Deine Haut dort lassen, wo sie hingehört

Alltag ist banal Ersi Sotiropoulos´ preisgekrönter Roman "Bittere Orangen"

Weiße Häuserschachteln, die sich vor blauem Himmel den Berg hinaufstapeln. Darunter liegt, ein undurchsichtiger Spiegel, das sonnenüberglänzte Meer. In den Vordergrund schiebt sich der zu Theodorakis´ Musik Sirtaki tanzende Zorbas, alias Anthony Quinn. So sieht mutmaßlich das uns spontan geläufige Bild von Griechenland aus. Dazu gesellen sich vielleicht einige Namen wie Medea, Kassandra, Odysseus, aus anderen literarischen oder cineastischen Kontexten abrufbar.

Die Lektüre zeitgenössischer neugriechischer Literatur scheint immer noch Spezialistensache, obwohl eine erstaunlich hohe Zahl relevanter Titel ins Deutsche übertragen ist. Auch im Ursprungsland selbst steht die Prosa im Schatten der Dichtung. Die Rezeption von Literatur glich noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eher einer "Auritur" oder "Audiatur". Melodie und Rhythmus sollten und mussten mitschwingen, wie den kundigen Ausführungen von Hans Eideneier im aktuellen, dem Buchmessenschwerpunkt gewidmeten Band der Horen zu entnehmen ist. Der Übergang vom Hörer zum Leser hat sich im griechischen Kulturraum erst spät und ganz allmählich vollzogen. Umso gewichtiger die Tatsache, dass der Roman Bittere Orangen als erstes griechisches Prosawerk mit den beiden bedeutendsten literarischen Auszeichnungen des Landes, dem "Griechischen Staatspreis für Literatur" und dem Preis der Literaturzeitschrift Diavaso bedacht wurde.

Ersi Sotiropoulos, die 1953 in Patras geboren wurde und in Florenz Philosophie und Kulturanthropologie studiert hat, begann wie viele ihrer Kollegen als Lyrikerin, wandte sich aber rasch der Prosa zu. Ihr erster von der Kritik beachteter Roman Die Farce aus dem Jahr 1982 kann als Anatomie der Männergesellschaft gelesen werden, erlebt von einer Frau, die dieser herrschenden Strukturen auch in der Sprache schon lange überdrüssig ist. Ersi Sotiropoulos gilt als eine Autorin, die die feministische und postfeministische Problematik jener Zeit in der neueren griechischen Prosa vielleicht am interessantesten ausdrückt, obwohl ihre ständigen (und manchmal gewaltsamen) Experimente mit dem Schreiben Gefahr laufen, ihre Texte aufzulösen. Dazu lässt sich sagen: Harte und beharrliche Arbeit am Text zahlt sich aus. Heute wird ihr neuer Roman gerade der kristallklaren Sprache wegen und der kurzen, lakonischen Sätze, die Tragik und Komik, Scherz und Ernst, Melancholie und pubertäre Albernheit in perfekter Schwebe halten, als einer der schönsten Texte griechischer Prosa des letzten Jahrzehnts gefeiert.

Wovon erzählt das Buch? Die Früchte der Bitterorangenbäume sind beim Aufprall geplatzt und faulen am Boden vor dem Krankenhaus, in dem Lia gegen einen unbekannten Virus kämpft. Unaufhaltsam nimmt ihr der Körper das Heft aus der Hand und zerstört sich selbst. Sie ist eine von vier Personen, deren Wege im Roman nebeneinander her und aufeinander zu laufen, sich aneinander stoßen und ineinander verstricken. Zu ihrem Bruder Sid, dem letzten Agenten zur Welt jenseits der Krankenhausmauern, hat sie eine starke, mit beunruhigenden Kindheitserinnerungen eingefärbte Geschwisterbindung. Er selbst pflegt nur eine weitere arbeitsintensive Beziehung, die zu seinem Vogel Maria, einem anspruchsvollen Beo, dem unter den Käfigvögeln bekanntermaßen geschicktesten Imitator menschlicher Geräusche. Sein eigenes Leben in diesem drückend heißen Athener Sommer ist auch bloß Nachahmung. Er scheint die Schwester beim Sterben zu begleiten, indem er seine Aktivitäten in jede Richtung reduziert. Sie allein bringt ihn mit ihren verschrobenen Wünschen und Rachegelüsten in Bewegung. Lia setzt ihn auf Sotiris an. Sie hasst den plumpen, unsensiblen Krankenpfleger. Will sie ihrem Bruder ein Ziel geben? Will sie Sotiris vernichten? Ihre Absichten bleiben im Ungewissen, aber das Spiel kommt in Gang. Sid und der Krankenpfleger treffen aufeinander, während Lia im Begriff ist zu verschwinden.

