Demokratische Denkerin

Laudatio Gertrud Koch hat die feministische Filmtheorie tief geprägt. Nun erhält sie den Ehrenpreis der Deutschen Filmkritik
Demokratische Denkerin
Viele hatten ein heißes Herz. Doch sie hatte zudem einen kühlen, klaren Kopf

Foto: Gezett/Imago Images

Es war in den 1970er-Jahren. Frauen hatten angefangen, ihren Platz vor mit dem hinter der Kamera zu vertauschen. Ihre ersten Filme waren da, sie wurden während der Veranstaltung „Steirischer Herbst“ gezeigt und Regisseurinnen, Kritikerinnen und Festivalmacherinnen waren angereist, um zu diskutieren. Dort lernte ich Gertrud Koch kennen. Am Abend erzählte ich von meinem Plan, für ein oder zwei Tage nach Jugoslawien zu fahren, und Gertrud überlegte laut, mitzukommen. Ich war begeistert. Einen Tag später sagte sie mir: „Das geht nicht. Ich habe in dein Auto gesehen. Da ist alles so voll mit Büchern und anderen Gegenständen, für mich ist da kein Platz.“ Kein Wort davon, dass man alles, was ich aus Bequemlichkeit über die Sitze verstreut hatte, natürlich in den Kofferraum räumen konnte. Sie hatte erkannt, dass ich, damals meiner selbstgezogenen Grenzen überdrüssig, in einem Aufbruch war und sehr viel Platz brauchte, in den ich hineinwachsen konnte. Dieser diagnostisch genaue, psychoanalytisch geschulte Blick hob sie sofort heraus aus all denen, die mit heißem Herzen für die Sache der Frauen stritten. Das tat sie auch und ihr Herz war nicht weniger heiß, aber sie hatte dazu einen kühlen, klaren Kopf. Sie ist nie dem Strohfeuer eines aufgeregt-euphorischen, aber eher naiven Feminismus verfallen. Sie war kämpferisch durch Intellekt, nicht durch Parolen.

Der patriarchale Blick

Mit Heide Schlüpmann wurde sie zur wichtigsten theoretischen Leitfigur der feministischen Filmbewegung der 1970er. In dieser ersten Welle der feministischen Filmarbeit musste erst einmal alles in Zweifel gezogen werden, denn was konnte die Filmgeschichte wert sein, da es bisher in ihr keine Frauen gegeben hatte! Dass das gar nicht stimmte, wurde erst langsam in den darauffolgenden Jahren klar, als Stück für Stück aus Dachböden, Kellern und Archiven Zeugnisse aus der Zeit des Stummfilms ans Licht kamen, die, wie so vieles andere, was Frauen zur Kunst beigetragen hatten, einfach vergessen worden waren. Wir sahen keine Vorbilder und standen vor der Notwendigkeit, Formen zu finden für Erfahrungen, die bisher in Filmen noch nicht dargestellt worden waren, wir mussten unseren Protagonistinnen Handlungsspielräume erobern, die im klassischen Kino dem Mann vorbehalten waren. Der Mann war der Held und qua Herkunft und Geschlecht berufen, alles zu richten, was irgendwo irgendwie aus den Fugen geraten war, vom Liebesproblem bis zum historischen Verhängnis, Frauen waren „love interest“. Die kulturelle Plastizität der weiblichen Rolle durch die Jahrhunderte wurde erst von der Frauenbewegung beschrieben und „Weiblichkeit als Maske“ genannt.

Es gab viele Feminismen, ihre Energie verteilte sich auf alle Schattierungen politischer und künstlerischer Praxis, ästhetischer Reflexion und gesellschaftlicher Theorie. Es war schnell klar, dass sich die Aufmerksamkeit vom Inhalt auf die Sprache der filmischen Repräsentation verlagern musste, von der Schilderung von Haus-, Erwerbs- und Kinderarbeit und der Kontrolle des weiblichen Körpers auf Blickstrategien und Subjektpositionen. Wir wollten ein Kino, das die Reproduktion des patriarchalischen Blicks abstreifte. Das Private war das Politische und – wie Bong Jon Hoo es gerade bei den Oscars sagte: „Das Persönlichste ist das Kreativste.“

