Dem Himmel ein Stück näher

Kasachstan Die neue ­Hauptstadt Astana wurde der Steppe abgerungen und glänzt mit einer eigenwilligen Architektur. Wahrgenommen werden möchte sie als Zentrum ­weltweiter Harmonie

Unter der Kuppel des Baiterek-Turms von Astana drängen sich die Menschen auf einer Wendeltreppe. Alle wollen zu dem dreieckigen Gold-Barren in dem Nursultan Nasarbajew, der Präsident Kasachstans, seinen Handabdruck hinterlassen hat. Die eigene Hand in den Abdruck zu legen, soll Glück bringen, früher erklang dazu die Nationalhymne. Die Kuppel des fast einhundert Meter hohen Bauwerks von Stararchitekt Norman Foster wirkt wie ein goldenes Ei, das in einer Art Nest liegt. Der Turm wird deshalb auch Baum des Lebens genannt und erinnert an eine alte kasachische Sage, nach der der Vogel Samruk ein goldenes Ei in ein Baum-Nest legt, was zu allgemeinem Wohlstand geführt haben soll.

Ich verzichte auf das Handauflegen und unterhalte mich lieber mit den Kasachen, die in einer langen Schlange darauf warten, endlich bis zum berühmten Gold-Barren vorzudringen. Ein Mann, der sonst auf der Straße mit CDs handelt, erzählt mir freundlich, er lebe mit drei Kindern und seiner Frau am Stadtrand in einer Ein-Zimmer-Wohnung – für umgerechnet 150 Euro. Typische Lebensverhältnisse für Astana sind das aber nur bedingt. Denn es gibt in Astana viele neureiche Kasachen, die sich in einem der eleganten Hochhäuser ein Appartement zum Quadratmeter-Preis von 4.000 Dollar kaufen. Trotz hoher Wohnungspreise wächst die Stadt unablässig – seit 2001 stieg die Einwohnerzahl von 200.000 auf 700.000 Menschen. Für 2030 prophezeit die Stadtverwaltung 1,25 Millionen.

Der goldene Mittelweg

Von der Plattform des Baiterek-Turms aus hat man einen fantastischen Blick über den anderthalb Kilometer langen Boulevard, die Hochhäuser, den Präsidentenpalast und die neue, schneeweiße Nur-Astana-Moschee mit ihren vier Minaretten. Soviel Pracht in einem Land, in dessen ländlichen Regionen immer noch viel Armut herrscht? Ich komme mit einer kasachendeutschen Familie ins Gespräch, die mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Ende 1991 nach Deutschland ausgewandert ist. Sie erzählen, dass sie froh sind, diese Pracht zu sehen. Auch wenn es „in den Dörfern immer noch ziemlich traurig aussieht“.

63 Prozent der Bevölkerung dieses zentralasiatischen Landes sind Kasachen, 23 Prozent Russen, dazu kommen turksprachige Minderheiten wie die Usbeken, Tataren, Uiguren, Mescheten, Baschkiren, Turkmenen und Kirgisen. Der Anteil der Kasachstan-Deutschen liegt derzeit bei 1,2 Prozent. Auch wenn der moslemische Glaube dominiert, ist Kasachstan ein weltlicher Staat. Frauen in langen Gewändern sieht man in Astana selten, die meisten sind europäisch gekleidet und kein Ausbund von ergebener Frömmigkeit. In der Kuppel des Baiterek-Turms stillt eine Frau ihr Baby, ohne dass sich jemand daran stört. Und im großen Gebetssaal der Nur-Astana-Moschee laufen Kinder laut spielend um ihre betenden Väter herum. Niemand ruft sie zur Ordnung. Frauen und Männer erscheinen gemeinsam zum Gebet. Die Frauen sind nicht verschleiert, müssen sich aber beim Betreten der Moschee einen langen hellblauen Umhang umwerfen.

Nach dem Islam in Kasachstan gefragt, antwortet Salim Aschat, der Imam des Gotteshauses, „unser Land geht den Weg von Toleranz und Eintracht“. Frauen etwa für Untreue zu bestrafen, das sei in Kasachstan nicht üblich. „Wir sind ein weltlicher Staat und gehen den goldenen Mittelweg.“

Mit seinem relativ großen russischen Bevölkerungsanteil unterscheidet sich Kasachstan von anderen vormaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien. Blutige Exzesse zwischen den Nationalitäten hat es selbst in den turbulenten Jahren des Umbruchs nach 1990/91 nie gegeben, was auch Präsident Nasarbajew zu verdanken ist, der das Land seit 20 Jahren autoritär regiert, aber bei jeder Gelegenheit auch über Koexistenz zwischen Völkern und Religionen predigt.

In der Gemüse-Abteilung des großen „Almak“-Einkaufszentrums treffe ich auf einen Mann mit rundem Käppchen auf dem Kopf, ein paar Hosen, die nur bis übers Knie reichen, und einem langen blonden Bart. Er sei Russe und von Beruf Tischler, erklärt er, fühle sich als Salafist und sei damit ein Anhänger des „reinen Islam“. Während wir reden schaut die Frau an seiner Seite, die einen langen schwarzen Mantel trägt, zu Boden. Ihr Gesicht ist nicht verdeckt, Verschleierung sei in Kasachstan verboten, sagt der Tischler. Von islamistischen Zirkeln oder Webseiten wisse er nichts, allerdings säßen viele Salafisten im Gefängnis, sagt er mit viel sagendem Lächeln.

Später erfahre ich, dass es Anfang Juli im Aqtöbe-Gebiet eine staatliche Säuberungsaktion gegen Salafisten gegeben haben soll, die zuvor offenbar mehrere Polizisten getötet hatten. Ongar Omirbek, Sprecher der moslemischen Geistlichkeit von Kasachstan, teilte aus diesem Anlass mit, bei den Salafisten handle es sich um eine „gefährliche religiöse Strömung“ – sie sei durch „das Wirken von Missionaren aus arabischen Ländern“ entstanden.

