Dem Verrückten den Hintern zu waschen, war wie in Amerika anzukommen

Raus aus dem Irrenhaus In Italien wurde 1968 "Freiheit ist therapeutisch" auf die Anstaltsmauern geschrieben

Erinnern Sie sich an die Anstalts- und "Irrenwitze", die früher in der Kinder- und Jugendzeit auf der Straße kursierten? Der Folgende stammt aus Italien: Der Direktor einer psychiatrischen Anstalt stellt einem Besucher einige "seiner" Insassen vor und flüstert ihm unter vorgehaltener Hand zu: "Sehen Sie diesen Patienten dort, den mit der Hand vor der Brust? Ein besonders schwieriger Fall. Er hält sich für Napoleon - obwohl doch jeder hier weiß, dass ich das bin!"

Andere Witze ranken sich um die immer vergeblichen und grotesken Ausbruchsversuche der "Irren". Eher als lange Traktate geben sie Auskunft darüber, was die herkömmliche Psychiatrie für uns ist. Sie erzählen von der Macht und Omnipotenz ihrer Verwalter, zu der sich die Ohnmacht der Insassen spiegelbildlich verhält; von dem Ort, an den das Scheitern verwiesen wird, und auf das Unvermögen der Gesellschaft, sich zu den Fragen und den Leiden der psychisch Kranken zu verhalten.

Historische Errungenschaft

Anders als in Deutschland hat die theoretische und praktische Kritik an der Institution Psychiatrie in Italien einen festen Platz im Erinnerungskarussell, das um die 68er-Bewegung kreist. Das Erbe der italienischen antiinstitutionellen Bewegung wird mit dem Namen des Psychiaters Franco Basaglia (1923-1980) und dem 1978 verabschiedeten Gesetz 180 identifiziert. Auch im internationalen Vergleich stellte es gleichsam eine kopernikanische Wende im Bereich der Psychiatrie dar: Es verrückte die Perspektive des Gesetzgebers vom Schutz der öffentlichen Ordnung hin zum Schutz der Rechte, der Würde und sozialen Integration von Psychiatriebetroffenen. Es bestimmt, dass die Behandlung möglichst nah am Lebenskontext und in der Regel mit Einwilligung der Betroffenen erfolgen soll. Der Gefährlichkeitsparagraph, der psychisch Kranke bis dahin stigmatisiert und ihren Wegschluss legitimiert hatte, war gestrichen worden, das Ende der Anstalten besiegelt.

Erinnert wird auch das Lebenswerk Franca Ongaro Basaglias (1928-2005), der engagierten Intellektuellen, die ihre sozialwissenschaftliche, publizistische und politische Tätigkeit dem Kampf gegen die Anstalt und später, als Senatorin, der Umsetzung der Gesetzesreform gewidmet hat. Diese gehört zu den wenigen Errungenschaften, die sich, trotz immenser Schwierigkeiten und Gegnerschaften - auch innerhalb des psychiatrischen Establishments - durch die Berlusconi-Jahre hindurch hat retten können, jedenfalls bis jetzt. Von Sardinien bis Friaul befassen sich die vielfältigsten Veranstaltungen mit den philosophischen, politischen und kulturellen Wurzeln und Folgen dieses einzigartigen Falles, bei dem das psychiatrische System eines Landes samt seiner Gesetzesgrundlage aufgrund des Drucks und der praktischen Erfahrungen einer anti-institutionellen Bewegung radikal umgestaltet wurde.

Das Spektrum der Initiativen reicht von Konzerten, Theater und Kunst über Diskussionsforen, Filmfestivals, die Neugestaltung ehemaliger Anstaltsparks und Schulprojekte bis hin zu einem 30-teiligen Radioprogramm von RAI 3. Mit offenem Mikrofon besuchten die Reporter in 30 verschiedenen Städten die unterschiedlichen "Dienste der seelischen Gesundheit", interviewten deren Nutzer, die dort Arbeitenden, Selbsthilfegruppen und Angehörige. Dabei entstand ein ungeschminktes Bild der aktuellen, sehr heterogenen und zum Teil kritischen Lage der psychiatrischen Dienste. In einigen Regionen, so in Friuli Venezia Giulia, wird seit Jahren ohne Anstalten auf das Ziel der sozialen Teilhabe, der Stärkung der Rechte und der Vertragsmacht der Betroffenen hingearbeitet. In anderen Regionen wurden Anstalten einfach umbenannt, es entstanden Privatkliniken. Begriffe wie Bürgerrechte oder soziale Integration sind dort Fremdwörter.

