Dem Sterben ausweichen

Corona-Maßnahmen Wenn man alte Menschen einsperrt, was bleibt ihnen dann noch vom Leben?
Dem Sterben ausweichen
Besser als nix: Eine Enkelin umarmt ihre Großmutter im Mai in Wantagh, New York – das erste Mal seit Ende Februar

Foto: Al Bello/Getty Images

Lange vor „Corona“ geschah es, und es geschieht anderswo immer wieder: Eine liebe Freundin klagte, dass sie ihre Schwiegermutter „ins Heim“ geben müsse. Schon zweimal sei sie nachts nach draußen gegangen. Da könne sonst was passieren. Na und, wandte ich ein, was ist schlimmer: Sie ins Heim zu zwingen, was du nicht darfst, oder eine Gefahr, die du erst einmal nur vermutest? – Aber ich mache mich strafbar, wenn ich meine Aufsichtspflicht verletze. – Wenn du schläfst, und sie schließt mit ihrem Schlüssel die Haustür auf? – Glaubst du, ich kann schlafen, während ich dauernd lausche, ob sie die Treppe herunterkommt?

Keine Schutzhaft für die Alten

Überforderung, gepaart mit Groll: Lange hatte sich die Schwiegermutter als Hausherrin aufgespielt, und sie hielt natürlich zu ihrem Sohn, als der zu einer anderen Frau ging. Er kam ab und zu, um nach der Mutter zu sehen, aber insgesamt blieb die Verantwortung bei meiner Freundin. Dass die alte Frau plötzlich starb, befreite sie aus dem Dilemma. Es beschäftigte uns weiter. Mein Mann meinte, dass er lieber einen Unfall erleiden würde, als eingesperrt zu sein. Dazu hätte es kein Recht gegeben, sagte ich – und zweifelte doch, ob ich mir ihn oder mich in einem verwirrten Zustand vorstellen kann. Trotzdem: Sicherheit durch Entmündigung? Um keinen Preis!

Mein Vater, 350 Kilometer weg von uns wohnend, wollte nach dem Tod meiner Mutter in der Wohnung bleiben. Einmal, als wir einige Tage bei ihm waren, hörten wir gegen Mitternacht das Klopfen seines Stockes im Flur und das Geräusch des Wohnungsschlüssels. Ich schaute aus dem Fenster. Still und leise hatte er sich angezogen und lehnte am Gartentor. Wir beobachteten ihn eine Weile, dann gingen wir zu ihm. Ich warte immer noch, sagte er, dass ich abgeholt werde. Ich soll doch einen Orden bekommen. – Das ist ja großartig, aber eben kam ein Anruf, dass die Veranstaltung verschoben ist. Er zuckte die Achseln, kam mit hoch und legte sich ins Bett.

Und wenn er das wieder macht? Der Pflegedienst kommt nicht in der Nacht. Doch dieses Haus war seine Welt. Eines Tages indes, als wir ihn besuchen wollten, war sein Bett leer. Die Pflegerin hatte den Notarzt gerufen, der ihn wegen der Nierengeschichte, die er lange schon hatte, ins Krankenhaus einwies. Sie war nicht befugt, den Katheter zu wechseln, der Arzt konnte keine Krankenschwester schicken, die täglich dazu in der Lage gewesen wäre, und selbst wollte er nicht kommen. Im Krankenhaus wurde uns definitiv gesagt, dass man ihn nicht wieder nach Hause entlassen könne.

Auf die Schnelle wurde ein Platz in einem Heim gesucht, und er war glücklicherweise sogar einverstanden. Wenn wir ihn besuchten, schien er des Lobes voll. Alle seine gesundheitlichen Daten würden in eine Tabelle eingetragen. Sogar in der Nacht käme eine Schwester vorbei, um nach ihm zu sehen. Und sie „spielten“ sogar mit, wenn er sich in seinen Tagträumen befand, gaben ihm das Gefühl, ernst genommen zu sein. Das Besuchsverbot in Pflegeeinrichtungen zu Beginn der Corona-Pandemie hat er nicht mehr erlebt.

Bis jetzt werde ich die Empörung nicht los. Es ist unmenschlich gewesen. Wenn man alten Menschen verwehrt, ihre Angehörigen zu sehen und sie in ihren Zimmern einsperrt, was bleibt ihnen noch vom Leben? Eine Pflegerin in Schutzkleidung, die mit Abstand das Essen reicht? Ich kann mir vorstellen, dass manch eine, manch einer lieber sterben wollte in dieser Lage. Ich weiß, was mir jetzt entgegenzuhalten ist: das Risiko, an Corona zu erkranken, sei bei alten Menschen größer. Schutzhaft für die Alten also. Damit es für die Jüngeren zur Not genügend Intensivbetten und Pflegekräfte gibt?

Das Infektionsschutzgesetz erlaubt weitreichende Maßnahmen, verlangt aber zum Beispiel nicht den Einsatz von mehr Bussen und Bahnen, in denen sich die Leute drängen. Es verlangt vieles nicht, was vernünftig, doch schwierig zu bewerkstelligen wäre. Wenn wegen personeller Engpässe in den Gesundheitsämtern Infektionen nicht zurückverfolgt werden können, wird das hingenommen. Personaleinsparung und Arbeitsverdichtung liegen in der Logik des Systems. Privatisierung des Gesundheitswesens heißt auch, dass an Corona-Patienten verdient werden muss. Vom ersten Test bis zu den Krankenhäusern, wo finanzielle Einbußen auszugleichen sind, wenn Operationen verschoben werden. Und wenn jemand Krebs hat? Da hoffe ich, dass Ärzte nicht stur nach Befehl entscheiden.

