Dein Geld sind die Berge

Schweiz Wer eine malerische Landschaft hat, der braucht sich um Kulissen nicht zu sorgen: das Sommertheater als Wirtschaftsfaktor.

Kaum hat der Zug Zürich verlassen, ist man mittendrin in der Schweizer Landschaft, wo Berge, Seen und Wälder die Kulisse abgeben für buntes Freilufttreiben. Der See voller Schiffe, am Himmel Gleitschirme, an den Bergwänden Gondelbahnen, auf der Autobahn die Blechlawine. Ziel ist Walenstadt am tiefen, dunkelgrünen Walensee. Und hier sehen wir erstmal vor allem Autos, eine riesige Wiese ist zum Parkplatz umfunktioniert, daneben Metallgitter, Festzelte, WC-Schilder. Wie es halt so aussieht, wenn etwas los ist in der Schweizer Provinz.

Doch wir sind nicht einfach irgendwo in der zersiedelten helvetischen Spielzeuglandschaft, sondern an dem Flecken, der neben Rütli, Matterhorn und Jungfrau so etwas wie der Inbegriff des Schweizerischen geworden ist: weil die erfolgreichste Schweizer Schriftstellerin, Johanna Spyri, ihr Kinderbuch Heidi vor gut hundert Jahren hier angesiedelt hat. Eigentlich lebte Heidi auf der anderen Seite des Rheintals, in der Bündner Herrschaft (und damit schon fast in Österreich!), wir aber sind im flachen Sarganserland. Dass diese Gegend nun fälschlicherweise "Heidiland" heißt, liegt daran, dass ein frecher Tourismusdirektor den Bündnern die Marke vor ein paar Jahren weggeschnappt hat.

Der neuste Coup in der Heidi-Vermarktung startete vor drei Jahren. Der damals neue Tourismusdirektor des "Heidilands", Marco Wyss, hatte "eine Vision": einen "einzigartigen Event", der dem "Heidiland" noch ein bisschen mehr Publicity und vor allem Touristen bescheren sollte, ein "Heidimusical". Nichts wurde dem Zufall überlassen, gefragt war weder Experiment noch Schweizer Eigenart, wenn schon Musical, dann richtig: Der Amerikaner John Havu entwickelte die Idee, dazu wurden die erfahrenen Londoner "West Ender" Stephen Keeling (Komposition) und Shaun McKenna (Text) geholt. Angekündigt wurde Heidi - das Musical (obwohl es bereits andere "Heidimusicals" gibt) als Welturaufführung, wohl mit Blick auf den Erfolg des Kinderbuchs, das in über 50 Sprachen übersetzt und bisher 50 Millionen Mal verkauft wurde.

Der Plan ging auf, das Musical wurde 2005 zum Publikumsrenner. Nicht ohne Grund, denn das - man möchte lieber Produkt sagen als Werk - überzeugt. Es ist ein professionelles Musical, mit einer etwas glatten, aber rührenden Geschichte, mit engagierten Darstellern, mitreißender Musik und einer einmaligen Kulisse aus glitzerndem See und schroffen Bergwänden. Hilfreich ist auch die Ursprungsidee des Musikers Stefan Menz, neben der etwas dünnen Heidigeschichte den Schreibprozess und das Leben ihrer Erfinderin Johanna Spyri zu zeigen. Das macht das Ganze vielschichtiger.

Der große Publikumszuspruch ermöglichte die Wiederaufnahme im Sommer 2006. Und dass Spyris Kinderbuch glücklicherweise aus zwei Teilen besteht, erlaubte in diesem Sommer die nahtlose Weiterführung der Erfolgsstory. Allerdings ist der zweite Teil des Buches inhaltlich noch dünner als der erste (Heidi ist wieder zu Hause, Klara kommt zu Besuch und lernt laufen, Peter ist eifersüchtig), und der naiv-rührseligen Geschichte fehlt der ironische Witz des ersten Teils. Sie wurde deshalb wiederum aufgepeppt mit Episoden aus Spyris Leben - und deren historisch verbürgte Freundschaft zum Schriftsteller C.F. Meier kurzerhand zur großen Liebe verklärt. Wieder wurde diese Premiere von Publikum und Presse begeistert aufgenommen, die Vision des Herrn Wyss ist zum zweiten Mal Wirklichkeit geworden.

