Den eisernen Vorhang gibt es noch

Enttäuschende Marktrealitäten Osteuropäische Filme kommen nur selten in die Kinos in Deutschland und Österreich, es sei denn, sie bestätigen die herrschenden Klischees

Filme aus Ost- und dem östlichen Mitteleuropa gehören im deutschen Kino seit jeher zu den Raritäten. Dabei sind mit Cottbus und Wiesbaden gleich zwei mittelgroße Festivals von internationalem Rang auf diese Region spezialisiert, hinzu kommen Veranstaltungen mit regionaler Bedeutung wie das Zittauer Neisse-Filmfestival oder Filmreihen mit stark filmwirtschaftlicher Ausrichtung wie die Russischen Filmtage Kinoblick in Stuttgart. Das politisch und cinéastisch interessierte Fachpublikum wird mit Erfolg bedient, größere Kassenerfolge bleiben jedoch aus - ein Phänomen, das auch im Nachbarland Österreich zu beobachten ist.

Nach einer Studie der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle, die den Marktanteil von Filmen aus Drittländern in der Europäischen Union zwischen 1996 und 2001 untersuchte, kommt Mittel- und Osteuropa auf einen Marktanteil von 0,054 Prozent Zwar fehlen in der Untersuchung, die sich im Hinblick auf die Osterweiterung der EU lediglich mit den damaligen Beitrittskandidaten beschäftige, Produktionsländer wie Russland, alle weiteren GUS-Staaten und der westliche Balkan. Die deprimierende Schlussfolgerung einer "außerordentlich enttäuschenden Marktrealität" ist jedoch bis heute symptomatisch: "Für Filme aus Drittländern - außer aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und Japan - ist der europäische Markt praktisch hermetisch abgeschlossen, und zwar stärker als umgekehrt der US-Markt für europäische Filme".

In den fünf untersuchten Jahren gelangten 42 Filme aus Mittel- und Osteuropa in den kommerziellen Filmverleih in wenigstens einem EU-Mitgliedsstaat. Von den erzielten 2,2 Millionen Kinobesuchern entfielen zwei Drittel - 1,4 Millionen - auf einen einzigen Titel, nämlich den anrührenden tschechischen Welthit Kolja (Jan Sverák, 1996), einem Film, der am ehesten den Hollywood-geprägten Sehgewohnheiten entspricht.

Mit der Erweiterung der Europäischen Union und der damit verbundenen höheren geografischen Kompatibilität europäischer Film- und Verleihförderungsprogramme dürfte sich diese Situation etwas verbessert haben. Allerdings reicht ein Blick in die aktuellen Startlisten, um festzustellen, dass es mit der Präsenz ost- und mitteleuropäischer Filme hierzulande nicht weit her ist. So verzeichnet das Kinoportal zelluloid.de von Mai bis August 2007 mit der polnischen Krimikomödie Vinci und dem serbischen Gucha bei insgesamt 120 angekündigten Erst- und Wiederaufführungen gerade zwei Filmstarts originär osteuropäischer Provenienz. Dabei attestierte die zitierte Studie dem deutschen Markt doch vergleichsweise gute Zugangsvoraussetzungen für Produktionen, die östlich von Oder und Neiße entstanden. Immerhin 41,7 Prozent der Zuschauer, die sich in der damaligen EU einen Film aus den östlichen Beitrittskandidatenländern anguckten, taten dies in Deutschland. In Zahlen waren es 936.566, vergleichsweise schwach stand dagegen Österreich mit 16.140 verkauften Karten da.

Das Interesse des Fachpublikums dürfte in beiden Ländern gleich hoch sein. Internationale Erfolge wie Russian Ark (Aleksandr Sokurov, 2002) oder der tschechische Jahreszeit des Glücks (Bohdan Sláma, 2005) entstanden mit deutscher Beteiligung, Grbavica - Esmas Geheimnis (Jasmila Zbanic, 2006) wurde majoritär von Österreich finanziert. Produzenten und Gremienvertreter aus Deutschland wie auch Österreich zeigen Präsenz auf wichtigen filmwirtschaftlichen Treffpunkten wie CentEast in Warschau oder CineLink in Sarajevo, ein deutsch-russisches Kooperationsabkommen dürfte bald die ersten Früchte tragen. Zielgruppenorientierte Filmreihen wie die inzwischen jährlich vom Bundesverband kommunale Filmarbeit aufgelegte tschechische Filmschau widmen sich Länderschwerpunkten, in Berlin präsentierte das Kino Krokodil in seinem Programm einige Jahre lang gar ausschließlich russische Filme. In Österreich schwappen dank der geografischen Nähe und der historischen Verbundenheit aktuelle serbische Blockbuster zumindest in Wiener Kinos.


