Demnächst im Café 22

Berliner Abende Der Radiowecker schaltet sich ein. 5.45 Uhr. Es ist stockfinster, es ist bitterkalt und es ist Sonnabend, was nur bedeuten kann, dass ich mich ...

Der Radiowecker schaltet sich ein. 5.45 Uhr. Es ist stockfinster, es ist bitterkalt und es ist Sonnabend, was nur bedeuten kann, dass ich mich freiwillig um diese Zeit aus dem Bett treibe. Ich muss verrückt sein! Eine Stunde später stehe ich gestiefelt und gespornt an der Hauptverkehrsstraße von Mahlsdorf; also kurz vor Polen, wie meine Kollegen aus dem Westen meist zu sagen pflegen. Es ist immer noch dunkel, keine Menschenseele lässt sich blicken, kein Wind haucht durch die Luft. Trotzdem raschelt es unaufhörlich, gelbe Blätter fallen wie von Geisterhand gezupft zu Boden. Einfach so, es ist Herbst.

Ich warte auf meine Fahrgemeinschaft. Zu fünft, wie sich denken lässt, fünf Frauen, wir wollen zum Einkaufsbummel nach Polen fahren - nicht auf den Polenmarkt, sondern nach Szczecin. Kleine Boutiquen sind unser Ziel, auf der Suche nach etwas Besonderem. Im 13. Nachwendejahr fahren wir ins ehemals sozialistische Bruderland zum Shoppen. Wir müssen verrückt sein!

Ich bin die dritte, die eingesammelt wird, noch zweimal halten, dann sind wir komplett. Niemand hat eine Autokarte, geschweige denn einen Stadtplan von Szczecin im Gepäck, aber jede kann eine schöne Geschichte erzählen vom Versuch, eine Karte zu lesen unter den ungeduldigen Blicken des männlichen Auto fahrenden Partners. Fazit aller: Erst soll man sich um die Fahrerei nicht kümmern, dann aber aus dem Stand die richtige Seite im Autoatlas aufschlagen und sofort wissen, wo es langgeht. Und außerdem, was ist schon dabei, wenn frau die Karte auf den Kopf dreht, um besser abschätzen zu können, ob man nun nach links oder rechts abbiegen sollte. Wir sind uns einig: Ohne Partner fährt es sich auf jeden Fall stressfreier, allerdings sollte immer ein voller Reservetank im Kofferraum deponiert sein. Das Prinzip "trial and error" ist auf weitläufigen Autobahnen zuweilen sehr benzinaufwändig. Zum Glück gibt es das Internet, sein Prinzip kommt weiblicher Intuition wesentlich näher. Stichworte eingeben, Seite aufrufen, lesen, ausdrucken, einpacken. Wir wissen also: "Autofahrer fahren auf dem Berliner Ring bis zum Autobahndreieck Schwanebeck und von dort aus auf der Autobahn A 119 Richtung Prenzlau / Stettin. Sie überqueren auf der Autobahn bei der Grenzübergangsstelle Pomellen / Kolbaskowo die Grenze und nehmen gleich die erste Autobahnausfahrt Richtung Stettin. Nach weiteren zehn Kilometern haben Sie Ihr Ziel Szczecin/Stettin erreicht." Ganz easy. An der Grenze ist es leer, dennoch oder gerade deshalb werden unsere Personalausweise gründlich unter die Lupe genommen. Der deutsche Grenzer gibt sie uns mit einem Grinsen zurück, die polnische Beamtin verschwindet wortlos mit unseren Dokumenten in ihrem Häuschen. Uns ist es egal, warten wir eben; fünf Frauen kann der Gesprächsstoff einfach nicht ausgehen.

In Szczecin angekommen, fahren wir Richtung Stadtzentrum, auf der Suche nach dem Schloss. Dort in unmittelbarer Nähe soll es eine Paradestraße geben mit vielen Geschäften. K. war als Kind mit ihren Eltern ein paar Mal hier, um den Geburtsort des Vaters zu besichtigen. Das hilft uns aber Jahrzehnte später nicht so richtig weiter. Sie weiß jetzt auch nicht so genau, ob die Straße wirklich "Paradestraße" heißt oder eher den Ruf einer Paradestraße für Einkäufer genießt. Eigentlich ist auch das egal, denn wir finden ja nicht mal das Schloss, d. h. von weitem gesehen haben wir es schon ein paar Mal, aber irgendwie lässt es sich immer auf diesen Stadtautobahn ähnlichen Straßen in Schlossrichtung nicht abbiegen. Als uns dann beim Versuch an einer Unterführung die Richtung zu wechseln alle Autos entgegenkommen, geben wir auf. Szczecin hat sicher auch noch andere schöne Einkaufsmeilen. Wir parken unser Auto auf einem Mittelstreifen und gehen zum Bäcker. Tja, nun hieß es zwar am Morgen nach der Volksabstimmung: "Mit einem klaren Ja zum EU-Beitritt hat Polen die jahrzehntelange Trennung von Europa endgültig überwunden ...", aber unsere Euro will die Bäckersfrau partout nicht haben. Wir suchen einen Geldautomaten, entdecken bei dieser Gelegenheit einen bewachten Parkplatz, platzieren unser Auto neu, drehen uns um und stehen vor dem größten Einkaufscenter der Stadt, dem Pazim Center.

Der Rest ist Statistik: 1 Kostüm, 9 Pullover, 12 Schals, 1 Hose, 3 Rollen Krepppapier, 2 Paar Socken, ... "Vom wirtschaftlichen Aufschwung kündet das neugebaute Pazim Center ...", habe ich im Internet gelesen. Beim nächsten Mal wollen wir auch die Stadt besichtigen, das haben wir uns gegenseitig versichert. Ich meine mich zu erinnern, gelesen zu haben ... "Den besten Blick auf die Stadt, den Hafen und die grüne Umgebung bietet das Café 22 im obersten Stockwerk des Pazim Centers."


00:00 31.10.2003

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