Im Mittelpunkt der Erinnerungsarbeit steht jedoch, wie der politische und gesellschaftliche Aufbruch von 1968 als Chance genutzt wurde, um die "Widersprüche der Psychia­trie", angefangen bei der unmenschlichen Lage der Anstaltsinsassen, ins öffentliche Bewusstsein zu heben.

Quadratur des Kreises

Kritik hatte sich schon nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in verschiedenen westlichen Industriestaaten zu regen begonnen. In Frankreich und Deutschland waren die Psychiater tendenziell bestrebt, das Anstaltssystem beizubehalten, allerdings in reformierter Form; gleichzeitig formierten sich seitens der Betroffenen antipsychiatrische Gruppen. In England entstanden das Reformmodell der therapeutischen Gemeinschaft und eine radikale antipsychiatrische Strömung, deren Vertreter - die Psychiater R.D. Laing und D. Cooper - die Institution verließen, um außerhalb Alternativen zu erproben. Die italienische anti-institutionelle Bewegung wiederum versuchte die Quadratur des Kreises und lotete eine radikale Psychiatriekritik aus dem Innern der Institution bis an ihre Grenzen aus. "Wegen der Macht des Arztes über den abhängigen Kranken", schrieb Basaglia, "kann im Irrenhaus keine therapeutische Situation entstehen." Die Machtposition der Mitarbeiter, zuvörderst die der Ärzte, sollte für die De-Institutionalisierung eingesetzt und in der Gesellschaft nach anderen Möglichkeiten des Umgangs mit psychischem Leiden gesucht werden.

1961 begannen der von der phänomenologischen Schule geprägte Franco Basaglia und seine Frau Franca Ongaro Basaglia mit einem Team junger Ärzte die Liberalisierung der psychiatrischen Anstalt von Gorizia im Nordosten Italiens. Als Modell diente ihnen die "therapeutische Gemeinschaft" aus England, in der Patienten und Mitarbeiter ein Kollektiv bilden und die Regeln des Miteinanders gemeinsam diskutieren und definieren: Gitterbetten, Fesseln, die massenhafte Abfertigung der Insassen, gewaltsame Straftechniken wie Elektro- und Insulinschock, die Einsperrung und Isolierung wurden abgeschafft. Die Erfahrungen zeigten, dass die psychische Gesundheit der Insassen in erster Linie durch die Folgen der gewalttätigen Hospitalisierung, des gesellschaftlichen Ausschlusses, der Unterordnung, durch die Armut und den Mangel an Lebensqualität beeinträchtigt wurde, während die diagnostizierten psychiatrischen "Krankheiten" eine sekundäre Rolle spielten.

Normale Irre, verrückte Mitarbeiter

Der Abbau der institutionellen Zwänge erforderte von allen Beteiligten die Bereitschaft, aus den jahrelang verordneten Bewacher- und Krankenrollen herauszutreten, sich für den Anderen zu öffnen und horizontale, "lebendige" Beziehungen einzugehen. Vor allem für die Pfleger und Insassen, die sich auf den untersten Stufen der Anstaltshierarchie befanden, stellte dies einen bereichernden, aber auch aufreibenden und konflikthaften Prozess dar. Manche Anstaltsinsassen hatten seit Jahren nicht mehr gesprochen, waren verstummt. Als Ivo, jahrzehntelanger Insasse mit ausgeprägtem Sinn für Paradoxe, wie häufig in Selbstgespräche vertieft, am Mittagstisch von einer eifrigen neuen Mitarbeiterin mehrmals ermahnend gefragt wurde, "mit wem er denn spräche und ob er es nicht lassen wollte", antwortete er vorwurfsvoll: "Wenn ich mich schon im Irrenhaus befinde, lasst mich doch wenigstens hier mit mir selber sprechen!" In den sich verändernden Beziehungen erwies sich nicht nur die bisherige Funktion der Krankheitsdiagnosen als fragwürdig, sondern auch die "Gefährlichkeit" der Irren als ein Vorurteil, das durch die überwachende Anstalt selbst genährt wurde.

