... dem Menschen ein Wolf

Die 56. Filmfestspiele in Cannes 2003 Von Endzeitstimmungen und anderen Parabeln über das Tier im Mann

Friede unter Palmen? Die amerikanischen Golfkrieger hatten sich gegen den Widerstand der "alten" Europäer durchgesetzt und waren gen Bagdad marschiert. Würden sich die franko-amerikanischen Ressentiments auch auf der Croisette austoben, als Kulturkampf auf den Leinwänden? Die Festivalleiter Gilles Jacob und Thierry Frémaux beteuerten zwar, die Amerikaner hätten Cannes nicht boykottiert, anders als in früheren Jahren standen aber diesmal allein im Wettbewerb drei amerikanischen fünf französische Filme gegenüber.

Zum Auftakt wurde in die Mottenkiste gegriffen. Der Produzent Luc Besson und sein Regisseur Gérard Krawczyk - dessen Firma auf den symbolträchtigen Namen Europacorp hört - präsentierten ein Remake von Fanfan la Tulipe. In dem Historienschinken betreibt ein tölpelhafter Louis XV. Krieg als seinen Lieblingssport, hat aber im Netz der komplizierten Allianzen die Übersicht über Freund und Feind längst verloren. Kein Wunder, dass der galante Fanfan (Vincent Perez) bei seinen erotischen Streifzügen zwischen die Fronten gerät. Auch dass der Freigeist erst vor der Heirat flieht und am glücklichen Ende dann doch die Zigeunerin Adeline (Penelope Cruz) ehelicht, kann nicht wirklich überraschen. So geht es gallischen Rebellen: Sie kapitulieren gerne in den Armen armer Frauen.

Von der verballhornten Historie in die technologische Zukunft: Die Brüder Wachowski fragten in Matrix Reloaded, ob es sich nicht lohnt, dem Krieg den Krieg zu erklären - für den Frieden auf Erden. Mensch stemmt sich hier gegen Maschine. Aber so sehr sich auch Neo (Keanu Reeves) in spektakulären Action-Szenen seiner unmenschlichen Gegner erwehrt, um sich den Weg ins gelobte Land Zion zu ebnen, so sehr scheint den Wachowski-Brüdern der Faden ihrer eigenen Geschichte verlorengegangen zu sein. Ihr Film ähnelt einem kalten Videospiel voll esoterischer Monologe. Weder die vom teuflischen Lambert Wilson gepriesenen französischen Weine noch die Lippen einer von Monica Bellucci gespielten Persephone vermögen den Zuschauer an die rettenden Ufer des Gefühls zu führen.

Der Kanadier James Cameron flüchtete vor der komplexen Realität unserer Tage lieber auf den Meeresgrund. Sein dokumentarischer Tauchgang zum Wrack der Titanic Ghosts of the Abyss führt einen der großen Mythen des Fortschritts vor - als gespenstisches Massengrab, geschaffen durch menschlichen Größenwahn. Wie verliebt zeigt sich Cameron in die stählerne Leiche und bleibt damit fest im Glauben an die Wunder der Technik.