Laura Mulveys legendärer Text Visuelle Lust und narratives Kino hatte uns gezeigt, wie die Ausschließung der Frau von der Macht auch ihre Repräsentation im Bild bedingt. Es stellten sich Fragen des Filmhandwerks, die ohne theoretische Überlegungen nicht zu lösen waren. Die feministische Filmtheorie holte sich Hilfe bei der Psychoanalyse und blieb für einige Zeit herrschend. Gertrud Koch unterminierte ihre drohende Verwandlung in ein Glaubensbekenntnis sofort durch eine Frage, vor der wir uns gerne gedrückt hätten, warum Frauen denn überhaupt noch ins Männerkino gingen? Es schien ihr unzulänglich, darin nur eine Identifikation mit dem männlichen Aggressor zu sehen. Jedem dogmatischen Hurrafeminismus hielt sie die unangenehme Wahrheit vor, dass Frauen auf der Suche nach ihrer Identität sich stärker mit den Bildern auseinandersetzten, die das männliche Kino von ihnen gemacht hatte, als mit Frauen selbst. Aber: „Die Unterdrückung der Frau beginnt nicht erst mit ihrem falschen Abbild.“ Sie beschrieb hellsichtig, dass das Verhältnis vieler Frauen zum Kino kein sinnliches, sondern ein moralisches war. Das gilt auch in der Zeit von #Metoo. Aber die Zuschauerin im Kino ist nicht einfach das unterjochte Opfer des „male gaze“. Der Spielraum der Aneignung visueller Objekte ist groß. Filmbilder lassen eine Spanne von Bedeutungen offen. Sie funktionieren wie Vexierbilder, je nach Standpunkt der Betrachterin ergeben sich andere Motive. Gertrud Koch stritt dafür, dass die feministische Ästhetik weder in einen politischen Instrumentalismus noch in einen archaischen Primitivismus eines vorgestellten Matriarchats zurückfällt.

Sie sah feministische Filmarbeit immer im Zusammenhang mit dem Jungen Deutschen Film, der sich gegen die Normierungen des Hollywoodkinos wandte, alte Mittel des Stummfilms wiederentdeckte, neue Montagetechniken entwickelte, ein neues Zeit- und Raumempfinden ausdrückte. Sie schrieb grundlegende Aufsätze in der von Helke Sander gegründeten Zeitschrift frauen und film und ihre berühmtem Filmkritiken in der Frankfurter Rundschau, wo sie der männerlastigen Welt des Jungen Deutschen Films die Wertschätzung der Filme von Frauen hinzufügte, für die die meisten männlichen Kritiker kein Empfinden hatten. Mit aller Härte zeigte sich hier die Vorstellung der bürgerlichen Gesellschaft, dass Frauen keine vollwertigen Individuen sind. Wenn sie überhaupt Kunst machen, dann minderwertige. Sie hielten die Filme der Frauen allenfalls für Ableger der Frauenbewegung und hatten keine Kriterien für deren eigene Ästhetiken und Handschriften, weil sie von den vielfältigen theoretischen Überlegungen der feministischen Filmwissenschaft nichts wahrgenommen hatten. Eine, die es wissen muss, Christina von Braun, hat gerade noch einmal gesagt, dass nirgendwo die Aggression gegen die wissenschaftliche Erforschung von Gender so hoch ist wie in Deutschland. Aber Feminismus ist keine Gewerkschaft der Frauen, sondern ein kulturelles Interpretationssystem, dessen sich auch Männer bedienen können.

Hätten wir Gertrud Koch nicht gehabt, wären die Filme deutscher Autorinnen kein so wichtiger Teil der Avantgarde des feministischen Weltkinos geworden. In Deutschland ist das vergessen. Auch Filmgeschichte wird von Siegern geschrieben. Sie hat die Lust an den Filmen nie verloren und sich jeder Form des Kinos geöffnet, Avantgardefilmen, Kurzfilmen, Animationsfilmen, Autorenfilmen und Hollywoodfilmen, jüngsten Serien. Immer hat sie sie kontextualisiert. Die Verschränkung zwischen dem, was man früher Inhalt und Form genannt hat, die zwischen den Künsten und die zwischen Kunst und Politik, findet sich in allem, was sie schreibt.

Ein Staubsauger der Ideen

Salopp würde man sagen, sie ist breit aufgestellt. Sie hat Soziologie, Philosophie, Germanistik und Erziehungswissenschaften in Frankfurt studiert, und der feste Boden, auf dem sie steht, ist die Frankfurter Schule, stark angereichert mit Psychoanalyse. Am nächsten ist ihr Krakauer, über den sie ein Buch schrieb. Für die, die in der Zeit von „anything goes“ und postmoderner Ironie aufgewachsen sind, ein fast altbackener Standpunkt. Film ist heute Teil der Medienwissenschaft, ein Produkt der globalisierten Entertainmentindustrie zwischen Kinderzimmer und Barbarei. Der Markt unterwirft sich auch die Kultur, die jetzt mit den Maßstäben des Sports gemessen wird. Die Berliner Philharmoniker veranstalten einen „Beethovenmarathon“.

