Dein Freund, der Baum

Film David Abram fühlt sich intensiv in andere Lebensformen ein
Silvia Hallensleben | Ausgabe 35/2019 3

Unser Verhältnis zur tierischen und pflanzlichen Natur hat sich unter dem Eindruck der ökologischen Krise und dem neu gewachsenen Verständnis für die verschiedenen Formen des Lebens in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Dabei wird die Kritik am anthropozentrischen Weltbild nicht mehr nur von Tierrechtsaktivisten und Ökofreaks, sondern auch von Soziologen und Naturwissenschaftlern unterstützt. Im freien Feld zwischen solchen Positionen steht der US-amerikanische Philosoph und Autor David Abram, der mit seinem 1996 erschienenen Buch The Spell of the Sensuous – Perception and Language in a More-Than-Human World zu einem Guru der Ökologiebewegung wurde. Sein Begriff der „mehr-als-menschlichen Welt“ ist in den Debatten um ökologische Zusammenhänge mittlerweile ein gängiges Stichwort. 2010 erschien Abrams bisher letztes Buch Becoming Animal. An Earthly Cosmology, in dem er die kommunikative Vernetzung des Menschen mit anderen Lebewesen durch die Körpersinne darlegte, die zugleich eine notwendige Einfühlung ermögliche: „Erst der Kontakt und das Miteinander mit dem Nicht-Menschlichen machen uns menschlich.“

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Becoming Animal ist nun auch Titel eines Filmessays, der weniger ein Film über Abram als einer mit ihm ist: nicht biografische Annäherung an die Person, sondern filmische Adaption seiner Arbeit durch die Filmemacher. Emma Davie (I am Breathing, 2012) unterrichtet Film am College of Art in Edinburgh, Peter Mettler (The End of Time, 2012) ist ein altgedienter Dokumentarist, der sich mit Naturphänomenen und Transzendenz beschäftigt und räumlich zwischen Toronto und der Ostschweiz pendelt. Beide arbeiten zum ersten Mal zusammen. Grundgerüst ihres Films sind die Wanderungen und Fahrten der drei (und einer manchmal im Bild sichtbaren Filmcrew) durch verschiedene Landschaften und Abrams bedächtig formulierte Erläuterungen zum Verhältnis zwischen Tier, Pflanzenwelt, Landschaft, Technik und Mensch.

Aus Hirschröhren wird Musik

Weil Tier- und Naturfilme meist mit schwelgerischem Musikeinsatz einhergehen, tut es richtig gut, wenn hier in den ersten drei Minuten einfach nur äsende Elche zu sehen und hören sind, von denen einer sich dann scheinbar aufmerksam Richtung Kamera wendet. Es folgt ein Schnitt, nächtliche Dunkelheit und Menschen mit Taschenlampen, die durch einen Wald stapfen und flüsternd dem Brunft-Röhren der männlichen Tiere lauschen. Dann richtet David Abram, ein mittelalter Mann mit halblangem Haar und Zauselbart, sein Wort direkt in die Kamera und beschreibt sein ehrfürchtiges Staunen vor diesem Gesang als Grundlage aller Musik. Dass dieser durch Tonaufnahme und Reproduktion aus den Kinolautsprechern für andere Menschen hörbar wird, ist ganz im Sinne des Naturphilosophen, der der Technik keinesfalls feindlich gegenübersteht.

Abram ist ein gelehrter Mann mit drei Universitätsstudien in Philosophie, Biologie und Sprachwissenschaften, zwischen denen er einige Jahre lang Erfahrungen im Schamanismus bei indigenen Völkern in Südostasien und Nordamerika sammelte. Einen wesentlichen Schritt der Entfremdung des Menschen vom Rest der Natur sieht er in der Entwicklung der Schrift vom Piktogramm zum phonetischen Alphabet, das den Menschen von der lebendigen Interaktion mit den Objekten seiner Umgebung ganz auf sich selbst und sein Lautorgan reduziere. In den riesigen Werbetafeln mit den bunten bewegten Buchstaben, die in den USA die Landstraßen säumen, sieht er eine neue Art des Animismus, der die alten Berg- und Flussgeister ersetzt. Wenn Abrams erzählt, wie nicht nur er den Baum vor sich fühlt, sondern auch der Baum die Chemie der über seine Rinde streichenden menschlichen Hand erspürt, mag man das – wie einige andere seiner Positionen – für esoterisch halten, es ist aber durch naturwissenschaftliche Forschung gedeckt. Höchst anregend zum Weiterforschen sind seine Überlegungen sowieso.

Später gibt es doch Musik, sie ist wie bei Mettler üblich zwar gewichtig (mit dem wohl unvermeidlichen Arvo Pärt und Choralgesang), doch präzise eingesetzt. Im Bild gelingt es Mettler, der seit Jahrzehnten auch als Kameramann arbeitet, die sinnliche Verschmelzung der Menschen mit der umgebenden Natur auch fotografisch überzeugend zu übersetzen – zwischen raschelnden Bäumen und Landschaftspanoramen findet er manchmal fast psychedelische Bilderwelten. Und dann sitzt die Kamera plötzlich wirklich oben auf dem Rücken eines Vogels und nimmt uns mit auf dessen Flugreise, wie wir es aus anderen Tierfilmen kennen. Der Unterschied hier ist, dass diese sensationelle Perspektive und das damit verbundene „immersive Moment“ in Abrams Programmatik einen stimmigen inhaltlichen Referenzrahmen finden.

Das Genre des Nature Writing, in dessen Rahmen sich David Abrams Buch bewegt, hat im angelsächsischen Raum eine lange Tradition. Davie und Mettler gelingt eine eigenständige, genuin filmische Interpretation dieser literarischen Arbeit. Dabei ist Becoming Animal ein höchst aktueller Film, aber keinesfalls das übliche Polit-Kino, das ein breites Publikum zum Handeln aufrütteln will. Eher geht es um Anregungen zum Nachdenken, Einfühlen und Weiterspinnen als inspirierende filmische Reflexion für eine Menschheit, die ihr Verhältnis zur Welt und den anderen Spezies notwendigerweise neu justieren muss.

Info

Becoming Animal Emma Davie, Peter Mettler Schweiz, Großbritannien, Kanada 2018, 78 Min.

06:00 01.09.2019

Ausgabe 21/2020

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