Die tödliche Dynamik ihrer Krankengeschichte bestimmt das Tempo der sich langsam entwickelnden Groteske, in der die Handlungen der Protagonisten durch absurde Zufälle gelenkt und verknüpft werden. Alltag ist banal. Ob Kaffeehauswirtin, arbeitsloser Herumhänger, Sterbenskranke, zum erstenmal Verliebte: Ihre Wirklichkeit ist alltäglich, immer schon da gewesen. Wie sie aber die äußeren Ereignisse wahrnehmen und für sich artikulieren, ist das Interessante am Leben. Welche Begrenzungen sie erfahren und wie sie darauf antworten. Die Katastrophen, von Ersi Sotiropoulos in wenigen Worten angedeutet, geschehen in ihrem Innern. Lias Bruder versucht den Krankenpfleger unter falschem Namen mit Anrufen zu verwirren. Er trifft ihn, halst ihm den Vogel auf und versucht, ihn in die Enge zu treiben.

Die zwölfjährige Nina, die in seinem Heimatdorf am Meer Ferien macht, begegnet auf ihren nachdenklichen Streifzügen durchs verschilfte Ufer dem onanierenden Sotiris. Sie steht erstarrt, ist aber keinen Moment lang verstört. Er bezahlt sie für ihr Schweigen und ihre ihn erregenden Blicke. Das Mädchen ist eine genaue Beobachterin ihrer äußeren und inneren Umgebung. Sie versucht, mit allen Kräften die Balance zwischen Innen und Außen zu halten. Sie schreibt auf, was sie sieht, fühlt und was ihr fremd ist. "Alles ist egal. Mit meinem Verstand halte ich ein wunderbares Gleichgewicht. Ich kann schreiben, was mir gefällt."

Nina ist der lebendige Widerpart zur sterbenden Lia. Die kann nur noch Gewesenes in ihrem Inneren aktivieren. Sie ist zurückgeworfen auf ihre Erinnerungen und sehnt sich unbändig nach dem eintönigen Alltag, den alle anderen fürchten. Nina hingegen erfindet sich erst das Leben und findet, ohne es zu wissen, Bilder für den Tod, während sie am äußersten Rand der Mole jongliert: "Ich gehe jetzt am Rande eines fürchterlichen Abgrunds. Jeden Moment bin ich in Gefahr auszurutschen und abzustürzen. Niemand kann mich retten. Ich bin allein. Niemand würde mich schreien hören. Aber ich gehe ganz nah am Rand. Ich halte ein wunderbares Gleichgewicht und gehe weiter. Alle anderen sind blöd und scheintot, weil sie das nicht sehen können."

Über die verworrenen Gefühle und bizarren Handlungen der Protagonisten legt sich die Sprache wie ein ordnendes Gewebe. Federleicht, ohne Zwang und überflüssigen poetischen Zierrat, jede Wortverrenkung meidend, verschränken sich die Wörter und Sätze mühelos wie die Wege der Hauptpersonen, streifen einander so flüchtig wie sich kreuzende Atemzüge. Leicht wie ein Hauch und auch nur so lang. Jeder überflüssige Ballast ist abgeworfen. Die Autorin beschreibt in ihren wunderbar verknappten Sätzen das gewöhnliche Leben von ganz normalen Leuten. Wie sie mit wenigen Strichen die Figuren charakterisiert, ihre Zickzackbewegungen verfolgt, Stück für Stück und Szene für Szene die Tragödie fast noch in eine screwball-comedy verwandelt, ist ein gelungenes Kunststück. An ihren oft langweiligen, antriebslosen Alltagshelden führt Ersi Sotiropoulos vor, wie Sprache Bewusstseinsvorgänge strukturiert. Ohne die innere Ordnung der Worte würden ihre Helden und Heldinnen sehr schnell untergehen. Sei es im Strudel ihrer Leidenschaften oder in der Monotonie ihres Alltags. Genau wie wir.

Ersi Sotiropoulos: Bittere Orangen. Roman. Aus dem Griechischen von Doris Wille. DTV-Verlag, München 2001, S., 28,- DM

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00:00 12.10.2001

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