Dem Misstrauen misstrauen

Medientheorie Michael Giesecke, Siegfried Zielinski und Georg Christoph Tholen versuchen, die Bruchstellen der neuen Medien für eine neue Wahrnehmungsweise nutzbar zu machen

Technische Innovationen haben immer Anlass für die widersprüchlichsten Gefühle gegeben. Seit rund 20 Jahren jedoch scheint das letzte, erbitterte Gefecht im Gange, bei dem nichts weniger als der Fortbestand der Gutenberg-Galaxis und damit der Aufklärung und Zivilisation auf dem Spiel steht. Die digitalen Medien, die für Verflachung, Beliebigkeit und Überfluss stehen, drohen die gereifte Qualitätskultur, repräsentiert durch das Buch, in den Schatten der Geschichte zu stellen. Das Wertespektrum in diesem Gefecht ist für die meisten ideologischen Kombattanten klein: schwarz oder weiß. Auch wenn sachlich betrachtet die grauen Zwischentöne dominieren müssten.

Etwas von solch grauer Sachlichkeit versucht seit Jahren der Literatur- und Medienwissenschaftler Michael Giesecke in die Diskussion hineinzutragen. In seiner Studie Der Buchdruck in der frühen Neuzeit (1991) beschrieb er mit Akribie den Übergang von der skriptographischen zur typographischen Kultur. Auf der Basis der intimen Kenntnis dieses kulturellen Paradigmenwechsels hat er sich nun den gegenwärtigen Entwicklungen zugewandt, in denen das Erbe Gutenbergs seinerseits herausgefordert wird von einer neuen Technologie. Wie vollzieht sich der Wandel an dieser kulturellen Schnittstelle, welche Traditionen werden in Frage gestellt, was tritt neu an ihre Stelle?

Die Kulturtechnik des Lesens und Schreibens hat unsere Gesellschaft in den letzten 500 Jahren derart geprägt, dass sie üblicherweise mit Kultur und Zivilisation identifiziert wird. Die ideologischen Anteile werden dabei geflissentlich kleingeschrieben oder ganz übersehen. Diese kulturelle Setzung gipfelt in der Idealgestalt des Lesers. Der gute, aufgeklärte Bürger liest! In der (Zentral-)Perspektive hat diese Setzung zudem einen visuell normativen Ausdruck gefunden. Nur allzu gerne wird in den Diskussionen um die Schriftkultur vergessen, dass diese wesentlich durch das Auge bestimmt ist und so die anderen Sinne vernachlässigt. Umso weniger erstaunt es daher, dass die perspektivlose "virtual reality" Unsicherheit und Angst evoziert.

Giesecke plädiert engagiert für eine kritische Neubewertung der ideologisch überhöhten Buchkultur. Sie fördere und entwickle zwar Individuum, Staat, Ordnung, Rationalität, vernachlässige aber Kooperationen, Chaos, Intuition. Gegenüber dem Primat des Visuellen führt Giesecke das multimediale Zusammenspiel aller Sinne ins Feld, wie es die alten Kulturen in Europa bis hin zur Renaissance gepflegt hatten.

Das Verständnis für die Ambivalenz aller Medien zu wecken, ist für Giesecke "an sich schon ein wichtiges, fruchtbares Ergebnis einer medienhistorischen Betrachtungsweise". Am Ende einer Entmystifizierung der Buchkultur stehen für ihn Begriffe wie Netzwerk, Gespräch und Ökologie. Letzterer weist er neue Aufgaben zu, denn die Ökologie verstehe sich wie keine andere Disziplin auf dynamische Wechselbeziehungen von uneinheitlichen Netzwerk-Partnern. Der künftige Mensch und Mediennutzer soll sich als Partner in einer neuen sozialen, "ökulogischen" Gesprächskultur sehen, die sich auf die "Sowohl-als-auch"-Balance von Sinnen und kulturbildenden Faktoren versteht. "Wer die Balance stört, muss sich legitimieren", formuliert Giesecke als Leitmaxime.

Nicht restlos geglückt wirkt allerdings der Versuch, das Buch in doppelter Ausführung anzubieten: gedruckt und digitalisiert auf einer CD-ROM: eine Volltext-Version um einige Materialien angereichert. Wirklich neue Gebrauchsweisen eröffnet diese herkömmlich linear aufgebaute CD-ROM allerdings nicht.


Den visuellen Primat der Gutenbergkultur untergräbt auch Siegfried Zielinski mit seinen medienarchäologischen Untersuchungen zur Tiefenzeit des technischen Hörens und Sehens. Für seine Strategie der Entmystifizierung aktiviert er Musils "Möglichkeitssinn": die Fähigkeit, "alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist". Zielinski interessiert sich für Spezialfälle. Er forscht nach Verbindungslinien vom barocken Kuriositätenkabinett zum Internet, vom Alchemisten zum Netz-Artisten. Zeit und Veränderung, Gieseckes "Sowohl-als-auch", rückt in den Fokus der Aufmerksamkeit. Der imperialen Zentralperspektive mit ihrem Zwang zur Vereinheitlichung hält Zielinski die Experimente und den Erfindungsreichtum aus peripheren Denklabors entgegen. Dafür stehen interessante Namen wie Empedokles, della Porta, Kircher, Mazzolari oder Gastev.