Dennoch bleibt osteuropäisches Kino in beiden Ländern ein Spartenprogramm, obwohl doch im Bezug auf Österreich zu vermuten wäre, dass sich auf Grund der geografischen und historischen Nähe zum östlichen Mittel- und Südosteuropa ein stärkeres Interesse am dortigen Kino entwickelt hätte. Allerdings, so merkt Wolfgang Steininger, Betreiber der Linzer Arthauskinos Moviemento und City-Kino süffisant an, habe sich in Österreich "weniger die Kinoszene als die Bankenszene auf Osteuropa spezialisiert".

Christine Dollhofer, Leiterin des Crossing Europe-Filmfestivals, bestätigt, dass osteuropäische Filme "praktisch kaum" ihren Weg in die Kinos finden. Dabei sind die Chancen größer bei Filmen mit österreichischer Beteiligung, Grbavica - Esmas Geheimnis etwa, an deren Produktion die populäre Regisseurin Barbara Albert mitwirkte. Auch Titel, die in Deutschland gestartet werden, finden ihren Weg leichter ins Programm. So stehen demnächst die Parallelstarts der mehrfachen Festival-Publikumspreisgewinner Kontakt (Mazedonien) und Totally Personal (Bosnien und Herzegowina) auf dem Programm. Ansonsten sei die Risikobereitschaft der Filmverleiher auf Grund des gestiegenen Drucks auf den Markt heute geringer als noch vor einigen Jahren. Gerade bei Filmen aus Ländern, die nicht in die Media-Programme, die eine finanzielle Unterstützung auch der Verleiharbeit vorsehen, eingebunden sind, ist die "Auswertungsmotivation relativ gering".

Dabei unterscheiden gerade die sich durch ihren originellen Charakter oftmals von den multilateralen Koproduktionen, die "auf den westeuropäischen Markt hinproduziert" werden. Wie in Deutschland, so finden auch in Österreich gängige Klischees von der russischen Seele bis zu serbischer Blasmusik einen größeren Zuspruch als zurückgenommen inszenierte Arbeiten wie etwa Oleg Novkovic´s Tomorrow Morning (2006). An die serbische Gesellschaftsmetapher hat sich auch in Deutschland, trotz der Auszeichnung des mit 10.000 Euro dotierten Verleihförderungspreises auf dem letztjährigen Cottbuser Filmfestival, bislang noch kein Verleiher herangetraut.

Dollhofers Einschätzung wird von einem Blick in die Statistik bestätigt: Emir Kusturicas Ethno-Groteske Schwarze Katze, weißer Kater (1998), der in dem zitierten EU-Bericht als französische Produktion gelistet wird, machte Ende der neunziger Jahre in Westeuropa 2,2 Millionen Zuschauer - so viel wie alle Filme aus den untersuchten ost- und mitteleuropäischen Ländern zwischen 1996 und 2001 zusammen.


Osteuropäische Filme, die sich jenseits der kommerziell erfolgreichen Wahrnehmungsmuster bewegen, sind auch in Österreich fast nur noch auf Festivals zu sehen. "Wir Festivals haben ein Angebot übernommen, das früher die Arthauskinos wahrgenommen haben", beschreibt Dollhofer die Verschiebung auf dem Kinomarkt, von der freilich auch in anderen Weltregionen entstandene Titel betroffen sind, die jenseits des Mainstream produziert werden. Die anhaltende Marktschwäche des osteuropäischen Kinos ist also vor allem Folge eines strukturellen Problems der Kinolandschaft in Deutschland und Österreich. Dass sich mit großem Werbeaufwand osteuropäische Titel in beiden Ländern gut platzieren lassen, machte der Großverleiher Fox mit dem russischen Fantasy-Blockbuster Wächter der Nacht vor, der sich - neben dem tschechisch-britischen Brüder Grimm - mit 592.350 Zuschauern als einziger osteuropäischer Film in den von der Filmförderungsanstalt publizierten Top 100 des Jahres 2006 findet.

Aber auch im Arthaus-Bereich gelingt, entsprechend aufwändig beworben, ab und zu auch ein Achtungserfolg. So konnte der tschechische Jahreszeit des Glücks immerhin um die 46.000 Zuschauer verbuchen.

Schließlich, so der Innsbrucker Kinomacher Walter Groschup, sei es dem Publikum "wurst", woher ein Film komme. In seinem "Leokino" liefen letztes Jahr ganze vier Erstaufführungen aus Osteuropa., dazu einige Sonderveranstaltungen. Den Marktanteil osteuropäischer Filme in seinem Kino beziffert er auf 1,9 Prozent, darunter immerhin sperrige Arbeiten wie der mit 153 Minuten überlange rumänische Der Tod des Herrn Lazarescu. Die beeindruckende Alltagsstudie kam auf gerade einmal 39 Zuschauer - "ich erinnere mich, dass Schatten im Paradies von einem gewissen Kaurismäki damals bei seiner Erstauführung im Schnitt ganze sechs Besucher pro Vorstellung hatte. Das war mit Abstand der größte Reinfall auf viele Jahre gesehen, da ist Lazarescu nicht viel drunter mit seinen 5,5 Besuchern."


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00:00 22.06.2007

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