1968 veröffentlichte die Gruppe um Basaglia den legendären "Bericht aus einer psychiatrischen Anstalt. Die negierte Institution oder Die Gemeinschaft der Ausgeschlossenen", der die Erfahrungen aus Gorizia zusammenfasste und Protokolle der Versammlungen mit den Insassen enthielt. Es handelte sich um eine Kampfansage an die "totale Institution", mit der Basaglia der Psychiatrie das Ansehen und die Legitimation als neutrale Wissenschaft absprach. Er argumentierte, dass die lagerähnlichen Zustände in den Anstalten, die Haltlosigkeit und instrumentelle Benutzung von Diagnosen, die Gewalttätigkeit und Kontrolle nicht bloße Verfehlungen einer Institution, sondern bereits in der psychiatrischen Wissenschaft angelegt seien.

Das Buch fand ungeahnten Widerhall und wurde in vier Sprachen übersetzt. Eine ehemalige Mitarbeiterin Basaglias, die Soziologin Maria Grazia Giannichedda, erinnert sich, dass die Publikation des Buches riskant gewesen sei, "weil es aus einer für Nicht-Experten verschlossenen Welt kam, jedoch zu wenig akademisch ist, um in eben dieser Welt wirksam sein zu können. Dank der 68er-Bewegung glückte das Wagnis."

Ab 1971 setzten die Basaglias mit einer neuen Gruppe von Mitarbeitern ihre Arbeit in Triest fort. Dort setzten sie die Schließung der großen psychiatrischen Anstalt durch und bauten alternative, offene Stadtteilzentren mit psychiatrischer Versorgung auf. Ähnliche Projekte starteten sie in anderen Städten. Politisches Gewicht gewann die Bewegung, aus der 1973 die Gruppe Demokratische Psychia­trie hervorging, durch ihre Verbindung zu den Gewerkschaften, zur Kommunistischen Partei und zu einzelnen Vertretern des aufgeklärten Flügels der Democrazia Cristiana, die an einer Reform des Gesundheitswesens interessiert waren. Bedeutsam ist zu der Zeit auch das Engagement namhafter Intellektueller und Kunstschaffender sowie ungezählter Einzelpersonen, vor allem Frauen.

Es war vielleicht das einzige Mal, dass eine im "weiblichen" Segment angesiedelte Arbeit so revolutioniert wurde, dass sie in die große Geschichte der Befreiung einging. "Pflege" und Sorge um die oder den Anderen paarten sich mit dem politischen Kampf. Eine der ersten Wohngruppen mit ehemaligen Anstaltsinsassen in Triest wurde Casa Rosa Luxemburg getauft. Carla, eine der damaligen Mitarbeiterinnen, erzählt, dass sie abends unter der Anleitung einer deutschen Kollegin Das Kapital lasen, tagsüber ging der Sturm auf die Bastille weiter: "Dem Verrückten den Hintern zu waschen, war wie in Amerika anzukommen."

Im Laufe der folgenden Jahre gelang es der antiinstitutionellen Bewegung, die Psychiatrie aus der gesellschaftlichen Isolation herauszuholen und sie als Thema - als Widerspruch - inmitten der damals zeitgenössischen Diskurse und Kämpfe einzubeziehen. Von da an fanden sich die "Verrückten" - die Insassen - unterstützt mit den solidarisierenden Mitarbeitern, zwischen Arbeiter-, antiautoritären Studenten-, Frauen- und Befreiungsbewegungen wieder.

Durch die zunehmende nationale und internationale Vernetzung der Demokratischen Psychiatrie und gestärkt durch die positiven, praktischen Erfahrungen, drangen Gewerkschaften, einige Berufsverbände und Politiker schließlich auf eine Gesetzesänderung. Kurz vor der Verabschiedung des Gesetzes zur Legalisierung der Abtreibung - nur vier Tage nach der Ermordung Aldo Moros durch die Roten Brigaden - wird im italienischen Parlamente das Gesetz 180 ratifiziert.

Die in Italien erschlossenen Möglichkeiten zu radikalen Veränderungen könnten bis heute Auseinandersetzungen um psychisches Leiden, Verrücktheit und die institutionalisierten Antworten darauf provozieren.

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