„Demut ist mein Türöffner“

Erinnern Luigi Toscano war Dachdecker und Türsteher, zur Fotografie fand er durch Zufall. Seither hat er mehr als 400 Überlebende des Holocaust porträtiert
„Demut ist mein Türöffner“
Drei frühere Zwangsarbeiter ließen ihn abblitzen: Warum er Penner das mache?

Foto: Anne-Sophie Stolz für derFreitag

Zwei Augenpaare starren mich von der Brandmauer an, auffordernd, verschlossen. Sie gehören zu den Gesichtern einer Frau und eines Mannes – egal in welchem Winkel ich mich zu ihnen stelle, ihr Blick folgt mir, setzt sich fest. Luigi Toscano hat scharf vor einer Hausfassade gebremst, um mir das Doppelporträt zu zeigen, das der Graffiti-Künstler Akut nach Fotos seines Holocaust-Projekts Gegen das Vergessen in der Mannheimer Innenstadt gestaltet hat. „Ich habe immer in Angst gelebt“, steht auf den Stirnfalten des Mannes, die die Buchstaben wie Noten einer Partitur rahmen. Eine traumatische, ausweglose Melodie. Horst Sommerfeld sei der erste Auschwitzüberlebende gewesen, den er fotografiert habe, erklärt mir Toscano. Ihm gegenüber das Gesicht von Bella Shirin. Sie ist das Kind KZ-Überlebender aus Dachau und Stutthoff, ihre Mutter beging in den 1970er-Jahren Selbstmord, weil sie die traumatischen Erlebnisse nicht verarbeiten konnte. Über Shirins Gesicht steht: „Wir müssen uns an die Vergangenheit erinnern, aber dürfen nicht in dieser leben.“ So verschieden der Umgang mit den traumatischen Ereignissen ist: Niemals vergessen, das ist die Quinte ssenz von Toscanos Projekt.

Durch Porträts von Flüchtlingen, die Toscano an der Alten Feuerwache in Mannheim ausstellte, entstand der erste Kontakt zu Opfern des Holocaust. Ich verliere mich in den Linien der fassadenfüllenden Porträts. Im Kontrast dazu die schrillbunten Farbflächen in Neongelb, Blau, Orange, Pink. Der Versuch, das Vergangene in die Gegenwart zu holen? Er sei zunächst selbst irritiert gewesen, sagt Toscano. Zum ersten Mal habe er seine Fotos einem anderen Künstler zur Verfügung gestellt. Der habe seine Interpretation geliefert. Die offenbar ankomme. Plötzlich beschäftigten sich Jugendliche mit dem Holocaust, die selbst in der Schule einen Bogen darum machten.

Von der Unesco ausgezeichnet

Im unteren Mauerdrittel ist Toscanos Silhouette gesprayt – klein, schwarz mit emporgereckter Faust. Eine Fackel, aus der die Gesichter wie mahnende Flammen schlagen. „Ein Graffiti zu Lebzeiten ist doch cooler als ein Denkmal posthum“, sagt Toscano nicht ohne Stolz. Warum er sich in dieser Pose verewigen lasse, frage ich. „Pose? Nee, das bin ich. Eher Underdog als etablierter Künstler“, sagt er. Aktivist. Obwohl in Deutschland geboren, sei er als Kind italienischer Einwanderer hier nach wie vor nur „unbefristet geduldet“.

Ende Februar wurde er für sein Langzeit-Projekt Gegen das Vergessen, für das er bislang mehr als 400 Überlebende des Holocaust porträtierte, als „Artist for Peace“ der Unesco ausgezeichnet. Als erster „deutscher“ Künstler und Fotograf überhaupt, sagt er und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Im Auto auf dem Weg zur Werkstatt in Ludwigshafen erzählt er von einer schwierigen Kindheit. Der Vater stammt aus Sizilien, die Mutter aus Apulien, beide sind Alkoholiker. Er wächst über Jahre im Heim auf, beginnt selbst zu trinken, greift zu Heroin. „Klassische Drogenkarriere“, sagt Toscano. Er habe Glück gehabt. Irgendwann wacht er im Krankenhaus auf, eine Schwester hält ihm beim Rasieren einen Spiegel vors Gesicht. Die Angst vor dem Tod sei plötzlich so stark gewesen, dass er beschloss, sich helfen zu lassen. Ist das der Grund, warum er sich in seiner Arbeit aufs Porträt fokussiert? Der Blick durch die Linse, die Konzentration auf die Augen – ist die Geschichte des Gegenübers eine Suche nach sich selbst?