Der Baiterek-Turm mit seinem „goldenen Ei“ ist einer der wenigen zeitgenössischen Bauten, die kasachische Geschichte reflektieren – ansonsten ist die Hinwendung zu einem westlichen Baustil unverkennbar. Der Turm steht in der Mitte des Hauptboulevards, der durch zwei weitere bedeutende Bauwerke begrenzt wird – einem ebenfalls von Norman Foster entworfenen riesigen Zelt über einem Einkaufszentrum auf der einen Seite und dem mit Säulen dekorierten Palast von Präsident Nasarbajew auf der anderen. Der Dreiklang Zelt – Turm – Palast symbolisiert, wofür Kasachstan im 21. Jahrhundert steht: den Willen zur Modernität, das Bekenntnis zur Tradition, die Achtung präsidialer Macht.

Warum gibt es für die Reißbrett-Stadt Astana kaum kasachische Motive und Bauten, frage ich den Stadtplaner Amanzhol Chikanaev. Junge kasachische Architekten hätten beim Aufbau der neuen Hauptstadt viel gelernt, weicht der grauhaarige Baumeister, der einst in Moskau studierte, höflich aus. Es werde gewiss die Zeit kommen, in der Stadtviertel ganz dem traditionell-kasachischen Stil gewidmet seien.

War es eine waghalsige Entscheidung, im Jahr 1994, mitten in der tiefsten Wirtschaftskrise, die Hauptstadt von Almaty im Süden in die windige Steppe des Nordens zu verlegen? Damals verließen Russen und Kasachstandeutsche zu Hunderttausenden das Land, das auszubluten drohte. In dieser Situation war Nasarbajew mit seinem Schachzug, die Hauptstadt zu wechseln, auf mehrere Effekte aus – er wollte damit einen politischen Neuanfang symbolisieren und separatistische Tendenzen im Norden dämpfen. Finanziell konnte man sich den Abschied von Almaty im öl- und gasreichen Kasachstan durchaus leisten. Gerüchte besagen, auch Kuwait, Katar und Saudi-Arabien hätten sich seinerzeit mit Investitionen engagiert. Weshalb – darüber lässt sich nur spekulieren. Kasachstan verfügt wegen seiner natürlichen Ressourcen mit Abstand über die stärkste Volkswirtschaft im postsowjetischen Zentralasien. Kein Kasache muss nach Moskau oder Sankt Petersburg ausweichen, um dort auf einer Baustelle Geld zu verdienen.

Aber Nursultan Nasarbajew reichen Wohlfahrt und Prosperität noch lange nicht, er sieht in Astana eine internationale Konferenz-Metropole, die es mit Paris oder Genf aufnehmen kann. So rief er 2003 und 2006 Vertreter von Islam, Christentum, Buddhismus, Hinduismus und anderen Glaubensrichtungen zum „Kongress der Weltreligionen“ in seine Hauptstadt. Im Frühsommer 2011 tagte hier das 7. Internationale Islamische Wirtschaftsforum. Ein Kongress-Palast für derartige Anlässe ist die gleichfalls von Norman Foster entworfene Pyramide unweit des Präsidentenpalast und so hoch wie ein 25-stöckiges Haus. Das Gebäude aus blauem Glas war im Mai Schauplatz für die Jahrestagung der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.

Schächten für den Export

Nach den Exkursionen durch Astana möchte ich unbedingt noch raus in die Steppe. In einem alten Mercedes geht es im Höllentempo auf einer schmalen Fernstraße Richtung Westen. Rechts und links nichts als unendliche grüne Weite. Es gibt keine Zäune, keine Wälle gegen den Wind, keine Strommasten.Im Dorf Sabyndy wurde die Fleischfabrik mit dem Namen Bakara erst im Vorjahr in Betrieb genommen und gehört zu den kasachischen Unternehmen, um die sich der Staat besonders kümmert, weil sie den Weg in eine industrielle Zukunft weisen. Die Regierung will weg vom Image des reinen Rohstofflieferanten. Geschlachtet wird bis auf weiteres nach islamischem Ritus. „Wir wollen unser Fleisch in die islamischen Länder Asiens exportieren – da müssen wir so und dürfen nicht anders schlachten“, meint Kuanysch Nurkijanow, der junge Direktor. Später sehe selber die halbautomatische Box, in denen gerade Kälber die letzten Augenblicke ihres Lebens verbringen. Bevor der Metzger in einem Zug die Kehle des Tieres durchschneidet, spricht er auf Arabisch die Worte Im Namen des großen Allah. Das Tier verliert das Bewusstsein und blutet in wenigen Minuten aus. Als der Direktor meinen erstaunten Blick bemerkt, meint er: „Einen Hammel oder ein Rind schlachten, das kann in Kasachstan jeder Mann“.

Als ich auf der Rücktour nach Astana wieder in dem alten Mercedes sitze, gibt es noch eine Überraschung. Astana ist am schnurgeraden Horizont überhaupt nicht zu sehen. Doch je weiter wir nach Osten fahren, desto mehr tauchen die Wolkenkratzer wieder auf, zunächst noch winzig, dann gravitätisch und monumental. Schließlich hat die Stadt uns wieder, mit ihrem Verkehrsgewühl, den Minaretten und aufregend gestalteten Fassaden, die sich dem Himmel entgegen strecken, als sei das ganz selbstverständlich.

Ulrich Heyden berichtet seit Jahren regelmäßig für den Freitag aus Russland und den postsowjetischen Staaten

10:00 02.10.2011

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