Ganz anders Lars von Trier. Der moralische Exzentriker aus Dänemark hat Brecht gelesen und in seinem Film Dogville das Gebot der Stunde begriffen: Verzicht. Auf einer beinahe nackten Theaterbühne lässt er eine fiktive Kleinstadt in den amerikanischen Rocky Mountains entstehen, über die er als Regisseur mit gottgleicher Kontrolle herrscht. Es gelingt ihm, die künstliche Szenerie vergessen zu machen. Wie in vielen anderen Wettbewerbsfilmen führt auch von Trier seine Figuren in eine beinahe ausweglose Situation. Die schöne Grace (Nicole Kidman) sucht auf ihrer Flucht vor Gangstern Schutz in einer Kleinstadt. Die von der wirtschaftlichen Depression gebeutelten Bewohner (ein Ensemble, das von Ben Gazzara über Lauren Bacall bis zu Stellan Skarsgard reicht) werden die engelhafte "Fremde" zuerst misstrauisch betrachten, dann - als sie sich nützlich macht - adoptieren, und schließlich - als sie von der Polizei gesucht wird - zur Sklavin degradieren. Wie schon in Breaking the waves und Dancer in the dark schickt von Trier seine Heldin durch die Hölle. Und folgt dem Leiden Nicole Kidmans über zwei Stunden lang, um wie im Lehrstück die Abgründe der (un)menschlichen Natur freizulegen. Denn, so lehrt uns der Däne, Macht macht den Menschen schlecht. Gibt es keine Gnade für Grace? Seine Parabel auf den langsam wuchernden Hass auf das Fremde, auf die modernen Formen der Sklaverei und auf unseren urtümlichen Egoismus endet diesmal nicht im Wunder, aber immerhin in einer wundersamen Wende.

Wie kommt die Gewalt in die Welt? Gus van Sant näherte sich subtil einer amerikanischen Tragödie, und zwar ausgerechnet dem Massaker in der Highschool von Columbine, das der Dokumentarfilmer Michael Moore schon letztes Jahr auf einem stark politisierten Festival als Symptom des amerikanischen Waffenwahns seziert hatte. Van Sant aber sucht in seinem ursprünglich fürs Fernsehen gedrehten Spielfilm Elephant nicht nach soziologischen Erklärungen oder den psychologischen Motiven der Amokläufer. Er folgt zunächst einfach verschiedenen Colombine-Schülern durch ihren Alltag: ob sie allein am Klavier Für Elise spielen, beim Sport am Rande stehen, im Internet Waffen ordern, Nazi-Dokus ansehen, in der Kantine lästern oder sich auf den langen Gängen der Schule begegnen. Die Spannung steigert sich mehr und mehr, da van Sant seine "Helden" mit ein und demselben aufmerksamen Blick begleitet ohne zu unterscheiden, wer im blutigen Finale Täter oder Opfer sein wird. Für seine Annäherung an die alltäglichen Abgründe erhielt der durch so verschiedene Filmen wie My private Idaho und Good Will Hunting bekannt gewordene Regisseur sowohl die Goldenen Palme als auch den Preis für die beste Regie.

Echos vom anderen Ende der Welt: wo die Amerikaner im Dienste der Demokratie Afghanistan vom Taliban-Regime befreit haben, hat die junge Iranerin Samira Makhmalbaf in Pan é asr (Fünf Uhr am Nachmittag; ausgezeichnet mit dem Prix du Jury) die heutige Realität auf der Grenze zwischen Dokument und Fiktion gefilmt. Die junge Noqreh träumt gegen den Widerstand ihres traditionellen Vaters und einer skeptischen Umwelt vom Unmöglichen: Präsidentin von Afghanistan zu werden. Der Weg jedoch zu Demokratie und Gleichberechtigung ist weit. Auf der Fahrt zur Mädchenschule muss Noqreh verschleiert auf dem Karren ihres Vaters sitzen. Nur versteckt kann sie mit einem sanften Poeten flirten. Ihr Vater sieht in Kabul Blasphemie an jeder Ecke, einzig sein altes Pferd scheint seinen Klagen noch Gehör zu schenken. Makhmalbaf schafft durchkomponierte Bilder mit absurder Komik; die weißen Pumps ihrer Heldin werden zum alles andere als leichtfüßigen Symbol der Freiheit. Der Elan ihrer Heldin endet in der Wüste. Dort wird ein Baby qualvoll sterben. Und auch die Hoffnung auf eine leuchtende Zukunft.

Den großen Preis der Jury unter Vorsitz von Patrice Chéreau erhielt dieses Jahr ein türkischer Film: In Uzak (Weit weg) fängt Regisseur Bilge Ceylan in bestechend klaren Bildern die Einsamkeit eines Fotografen ein, der hin- und hergerissen zwischen seinen Idealen und seinem realen Leben auf der Stelle tritt. Sein Warten und seine Ohnmacht trafen den Nerv eines unentschiedenen Festivals ohne wirkliche Höhepunkte. Die beiden Hauptdarsteller Muzaffer Özdemir und Mehmet Emin Toprak wurden dazu noch als beste Schauspieler ausgezeichnet.

