Demokratie unters Volk bringen

Theater Gerade startete die erste Schauspielschule in Palästina. Der künstlerische Berater Johannes Klaus über Ibsen in Palästina und Lerneffekte für deutsche Schauspielschüler

Der Freitag: Herr Klaus, wann sahen Sie Ihr erstes palästinensisches Theaterstück?
Johannes Klaus: Beim G8-Gipfel in Rostock vor zwei Jahren, das Ensemble des Al-Kasaba-Theaters aus Ramallah zeigte ihr Stück Stories under Occupation. Ich habe die Truppe sofort in den Bus gepackt und zu einem Gastauftritt bei Festspielen in Bad Gandersheim eingeladen, die ich organisiere.

Was hatte sie so fasziniert?
In dem Stück setzen sie sich konkret mit ihrer Situation auseinander, auf komische Weise – ohne Betroffenheitslyrik und Polemik. Das fand ich sehr beeindruckend. Und als sich dann herausstellte, dass sie eine Schauspielschule aufbauen wollen und noch Unterstützer brauchen, war klar: Das müssen wir machen.

Warum ist Theater in Palästina denn so wichtig?
Ganz einfach: weil es keines gibt. Die Theaterkultur liegt brach seit der zweiten Intifada vor neun Jahren, der Nachwuchs fehlt. Auf israelischer Seite existieren zwei arabische Theater, eines in Jerusalem, eines in Haifa. Und in Palästina selbst gibt es neben dem Al Kasaba-Theater lediglich noch das „Freedom Theatre“ in Jenin, eine Spielstätte für Kinder und Jugendliche. Der Leiter ist halb Israeli, halb Palästinenser, seine Mutter hat das Theater einst aufgebaut, um traumatisierten Kindern zu helfen.

Ein hoher Anspruch. Wollen die Bewerber deshalb Schauspieler werden?
Sie wollen auf die Bühne, das ist wie bei uns. Diese unbändige Lust am Spielen ist die erste Motivation. Nicht der Anspruch, etwas bewegen zu wollen.

Aber woher kommt diese Lust – Theatervorbilder können sie ja kaum haben.
Naja, sie schauen ja Filme im Kino und im Fernsehen, ägyptische Schmonzetten sind sehr präsent. Einer ist allerdings aus Ramallah, er hat alle Inszenierungen im Al-Kasaba-Theater gesehen, arbeitete als Bühnenarbeiter, saß bei jedem Stück hinter der Bühne, kennt alle Schauspieler.

Sind die Bewerber anders als hierzulande?
Wer bei uns zum Vorsprechen kommt, ist vorbereitet, alle hatten Schauspieltraining, können ihre Texte. Das war in Ramallah nicht so. Vor der Aufnahmeprüfung organisierten wir einen vierwöchigen Workshop, da konnten die Bewerber Szenen einstudieren, ihre Rollen proben – eine klassische, eine komische, eine moderne, Shakespeare war dabei, Gogol, Tschechow. Am Ende luden wir 25 von ihnen zur Prüfung ein – 71 hatten sich beworben, darunter übrigens nur zwölf Frauen.

Ist das symptomatisch?
Es gleicht dort einer Revolution, wenn eine junge Frau sich auf der Bühne vor anderen Leuten zeigt. Eine der Bewerberinnen, eine 18-jährige Muslimin, ist sehr begabt, wir hätten sie sehr gerne für den ersten Jahrgang gehabt – aber sie durfte leider nicht. Ihre Eltern haben es ihr verboten.

Und wieso durften nur 25 zur Prüfung?
Einige hatten falsche Vorstellungen, dachten, sie könnten normal arbeiten gehen und abends in die Schule. Manche waren einfach zu alt. Der älteste war 62, ein Lehrer, nach der Ausbildung wäre er 66, das macht einfach keinen Sinn. Jetzt sind 13 Schüler im ersten Jahrgang, zwischen 18 und 26 – bei uns ist das schon alt. Die Schauspieler, die aus dieser Schule kommen, brauchen viel Kraft, sie müssen ja ihren Berufszweig in dem Land erst aufbauen.

Das heißt, die Abgänger sind Pioniere?
Ehrlich gesagt, unsere erste Frage war: Gibt es überhaupt einen Markt? Wo gehen sie hin, wenn sie ausgebildet sind? Einer der Politiker, die ich traf, sagte, er hoffe, dass die Schauspieler danach in Schulen gehen, um dort Theater bekannter zu machen. Das wäre in der Tat ein Standbein, einige werden sicher auch in freien Gruppen durchs Land ziehen.

Wer spielt eigentlich im Al-Kasaba-Theater?
Ein festes Ensemble gibt es nicht. Viele haben in Europa studiert, ihre Qualität hat mich echt beeindruckt. Überhaupt: Das Haus ist sehr europäisch ausgerichtet, sie spielen sehr viel Ibsen und Brecht. Unter anderem, weil es quasi keine aktuellen eigenen Theaterautoren gibt. Auch das müsste gefördert werden. Stories under Occupation etwa haben die Schauspieler selbst geschrieben.

Moment, Ibsen aus palästinensischer Perspektive?
Ja, letztes Jahr zeigten sie Nora oder Ein Puppenheim; ich habe mir das auf DVD angeschaut und muss sagen: Das Stück hätte genauso bei uns gespielt werden können. Es ist ein Statement über die Stellung der Frau in der Gesellschaft.

Ist der Ansatz generell politischer als hierzulande?
Wir hatten am Anfang einmal die palästinensischen Kollegen eingeladen nach Bochum, sie unterrichteten zwei Wochen lang bei uns. Diese Zeit reichte, um unseren Schülern eine neue gesellschaftspolitische Perspektive zu vermitteln. Sie spürten die Sprengkraft des Theaters.

Das klingt fast, als würden Sie das wiederholen wollen.
Auf alle Fälle. Das Projekt hat die ganze Schule erfasst, bis zum Rektorat, das ist etwas Besonderes. Wir werden jetzt im ersten Jahr in beiden Schulen Antigone einstudieren – und dann beide Inszenierungen in Bochum und in Ramallah zeigen. Wir wollen gemeinsame Stücke entwickeln, gemeinsame Workshops auf die Beine stellen, das wird noch intensiver.

Die Mercator-Stiftung und das Auswärtige Amt unterstützen das Projekt: Woher kommt dieser Glaube an das politische Potential von Theater?
Als das Theater vor zweieinhalbtausend Jahren von den Griechen erfunden wurde, herrschte Autokratie – und die Frage war, wie man Demokratie unters Volk bringen, Inhalte vermitteln kann. Eben übers Theater. Das funktioniert seit damals ausgezeichnet. Und die Hoffnung ist groß, dass Kultur in Palästina viel verändern kann: Es ist wieder ein Stück Normalität mehr.


Johannes Klaus (60) ist Professor für Schauspiel an der Folkwang-Hochschule in Bochum.

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13:40 05.10.2009

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