Aber auch die kritische Theorie ist für Gertrud Koch kein Glaubensbekenntnis, sondern ein Arsenal von gedanklichen Mitteln auf dem Weg zu einer Erkenntnis. Adorno hat von der „Verfransung“ der Künste gesprochen. Das erlaubte und forderte Grenzüberschreitungen. In diesen erweiterten Räumen ist sie unterwegs. Man könnte sie eine Netzwerkerin im Reich der Theorie nennen. Einmal hat sie erzählt, wie sie und ihr Bruder neben ihrem Vater saßen und wie die kleinen Staubsauger das Essen in sich hineinschlangen. Auch im Reich der Ideen ist sie ein Staubsauger.

Nie vergisst sie, dass die Wahrnehmung einen Körper braucht. Sie fragt, wie das Bild in den Kopf des Zuschauers kommt und wie sich das körperliche Verhältnis zwischen Zuschauerin und Leinwand gestaltet. Sie interessiert sich für den Pornofilm und verurteilt ihn nicht als frauenfeindlich. Seine Verbreitung steht für sie im Zusammenhang mit Modernisierungsschüben und der damit verbundenen Veränderung von Wahrnehmungsapparat und innerpsychischen Instanzen. Pornofilme sind eine Art Volkshochschule kindlicher Sexualtheorien. Die quälende Szene in Bombshell (der Freitag 07/2020), in der die Aspirantin vor den Augen ihres Chefs den Rock immer höher und höher ziehen muss, sollte auch unter diesem Aspekt gesehen werden. Das Patriarchat ist vielleicht abgeschafft, aber die Patriarchen sind stärker denn je. Sie sind auch infantiler denn je. Nach Bombshell sollte man noch einmal Kochs Kritik zu Billy Wilders Das Appartment lesen, dann bekommt #Metoo eine historische Tiefendimension.

Filme sind ihr nicht Beweismaterial für eine im vorhinein erdachte Theorie. Sie sind der Gegenstand ihrer erfahrungsbezogenen Ästhetik, die in doppelter Auseinandersetzung erarbeitet wird: Einerseits die Ausgrenzung des Films aus den Künsten zu erhellen und andererseits die Wiederkehr filmischer Dispositive in den anderen Künsten als seine eigene Entgrenzung zu sehen. Bei ihr kann man lernen, dass die Beziehung zwischen Werk und Welt eine Spirale ist, auf der sich die Kunst sowohl in die Welt hinein- wie aus der Welt herausdreht, ohne sie je ganz verlassen zu können. Wer nur etwas von Film versteht, versteht nichts von Film.

Es gibt einen glühenden Kern in ihrem Werk, den Holocaust. Das Buch, in dem sie viele ihrer Überlegungen zu Film und Literatur zum Judentum versammelt, trägt als Motto den Satz: „To whom it may concern.“ Wir stehen mitten in vielen politischen und sozialen Brüchen. Die Digitalisierung führt zu anderen Formen der Wahrnehmung der Wirklichkeit und sie verändert die Wirklichkeit um uns herum gravierend. Inzwischen spürt wohl wieder jeder und jede, wie nah der Abgrund ist, wenn die Verbindung von Denken und Fühlen unterbrochen wird. Ein Geschmacksurteil, das man zwar klug und mit wohl dosierten Worten begründen kann, bleibt eine individuelle Lesart und steht auf tönernen Füßen, wenn es nicht mit einer Erkenntnis der Welt als Ganzer verbunden ist. Die Faszination des Bösen, der wir in den Medien 20 Jahre lang jeden Sonntagabend verfallen waren, muss wieder durch die Faszination des Denkens ersetzt werden, denn es hilft nur Denken, wo das Unheil sich breitgemacht hat. Die Ansprüche des Begriffs sind unbequem, aber die Arbeit nimmt uns niemand ab. Intelligenz ist eine moralische Kategorie. Ich habe mir die Freude gemacht, einiges von Gertrud Koch wiederzulesen. Da waren sie wieder, die unerhörten Anregungen. Was mir besonders aufgefallen ist: Sie ist eine tiefe, aber freundliche Denkerin. Sie formuliert Vorschläge, keine Behauptungen. Sie hält ihre Überlegungen offen für das, was Leser und Leserin selbst dazu zu sagen haben. Für sie ist das Denken eine demokratische Angelegenheit. Lesen Sie Gertrud Koch. Es ist das Beste, was Ihnen passieren kann.

Jutta Brückner, Pionierin des feministischen deutschen Films, war Direktorin der Sektion Film- und Medienkunst der Akademie der Künste in Berlin. Am 24. Februar erhielt Gertrud Koch den Ehrenpreis der deutschen Filmkritik auf der Berlinale

06:00 28.02.2020

Ausgabe 13/2020

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