Den grossen Crash überleben

KOMMENTAR Das argentinische Syndrom

Es ist soweit: Argentinien ist zahlungsunfähig. Hochverschuldet, ohne Zugang zu frischen Krediten und mit völligem Stillstand der Wirtschaft müsste die Regierung eigentlich den Bankrott erklären. Das tut sie aber nicht. Kaum ein Abend vergeht, an dem Wirtschaftsminister Cavallo nicht mit wirrem Blick die kurz bevorstehende Sanierung des Landes beschwört, während in der internationalen Finanzwelt schon die Pläne für den "Tag danach" geschmiedet werden. Doch die argentinisch Politik weigert sich schlicht, die Zahlungsunfähigkeit zuzugeben. Für Psychologen ein interessanter Fall kollektiver Finanz-Negation oder ernsthafter Wahrnehmungslücken - es ließe sich bestimmt ein neuer Ausdruck für das argentinische Syndrom finden.

Die Realität sieht bitter aus: Standard Poor´s hat Argentinien bereits als "teilweise zahlungsunfähig" klassifiziert, die Börse von Buenos Aires seit Januar fast 45 Prozent verloren. Die drittgrößte Ökonomie Lateinamerikas steht vor dem Aus. Bald wird es auch Wirtschaftsminister Cavallo zugeben müssen. Peinlich für ihn, aber noch peinlicher für den IWF, dessen Ratschläge Argentinien immer bis aufs I-Tüpfelchen befolgt hat. Im vergangenen Jahr hat der Währungsfonds dem Land noch einmal rund 48 Milliarden US-Dollar an Krediten zugeführt, ein erfolgloser Rettungsversuch. Es kursiert das Gerücht, der IWF könnte jetzt zum allerletzten Mal Gelder bewilligen - 1,3 Milliarden US-Dollar, die schon seit längerem versprochen waren. Doch der Staatsbankrott wird damit nur herausgeschoben, eine Sanierung der Finanzen ist nicht mehr möglich.

Ein klares Indiz die zu Wochenbeginn de- kretierte Limitierung für Bargeld-Abhebungen auf 1.000 Dollar pro Monat und Bankkunden. Wer viel Geld hat, schafft es nun erst recht außer Landes; wer keines hat, ist jetzt wirklich in einer Zwangslage, ohne Aussicht auf Arbeit und bei ständigen Kürzungen im ohnehin gebeutelten Sozialetat. Präsident de la Rúa brillierte dieser Tage mit der zynischen Theorie, dass die Argentinier nur deshalb nicht konsumierten, weil sie geizig, nicht etwa, weil sie arm seien. Ein typisches Beispiel für den Nationalsport, die wirklichen Ursachen des Desasters zu leugnen. Eigenartigerweise hat der Trick bisher funktioniert. Irgendwie wurden die Schulden immer wieder neu strukturiert, und der fällige Default stets von Neuem vertagt. Natürlich wollen die internationalen Finanzinstitutionen den Zusammenbruch Argentiniens verhindern, um einen Domino-Effekt in der Region zu vermeiden. Doch die Investoren haben längst kein Vertrauen - und die Peronisten keine Vergangenheit mehr. Ausgerechnet sie fordern eine drastische Wende in der Wirtschaftspolitik und verdrängen, dass der neoliberale Kurs, der das Land in den Ruin stürzte, zuerst unter einem peronistischen Präsidenten namens Carlos Menem eingeschlagen wurde.

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00:00 07.12.2001

Ausgabe 41/2021

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