Aber zurück zur „Risikogruppe“. Leider, alle über 60 gehören dazu, sagte unsere Tochter am Telefon, auch wenn ihr beide ohne Vorerkrankungen seid. Wenn sie uns mit ihrem kleinen Kind besucht und womöglich ansteckt, würde sie sich das nie verzeihen. „Solidarität mit den Schwächeren“, so hieß das im Frühjahr. Welche Heuchelei! Weder sind wir „schwächer“ noch würde sie durch ihr Wegbleiben „solidarisch“ sein. Dass sie im Falle unserer Erkrankung von jeder Schuld frei sei, sagte ich, darauf könne ich ihr Brief und Siegel geben. Aus freiem Willen würden wir uns in Quarantäne begeben, wenn es in ihrem oder unserem Umfeld einen Corona-Verdacht gäbe.

Pauschal einer „Risikogruppe“ zugerechnet zu werden, empfinde ich als immense Herabsetzung – zumal heutzutage, da Identität als einzigartiges Individuum geradezu zelebriert wird. Wäre es da nicht an der Zeit, die sprachliche Akrobatik weitergetrieben, auch das Wort „alt“ zu ersetzen?

Ersatz für Verteilungskämpfe

Das ist natürlich zugespitzt, wie ich mir überhaupt bei jedem Satz der Gegenargumente bewusst bin. Dass in dieser Gesellschaft extremer Ungleichheit allen die gleiche Achtung widerfahren kann, ist eine Lüge. Materiell und kulturell diskriminiert sind, ob alt oder jung, große Teile der Bevölkerung. Unter dem Motto „Jeder ist seines Glückes Schmied“ herrscht allgemeine Konkurrenz. Trotz geforderter Chancengleichheit im Bildungsbereich: Die gut dotierten Stellen reichen schlichtweg nicht für alle. Wer jung ist und sich im Sinne von Selbstverwirklichung um gesellschaftlichen Aufstieg bemüht, hat sich gegen jene zu behaupten, die einen Altersvorsprung auf der Karriereleiter haben. Wen wundert es da, dass Teilen der Jugendkultur auch eine gewisse Aggressivität innewohnt? Sie ist systemerhaltend als Ersatz für echte Verteilungskämpfe.

Schön für jene, könnte man sagen, die aus dieser Tretmühle aussteigen können, um mehr oder weniger gesichert ihren „Lebensabend“ zu genießen. Die einen, entkräftet durch entfremdete Schufterei, warten sehnlichst auf die Rente. Für andere droht im „Unruhestand“ eine Leere, weil die Kraft, produktiv zu sein, noch da ist und Arbeit als sinnhaft begriffen wird. Durch Kranken- und Pflegeversicherung immerhin bessergestellt als ihre Großeltern, beklagen viele ältere Menschen, vom gesellschaftlichen Diskurs ausgeschlossen zu sein. Ihre Erfahrungen, Werte, Bedürfnisse finden sie in den Medien nicht wieder, weil diese nach einer jungen Zielgruppe gieren und jene vernachlässigen, die ihnen noch zehn, zwanzig, dreißig Jahre treu bleiben könnten.

Unmerklich kommt es zu einer Situation, die mir kürzlich ein kluger, beneidenswert belesener Mann schilderte: dass ihm das gesamte öffentliche Leben fremd geworden sei. Es ist evident: Ein kultureller Riss geht durch die Gesellschaft, und die Deutungsmacht hat sich verschoben. Wohl hat es ein Nebeneinander von Aufwertungs- und Abwertungserfahrungen schon immer gegeben, doch derzeit ist eine Polarisierung unverkennbar. Das System ist aus der Balance, der diffamierende Begriff „Risikogruppe“ ein Zeichen sozialer Erosion.

Nach den Alten traf es die Jungen. Jetzt soll die „Partygeneration“ schuld sein, das Virus zu verbreiten. Misstrauen gegen jugendliche Unvernunft als Kehrseite eines Argwohns gegenüber dem Alter – Politiker üben sich in autoritärem Gehabe. Menschen sind angehalten, sich zu verkriechen, sich einzuigeln in ihren Gehäusen. Das Fernsehen zeigt Kurven weltweit steigender Corona-Zahlen wie Frontberichte. Eine große Depression hat das Land erfasst, im wirtschaftlichen wie mentalen Sinne.

Unsicherheit, Panik als Mittel derzeitiger Ideologie? Die Attitüde, dass ein unvernünftiges Volk zu belehren sei, als Schritt zu autoritärer Macht? Militärisch straff verkündet der Gesundheitsminister seine Beschlüsse. Die sollen wir befolgen, sonst drohe der massenhafte Tod. Den können wir demnach verhindern, wenn wir tun, was gesagt wird. Als ob wir auf diese Weise das ewige Leben bekämen, egal, ob es ein gutes ist. Als ob wir dem Sterben ausweichen könnten, wenigstens jetzt.

Irmtraud Gutschke, Jg. 1950, arbeitete lange Jahre als Redakteurin beim Neuen Deutschland

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