebliche Sprachrepression, über die sich die Krimbewohner aufgeregt haben, findet doch auch in Russland statt, so paradox das klingen mag. Fast in jedem Satz findet man heute ein Fremdwort. Selbst ich verstehe manche russischen Sätze nicht mehr. Entscheidend war, dass Kiew eine symbolische Mauer zu Russland errichtet hat, die immer deutlicher wurde. Und diese Mauer haben besonders die in der Ukraine lebenden Russen klar gesehen; eine Mauer, die ihre geheimen Wunschvorstellungen und Träume zunichtemachte.

Welche Träume?

Viele Menschen auf der Krim haben davon geträumt, wieder zu Russland zu gehören. Ich sagte dann immer nur: „Ja, ja, vielleicht in 200 Jahren.“ Letztlich hat es niemanden interessiert, ob die Überschriften hier und da auf Ukrainisch oder Russisch waren.

Wie sehen Sie die Situation heute, ein Jahr nach der Annexion?

Die meisten Inselbewohner sind recht zufrieden damit, wie alles gelaufen ist. Ich kenne Krim-Tataren und Ukrainer, die weniger glücklich sind; aber auch sie haben sich gleich einen russischen Pass besorgt. Die Blockade durch die Sanktionen ist kontraproduktiv und schafft nur, dass sie sich vom Westen distanzieren.

Sie waren auf der Krim sehr produktiv. Die ersten Bilder der Serie „Holy Politics“, in der Sie die Apokalypse als eine Ware des Kapitalismus beschreiben, entstanden dort.

Ja, und nun arbeite ich an einem Film, der den Ort zum Thema hat. Es geht um Agenten, die alle nacheinander unter mysteriösen Umständen sterben beziehungsweise umgebracht werden.

Ein sehr aktuelles Thema ...

Ja, aber mehr kann ich dazu noch nicht sagen. Ich bin auch Agent. Im Film und in eigener Sache.

Die Resonanz auf Ihr Bild „Europa in Trouble“ aus der Serie „Holy Politics“ war groß, es wurde als angeblich wahre Zustandsbeschreibung auch politisch instrumentalisiert. Sie selbst bezeichnen es als eine Art geografische Karte mit halluzinatorischem Charakter.

Die eigentliche Idee zur Serie entstand im Frühling 2013. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich sie auf der Krim für eine Ausstellung in Göteborg gezeichnet habe, da war vom bevorstehenden Konflikt in der Ukraine noch gar nichts zu spüren. Als ich aus den Zeichnungen dann die Großformate erstellt und zuerst im Winter in Moskau gezeigt habe, sah die Lage ganz anders aus. Jeder, wirklich jeder hat plötzlich über Politik und eine mögliche Krise gesprochen, vor der Europa, die Ukraine und Russland stünden. Ich habe schon oft erlebt, dass ich mit meinem ironischen Finger auf Stellen gezeigt habe, die dann plötzlich auswucherten.

Der Patriotismus, den Sie vorhin ansprachen, ist nach der Annexion der Krim auch in Russland wieder erwacht. Jüngst haben russische Netz-Aktivisten die Wortkreation „krymnaš“ (dt. Krimunser) zum Wort des Jahres 2014 gewählt.

Mit einem „gesunden Patriotismus“ hat das wenig zu tun. Diese Zustände müssen wir unterscheiden, so eng sie auch miteinander verbunden sind.

Mag sein, doch die Grenze wird immer undeutlicher. Der Einsatz von Erinnerungsbildern in Verbindung mit der Krim hat in Russland stark zugenommen. Ich meine damit vor allem Filme aus der Sowjetzeit. Die Krim war ja eine Art Hollywood der UdSSR.

Ganz genau. Aber dieses Gefühl der Verbundenheit, das vielen Russen fremd geworden war, hat auch etwas Heilendes. Meine Hoffnung ist, dass sie sich unter dem Einfluss dieses Gefühls nicht zu viel von der Politik diktieren lassen. Auf der Krim war es immer zwischen den Menschen zu spüren. Auch einer der Gründe, weshalb ich sie vermisse.

Warum können Sie sich nicht mehr vorstellen, dort zu leben?

In ihrer unmittelbaren Nähe wurde noch vor kurzem Krieg geführt. Ich hoffe sehr, dass es damit vorbei ist. Vor allem aber ist die Krim nicht mehr die unbeachtete Insel, die sie einmal war. Wenn ich nun von den Vorschlägen höre, auf der Krim eine Art Las Vegas zu bauen, stehen mir die Haare zu Berge. Gleich nach dem Referendum habe ich vorgeschlagen, auf der Insel eine entmilitarisierte Zone einzurichten.

Sie haben einen offenen Brief an die Staatschefs der Ukraine, Russlands, der USA und Europas geschrieben, in dem Sie anregen, die Krim könne doch formal weiter zur Ukraine gehören, was die ukrainische Regierung ja immer noch anstrebt.

Ja, und das meine ich auch so, obwohl mir natürlich bewusst ist, dass es eine utopische Vorstellung ist. Das ginge nicht ohne eine Volksabstimmung, und die Mehrheit der Inselbewohner will ja zu Russland gehören. Mir ging es aber bei dem Vorschlag in erster Linie um den Erhalt der ökologischen Strukturen. Alle reden vom Erhalt der Natur, aber niemand tut etwas dafür. Wenn die urbanen Entwicklungen der letzten 15 Jahre, wie sie in Moskau, St. Petersburg und vielen anderen russischen Städten vollzogen wurden, nun auch die Krim erreichen, ist es leider vorbei mit der Paradies-Insel. Und mit dem Mythos Krim.

Das Gespräch führte Wladimir Velminski. Von ihm erschien zuletzt im Berliner Merve-Verlag das Buch Diagnose: Krim. Kunst und Gewandtheit der Politik

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