Toscano zuckt mit den Schultern. „Möglich“, sagt er. Gerade hat er 25 Jahre clean gefeiert. Die Deutung seiner Arbeit möchte er aber nicht an seiner Biografie festmachen. Zur Fotografie sei er zufällig gekommen. Zuerst habe er sich auf Städte, erst später auf die Menschen darin konzentriert. Sicher sei nur, dass er bei den vielen Jobs, mit denen er sich über Wasser hielt – vom Dachdecker, Zimmermann bis hin zum Türsteher – nie an eine künstlerische Karriere gedacht habe. Aus dem Autofenster deutet er auf ein Schild am Straßenrand, das Soho, ein bekannter Mannheimer Club. „Als ich für die arbeitete, wurde ich von einem Magazin zum freundlichsten Türsteher Deutschlands gekürt, „der einzige, der in Flipflops an der Tür stand“.

In Toscanos Werkstatt, einem Hafengebäude aus den 50er-Jahren, begegne ich Horst Sommerfeld und Bella Shirin wieder. Mit vielen anderen Fotos lehnen sie an der Wand. Es sind Exponate, die Toscano gerade in Paris vor dem Headquarter der Unesco gezeigt hat, mit 200 Fotos die bislang größte Ausstellung. Toscano zahlt hier keine Miete, lagert seine Bilder und zimmert die Rahmen – aus günstigem Holz, das er durch frühere Connections zum Dachdeckerverband bezieht. Die Fotos sind auf einen wetterbeständigen Fahnenstoff gedruckt. Wenn sie frisch aus einer polnischen Druckerei kommen, sei das jedes Mal ein emotionsgeladenes Wiedersehen, sagt Toscano. Die Geschichten der Überlebenden hat er aufgeschrieben, was sie veröffentlicht sehen wollen, steht zusammengefasst auf kleinen Metallschildern.

„Ich hatte kein Handbuch, um über den Holocaust zu sprechen“, sagt Toscano, „aber eine riesige Angst, ins Fettnäpfchen zu treten.“ Er erinnert sich, wie er am Telefon stammelte, als Horst Sommerfeld anrief und unvermittelt sagte, meine komplette Familie wurde in Auschwitz ermordet, kann ich bei Ihrem Projekt mitmachen? Und wie ungeduldig er Toscanos Stammeln unterbrach: Ja oder nein?

Oder wie er bei einem Shooting in der Ukraine zu einer Frau immer „babotschka“ (Schmetterling) sagte statt „babuschka“ (Großmütterchen). „Ich wunderte mich, warum sie jedes Mal rot wurde, wenn ich fragte, ob ich sie berühren darf, um ihren Kopf gerade zu rücken.“ Überhaupt die Scheu vor körperlichen Berührungen. Bei Menschen, die so Unvorstellbares erlebt hatten. Auf Toscanos Arm sind Blitze, Pfeile, Drachenschuppen tätowiert, dazu zwei Wörter: „Demut“ und „Jesus“. Die Demut, den Respekt vor der Biografie des Gegenübers, habe er sich auf dem Weg zum Cleanwerden erarbeitet, sagt er. Seitdem gehe es ihm besser, es sei wie ein Türöffner.