Eine der erstaunlichsten Biographien, die Zielinskis Grabungen ans Tageslicht fördern, ist die von Johann Wilhelm Ritter. Dieser Physiker und Freund der Jenaer Romantiker vollzog die Poetisierung der Welt experimentell am eigenen Leib und schuf eine strikt subjektive und synästhetische Empirie. Damit setzte er zwar seine Gesundheit aufs Spiel, reüssierte aber als Entdecker (Ultraviolett), Erfinder (Akkumulator) und Begründer der Elektrochemie. In der akademischen Gemeinde wurde ihm dafür freilich kaum Anerkennung zuteil, wohl weil Ritter für eine Empirie einsteht, die sich nicht auf die visuelle und theoretische Erfahrung beruft, sondern den Körper, alle Sinne einsetzt - bis hin zur Gefährdung der eigenen Gesundheit.

Zielinskis Medienarchäologie will weder über die herrschenden Entwicklungsstränge in der Apparatetechnik noch über deren soziale Bedeutung Aufschluss geben. Er entdeckt vielmehr Ideen, die im Zwischenreich der Imagination zwischen Berechenbarkeit und Phantastik keimten. Ideen, die einer "Ökonomie der Freundschaft" (Bataille) huldigten, so wie heute vielleicht die open source-Bewegung. In den neuen Medienwelten ortet er als Quintessenz daraus "die fortdauernde Möglichkeit einer magischen Haltung gegenüber der Technik". Darin liegt für ihn die Funktion der verschwenderischen, offenen Medienkunst.


An dieses Zwischenreich tastet sich Georg Christoph Tholen von theoretischer Seite heran, dabei zu ähnlichen Schlüssen gelangend. Der "Zwischen- oder Ab-Ort der Einbildungskraft" manifestiert sich in der "hybriden Performanz" der Kunst. Innerhalb der aktuellen, von polaren Gegensätzen geprägten Mediendiskussion setzt er auf das Misstrauen als erkenntnisfördernde Kraft. Auf beiden Seiten werden gern griffige Metaphern verwendet. Die Euphoriker suchen in den neuen technischen Potenzen das Instrument zur Überwindung des menschlichen Körpers. Demgegenüber befürchten die Katastrophiker die Entmündigung des Menschen durch die Maschinenwelt. In Abschied von der Gutenberg-Galaxis sinniert Norbert Bolz finster: "Die freien Gedanken sind zerebrale Software, Geist ist der Inbegriff aller möglichen Datenkombinationen, und Kultur heißt das Spiel auf der Tastatur des Gehirns." Mit dieser "Organ-Metaphorik" (Tholen) werden allerdings alte Trennungen nivelliert und die Zäsuren überschrieben, die an den Schnittstellen zwischen analog und digital aufbrechen. Es sind dies Gleichsetzungen, die Hegels Weltgeist im Worldbrain archivieren, im Grunde aber doch bloß den humanen Narzissmus verdoppeln.

Dadurch skeptisch gestimmt untersucht Tholen, wie kulturelle Setzungen gerne a priori gesetzt werden. Der eklatante Widerspruch zeigt sich unter anderem darin, dass ein vor-mediales Leben und Bewusstsein postuliert wird, das in der Schriftkultur wurzelt, ohne zu bedenken, dass diese Schriftkultur selbst nur Mitte(i)lbarkeit zum "Naturzustand" signalisiert. So unterschlägt die apokalyptische Rhetorik über die Zäsur in der Medienwelt all die grundlegenden Schnitt- und Bruchstellen in der Medien- wie der Begriffsgeschichte.

Tholen untersucht die anthropomorphe Metaphorik, die Differenz zwischen Auge und Blick sowie die Risse im Raum-Zeit-Gefüge. Dabei hinterfragt er falsche Gegenüberstellungen, die meist auf inkohärenten Begriffsdefinitionen fundieren. Zwischen den Zeilen dekonstruiert er auch das scheinbar unhintergehbare prädiskursive Einverständnis, wonach gut ist, was verloren ist. Der kulturkritische Mediendiskurs leidet ja nicht zuletzt daran, dass Vergangenes als ideal gesetzt wird, Ängste dagegen in die Zukunft projiziert werden.

Als Einstieg zu diesen Schwerpunktkapiteln, deren begrifflicher Aufwand keine leichte Lektüre erlaubt, bieten sich im zweiten Teil des Buches die Diskursanalyse von TV-Talks sowie die abschließende Verortung des imaginären Dazwischen an. Nochmals weist hier Tholen auf die Widersprüchlichkeit der auf McLuhan zurück gehenden Angst hin, dass die Medien Prothesen des Menschen seien und den Menschen zu ersetzen drohen. "Der anthropologische wie neurokulturelle Kurzschluss von Körper und Technik, Menschen und Programmen ist ein Phantasma, das die differenzielle Kluft der Sprache vergisst und überdeckt." Die katastrophische Rhetorik versucht etwas sichtbar zu machen, indem sie Wesentliches "hinter dem Horizont" verbirgt.

"Irritation ist der erste Schritt bei einer Befreiung von erstarrten Vorurteilen und von Wiederholungszwängen", schreibt Giesecke. Gemeinsam nähern sich Tholen, Zielinski und Giesecke dem von Mythen verhangenen Horizont, um das Verborgene zu entdecken.

Michael Giesecke: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 2002, Mit CD-ROM, 458 S., 17,50 EUR

Siegfried Zielinski: Archäologie der Medien. Zur Tiefenzeit des technischen Hörens und Sehens. Rowohlt TB, Reinbek bei Hamburg 2002, 396 S., 16,90 EUR

Georg Christoph Tholen: Die Zäsur der Medien. Kulturphilosophische Konturen. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 2002, 220 S., 10 EUR


00:00 25.06.2004

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