Dem Himmel so nah

Nicht in Berlin In Tel Aviv werden die Friedhofsplätze knapp. Eine unkonventionelle Idee soll nun Abhilfe schaffen

Avi Saban legt den Kopf in den Nacken und schaut nach oben. „Zweiter Stock, auf der linken Seite“, sagt er und zeigt mit dem Finger auf das sandsteinfarbene Gebäude. Irgendwo da, 15 Meter über dem Erdboden, ist die letzte Ruhestätte seiner Großmutter Edith Saban. „Wir haben es versäumt, uns rechtzeitig um eine Grabstätte für sie zu kümmern. Ihr Tod kam überraschend“, erzählt Avi. „Aber sie wollte unbedingt auf diesem Friedhof begraben werden, das hat sie immer gesagt. Hier liegen auch ihre Eltern und hier in der Nähe wohnt die ganze Familie.“ Avi hält inne und wirft erneut einen Blick auf das massive Gebäude vor ihm. „Hoffentlich sind wir ihrem Wunsch nachgekommen.“

Der Yarkon-Friedhof ist riesig. In einem Vorort Tel Avivs gelegen, galt er bislang als eine der größten Begräbnisstätten des Landes mit einer Kapazität von 10.000 Gräbern auf einer Fläche von 60 Hektar. Doch es wird eng in Israel. Die Fläche des winzigen Landes wird sowohl für die Lebenden als auch für die Toten knapp. Architekten, Politiker und Stadtplaner suchen nun nach Lösungen, um die Toten weiterhin in der heiligen Erde begraben zu können.

Auf dem Yarkon ruhen die Verstorbenen daher seit einem Jahr auf mehreren Etagen. Die drei mehrstöckigen Gebäude, mit Sicht auf die Skyline der Stadt, sind fast fertig. Gärtner sorgen für den letzten Schliff, die rote Erde liegt aufgewühlt auf jedem Stockwerk. Avis Großmutter ist eine der Ersten, die hier begraben liegen. „Nach jüdischem Glauben ist dieser Platz nun auf Ewigkeit belegt. Das Grab darf nicht bewegt werden“, erklärt Avi. Im Gegensatz zum Christentum ist die sogenannte Ruhefrist im Judentum zeitlich unbegrenzt.

Warten auf den Messias

Man wartet auf die Ankunft des Messias, auf den Tag des Jüngsten Gerichts, an dem die Toten sich erheben, um die Herrschaft des Heilands zu begrüßen. Der Körper muss deshalb in einem Stück belassen werden. „Daher ist auch die Urnenbestattung ein religiöses Tabu“, so Avi. Das jüdische Totenritual basiert auf der Austreibung Adam und Evas aus dem Paradies, einer Passage der Genesis: „Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ Die Verbrennung der menschlichen Überreste ist damit ausgeschlossen.

Das Problem der überbevölkerten Friedhöfe konnten jedoch auch die Rabbiner der Chewra Kadischa, der sogenannten Begräbnisgesellschaft Israels, nicht länger ignorieren. Zunächst erlaubte man doppelte Begräbnisse. Eheleute dürfen nun am selben Ort übereinander bestattet werden, solange eine harte Schicht Lehm oder Zement sie voneinander trennt. Doch in Zeiten, in denen die Bevölkerungsrate unter orthodoxen Familien stetig zunimmt und immer mehr Einwanderer aus Russland und Frankreich ins Land kommen, reicht auch das nicht mehr aus.

„Wenn wir zu unseren Lebzeiten kein Problem damit haben, in mehreren Etagen übereinander zu wohnen, warum stört uns das im Tode?“, fragt Tuvia Sagiv, Architekt und Designer. Er und sein Kollege Uri Ponger schlugen schon im Jahre 2001 den Bau von Grabstätten auf mehreren Etagen vor. Die drei Hochhäuser am Yarkon sind ein Pilotprojekt. „Sie werden ungefähr 250.000 Gräber fassen. Damit haben wir erst mal einen Puffer von 25 Jahren“, so Sagiv. Damit der Bauplan genehmigt wurde, mussten religiöse Auflagen beachtet werden. Durch die Türme ziehen sich mit Erde gefüllte Rohre, so dass jede Etage theoretisch mit dem Erdboden verbunden ist.

Im Fahrstuhl zu den Toten

Das Design soll an die vorchristliche Zeit erinnern, als die Verstorbenen noch in Höhlen und Katakomben begraben wurden. „Außer dass man jetzt mit dem Fahrstuhl in die verschiedenen Etagen fahren kann“, fügt Avi hinzu. Die Idee mehrstöckiger Friedhöfe ist jedoch keine israelische Innovation. Auch anderenorts kämpft man mit der „Überbevölkerung der Toten“, vor allem in Metropolen wie Tokio, Mumbai oder Mexico City. In Letzterer gibt es etwa den „Turm der Toten“. Er ist Hochhaus und gleichzeitig 250 Meter tiefes Untergrundmausoleum. Noch höher hat man im brasilianischen Santos gebaut.

Das Memorial Necrópole Ecumênica verfügt über 32 Stockwerke, ein Restaurant sowie mehrere Gärten zum Nachdenken und Trauern. Im sechsstöckigen, buddhistischen Kouanji-Tempel in Tokio geht es hingegen geordneter zu. Hier können sich Angehörige mittels Mitgliederkarte die Urne des Verstorbenen per Förderband innerhalb von Minuten anliefern lassen. Und in Hongkong, wo sich die Kosten für ein privates Grab innerhalb der Stadtgrenzen mittlerweile auf umgerechnet 40.000 Euro belaufen, sollen auf der Floating Eternity, einem Kreuzfahrtschiff auf Unterwasserschienen, bis zu 370.000 Urnen gelagert werden.

Derlei Platzmangel zeigt sich aber auch schon in Europa. Kürzlich berichtete die BBC, dass England sich am Rande einer „Friedhofskrise“ befinde. Man erwarte, dass 76 Millionen Menschen allein zwischen 2020 und 2040 sterben werden. Für die Gräber benötigt man eine Fläche in der Größe von Las Vegas. Der verbleibende Raum in den Metropolen des Landes wird dafür nicht ausreichen. So hat man bereits mit der Exhumierung menschlicher Überreste auf Friedhöfen im Stadtzentrum begonnen und sie anschließend in tieferen Bodenschichten wieder vergraben. „Das wäre für uns eine Katastrophe“, erklärt Avi.

„Meine Großmutter jedenfalls würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüsste, da hat vorher schon mal ein Fremder dringelegen“, sagt er und muss lachen. Er schultert seinen Rucksack und geht auf das Hochhaus zu. Der Fahrstuhl ist modern, aus Metall und blank poliert. Nur die Fußabdrücke aus roter Erde verraten, dass man nicht gerade ein schickes Großstadtbüro betritt. Es könnte schlimmer sein, findet Avi. Immerhin habe man eine gute Aussicht. Er macht einen Schritt in den Aufzug hinein und drückt auf den grünen Knopf für die zweite Etage. „Früher wurden wir in der Wüste in irgendwelchen Bergen begraben. Heute bauen wir uns diese Berge eben selbst.“

06:00 20.04.2016
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