So auch bei drei ehemaligen Zwangsarbeitern, die von den Nazis als lebende Schutzschilde missbraucht wurden. Toscano hatte sie in Moskau getroffen, sie ließen ihn abblitzen, warum er Penner das überhaupt mache und was für sie dabei herausspringe. Manchmal müsse er auch von sich erzählen, wenn er nach seiner Motivation gefragt werde. In solchen Momenten helfe, dass er kein blondes deutsches Kind sei. „Die Begegnungen sind ein Wahrhaftigkeits-Scan“, sagt Toscano. „Holocaust-Überlebenden kannst du nichts vormachen. Sie checken sofort, wer du bist.“

Seine Sensibilität gegenüber den verschiedenen Opfergruppen sei mit der Zeit gewachsen. Und der naive Anfangsgedanke, Auschwitz verstehen zu lernen, habe der Gewissheit Platz gemacht: Wie soll das gehen, angesichts dieses Grauens?

Keine Pose, kein Spiel

Zuhören ist der Kern seines Projekts. „Die 10 bis 15 Fotos werden dabei fast nebensächlich.“ Toscano fotografiert alle vor einem schwarzen Hintergrund, im selben Ausschnitt und Licht, das jede Pore, jede Falte plastisch hervortreten lässt. Er will den direkten Ausdruck, keine Pose, kein Spiel. Toscano freut sich über künstlerische Diskussionen, manchmal findet er sie affig, etwa wenn die Frage kommt, welcher Richtung er zuzuordnen sei, bei wem er gelernt habe. „Wenn ich dann erzähle, dass ich einen Volkshochschulkurs belegt habe, gemeinsam mit ein paar Hausfrauen, fühlen die Experten sich verarscht.“

Aber Toscano hat auch an den Begegnungen zu schlucken, bekommt irgendwann keine Luft, erleidet Panikattacken, einen Hörsturz. „Ich bin da zu naiv hineingegangen.“ Inzwischen kann er sich besser schützen. Mit Hilfe seines Teams, einer Therapeutin kann er auf Abstand gehen, das Erlebte verarbeiten. „Tatsächlich hatte ich vergessen, mir selbst zu helfen. Wenn ich abends alleine im Hotel saß, schlugen furchtbare Szenen über mir zusammen. Bis dato kannte ich nur, was ich aus dem Geschichtsbuch gelernt oder in Schindlers Liste gesehen hatte. Aber wie es ist, tatsächlich jemandem zu begegnen, der auf dieser Liste stand – darauf war ich nicht vorbereitet.“ Auch nicht auf Begegnungen wie die mit Ralph, den er in Chicago traf. „Er begrüßte mich, als ob wir alte Freunde seien. Und während er es sich bequem machte, erzählte er unvermittelt, dass er das Krematorium in Auschwitz mauern musste, in dem seine ganze Familie verbrannt wurde.“

Wie erinnern wir uns – angemessen? Wie funktioniert Aufarbeitung – als Chronologie von Betroffenheitsmomenten? „Ist es nicht so, dass dich der Schrecken im banalsten Moment einholt – hat nicht jeder seine ganz eigene Strategie?“

Horst Sommerfeld, der erste Auschwitz-Überlebende, den Toscano fotografierte, fand durch Gegen das Vergessen seinen Kindheitsfreund Walter Frankenstein wieder. Zufällig hatte Toscano die beiden Porträts bei einer Ausstellung in Berlin 2018 nebeneinander gestellt. Zur Eröffnung erschien ein Artikel, den auch Walter las, der inzwischen in Stockholm lebte. Er erkannte den Freund aus Kindheitstagen in der Zeitung, wollte ihn sofort besuchen. Doch Horst Sommerfeld, der „immer in Angst gelebt hatte“, fühlte sich der emotionalen Herausforderung nicht gewachsen. „Sie haben sich nie mehr wiedergesehen“, sagt Toscano, aber öfter telefoniert. 2019 ist Horst Sommerfeld gestorben.

Gegen das Vergessen wird vom 16. Juni bis 7. Juli am Hospitalhofviertel in Stuttgart gezeigt Weitere Termine unter www.luigi-toscano.com

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06:00 29.05.2021

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