Michael Haneke fiel ein weiteres Mal die Rolle des radikalen Apokalyptikers zu in einem von düsteren Zukunftvisionen heimgesuchten Festival. In Wolfszeit wird der Vater einer kleinen Familie zu Beginn erschossen. Nach seinem Tod irrt die Mutter Anne (Isabelle Huppert) mit ihren beiden Kindern durch ein karges, verwüstetes Niemandsland. In dunklen Bildern tastet sich Haneke durch diese Odyssee des nackten Überlebens in einer feindlichen Umwelt. Er will herausfinden, wie dick der Lack unserer Zivilisation noch ist. Der pessimistische Wahl-Wiener landet schließlich bei derselben Erkenntnis wie Lars von Trier: Im Extremfall ist der Mensch dem Menschen ein Wolf.

Trotz zahlenmäßiger Überlegenheit gingen die Franzosen bei der Preisvergabe weitgehend leer aus. Wie um dem Rest der barbarischen Welt ihre kulturelle Ausnahmestellung zu beweisen, warben ihre Filme immer wieder für Hedonismus - mit sinnenfrohen Frauen und schönen Ferienhäusern. Allen voran der gewitzte Genre-Spekulant François Ozon: Er zelebriert in Swimming Pool die Begegnung einer knochentrockenen englischen Krimi-Autorin (Charlotte Rampling) mit einer männerfressenden Lolita (unverschämt frech gespielt von Ludivine Sagnier) auf dem Land. Trotz eines raffinierten Kunstgriffs am Ende kam sein Film allerdings nicht über die Karikatur hinaus.

André Téchiné schickte in Les Egarés eine versnobte Kriegerwitwe (Emmanuelle Béart) mit ihren beiden Kindern auf die Flucht in den Süden Frankreichs. Wieder endet die Reise in einem prächtigen Landhaus, wo Téchiné die sommerliche Natur, die animalische Energie feiert und subtile psychologische Fäden strickt - vor allem zwischen der verlorenen jungen Mutter und einem wilden Naturburschen.

Dagegen erzählt Alexander Sokurov in Vater und Sohn, auch wenn sie weltvergessen leben, mehr als eine exklusive Liebesgeschichte zwischen einem jungen Papa und seinem erwachsenen Kind. Die metaphysischen Nebengleise führen weiter. Sokurovs poetische Bilder machen nicht nur die Nähe der beiden Männer spürbar, sondern auch die allmähliche Verschiebung ihrer Rollen und was ihre Trennung bedeuten kann: Tod und Wiedergeburt zugleich.

Der umstrittenste und schönste Film dieses verwaisten Festivals musste natürlich von einem Einzelgänger kommen. Vincent Gallo hat The Brown Bunny selbst geschrieben, gedreht, geschnitten, produziert und gespielt. In einem schwarzen Kleinlaster geht es quer durch die USA auf der Suche nach der verlorenen Liebe. Der Blick durch die verdreckte Autoscheiben auf die Straße wird zu einer fast hypnotischen Erfahrung, Seelenlandschaften und Erinnerungen ziehen vorbei. Gallo verwirklichte bei seinem radikalen Ego-Trip, wovon andere Kunstfilmer nur träumen: In einer einsamen Welt tun, was man will. So kann er mitten in der Salzwüste von Utah auf sein Motorrad steigen, um am flimmernden Horizont als winziger Punkt davon zu rasen. Das romantische Melodram nimmt seinen Lauf. Aber den freien Film in unserem Kopf kann er nicht mehr auf eine tragische Zielgerade bringen. Denn wir sind immer noch unterwegs.

00:00 30.05.2003

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