Heidi ist nicht der einzige Großanlass, der in die Provinz lockt. Unter den zahlreichen Laientheatern existieren einige Urgesteine: Die Altdorfer Tellspiele, die es seit 1512 gibt, finden dieses Jahr leider nicht statt. Die knapp 100-jährigen Tellspiele in Interlaken aber schon, hier tritt jährlich das halbe Dorf auf - Menschen ebenso wie Tiere. Das erfreut inzwischen vor allem Touristen aus Deutschland, Korea oder Amerika. Die Inszenierung ist altmodisch geblieben, wurde aber mit neuer Technik aufgemotzt. Beim Einsiedler Welttheater, gespielt vor der beeindruckenden Kulisse der barocken Klosterkirche, hat man einen größeren Schritt gewagt und im Jahr 2000 den Schweizer Autor Thomas Hürlimann verpflichtet und den Regisseur Volker Hesse, der in den neunziger Jahren das Zürcher Neumarkttheater in die erste Reihe spielte und bis 2006 das Berliner Maxim-Gorki-Theater leitete. Diesen Sommer hat das Erfolgsduo eine Neuauflage des Welttheaters geschaffen, düster-endzeitlich und sehr eindringlich. Damit ist Einsiedeln definitiv von einem katholischen Wallfahrtsort zur Pilgerstätte von Theaterfans geworden.

Das hat Eindruck gemacht und die Altdorfer bewogen, ihre Tellspiele im nächsten Jahr ebenfalls dem Deutschen Volker Hesse anzuvertrauen, der so meisterhaft die Möglichkeiten des Laientheaters zu nutzen weiß. Dass eine große Schar Statisten in altertümlichen Kostümen eigentlich immer Wirkung verspricht, wird sich generell gern zunutze gemacht. Im Freilichtmuseum Ballenberg (bei Interlaken) beschwört man seit 1991 mit Landschaftstheater vergangene Zeiten herauf. Und dieses Jahr wird in Göschenen, direkt neben dem Eingang des Eisenbahntunnels, der Bau der Gotthardbahn nachgestellt. Im antiken Amphitheater Windisch gibt´s Julius Caesar als "monumentales Freilicht-Spektakel". Monumental würde auch zu den Thuner Seespielen passen, auf der laut Eigenwerbung "schönsten Seebühne Europas", wo man seit fünf Jahren Musicals spielt, dieses Jahr Les Misérables. Mit über 50 Millionen Zuschauern weltweit sei dies das erfolgreichste Musical überhaupt, so wird klargestellt und das Ziel formuliert, den 50 Millionen in Thun (ebenfalls nahe Interlaken) noch einige Zehntausend hinzuzufügen.

Ein Blick auf den Veranstaltungskalender macht deutlich: Sommertheater meint in der Schweiz längst nicht mehr nur Dorftheater im Hirschensäli oder Kinderzirkus. Selbst in diesem verregneten Sommer schießen überdachte Tribünen wie Pilze aus dem Boden und beherbergen immer größere Zuschauermassen. Es hat offensichtlich die Runde gemacht, dass sich mit Theater - entgegen der landläufigen Meinung sensibler Kunstsinniger - auch Geld verdienen lässt. Und so werden Spektakel, Events und Ereignisse organisiert, um mit ihrer schieren Größe beworben zu werden.

Nur der Heidi-Musical-Visionär Wyss aber ist unverfroren genug, sein Ziel offen als "wirtschaftliche Wertschöpfungskette" zu formulieren. In den letzten beiden Jahren soll das "Produkt" der Region 30.000 zusätzliche Übernachtungen und insgesamt einen Umsatz von 20 Millionen Franken beschert haben. Wenn wundert´s, dass Wyss künftig jährlich einen Großevent zum Thema Heidi plant.

Dass der Mythos Heidi nicht nur Hotelbetten füllt, sondern alle möglichen Dinge in die Welt hinausträgt, wird einem in Walenstadt wieder einmal in Erinnerung gebracht. Die Migros nämlich, der Schweizer liebster Supermarkt, der als Sponsor fungiert, verteilt vor der Premiere Milchprodukte aus der eigenen Heidi-Linie - und dazu ein Heidi-Mineralwasser, das mit reinem Sauerstoff versetzt ist. Beworben wird es als "The Power of Switzerland" und beschrieben als "wahrscheinlich bestes Mineralwasser der Welt". Größenwahn ist tatsächlich ansteckend.


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00:00 17.08.2007

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