Michael Krätke
Ausgabe 1317 | 12.04.2017 | 06:00

Den Kapitalismus zu retten

Die Buchmacher John Maynard Keynes war kein Sozialist. Das nehmen ihm viele Linke bis heute übel. Doch die Lektüre seiner Allgemeinen Theorie lohnt in jedem Fall

Als das Buch 1936 erschien, war sein Autor längst als Rebell und als Enfant terrible berühmt. John Maynard Keynes hatte seit Beginn der großen Krise im Herbst 1929 die überall betriebene Politik des Sparens kritisiert – in aller Öffentlichkeit, im Radio, vor Millionenpublikum. Der Mann war finanziell unabhängig, gehörte als Cambridge-Professor zur Elite, konnte es sich leisten, die bestgeglaubten Unwahrheiten seiner eigenen Zunft, der Ökonomen, in Zweifel zu ziehen.

In der Allgemeinen Theorie geht es nicht um Wirtschaftspolitik in Krisenzeiten. Die Begründung einer Alternative zur Austeritätspolitik würde ein ganz anderes Buch verlangen, betont Keynes. Nur am Schluss kommt er andeutungsweise auf die Sozialphilosophie zu sprechen, die aus der allgemeinen Theorie folgen würde. Keynes will die stillschweigenden, meist unbegründeten Annahmen der neoklassischen Ökonomie angreifen. Sein Beweisziel: Die ökonomische Theorie, wie sie in der englischsprachigen Welt gelehrt wurde, ist keine allgemeine Theorie, wie ihre Protagonisten behaupten, sondern eine sehr spezielle, die nur auf Ausnahme- und Extremfälle zutrifft. Eine allgemeine Theorie muss anders begründet werden und dafür zu den Anfangsgründen und Elementarbegriffen zurückgehen. Das tut Keynes und kommt zu erfrischenden Ergebnissen, die klar dem widersprechen, was die Mehrheit der Ökonomen bis heute glaubt. Etwa, dass es keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit gebe, sondern nur zu hohe Löhne, weshalb Arbeitslosigkeit am besten durch „Flexibilisierung“ zu bekämpfen sei. Denn dann würden die Leutchen auch zu Hungerlöhnen arbeiten. Keynes zeigt, dass dies Humbug ist. Er – wie Marx, den er schlecht kannte – kritisiert diesen Glaubenssatz, mit dem Weltwirtschaftskrisen zu einem Ding der Unmöglichkeit erklärt werden, in Grund und Boden und will stattdessen begründen, warum und wie Krisen im Kapitalismus unweigerlich entstehen.

Keynes war kein Sozialist. Er trat an, den Kapitalismus zu retten. Das nehmen ihm Marxisten und sonstige Linke bis heute übel. Marx selbst hätte das wohl anders gesehen. Zwar könne keine Regierung den Krisenzyklus unter Kontrolle bekommen, durch törichte Maßnahmen aber eine Krise vertiefen und die Erholung verzögern, so Marx.

Keynes’ Allgemeiner Theorie wurden rasch die Giftzähne gezogen. Die ersten Popularisierer wie Joan Robinson haben sie noch richtig gelesen, als den Anfang einer systematisch gemeinten, aber nicht zu Ende geführten Kritik. Bald aber folgte die Eingemeindung der Ketzereien; John Hicks und Paul Samuelson kreierten den Lehrbuch-Keynesianismus. Aus der Fundamentalkritik wurde ein konjunkturpolitischer Werkzeugkasten. Dieser Keynesianismus, den Keynes kaum gebilligt hätte, hat heute nicht mehr viele Anhänger. Die ernsthaften Debatten werden von heterodoxen Ökonomen geführt, die sich gern als Post-Keynesianer bezeichnen.

Die Rückkehr zum Original-Keynes der 1930er Jahre schließt das nicht aus. Nicola Lieberts jetzt vorliegende, gelungene Neuübersetzung hat ihn für deutschsprachige Leser viel leichter zugänglich gemacht. Dennoch: Es handelt sich nicht um ein politisches Sachbuch, sondern um einen anspruchsvollen Text voller unfertiger Gedankenreihen, ein Text, in dem ein hochintelligenter Mann mit den Grundlagen der Ökonomie, wie er sie gelernt und gelehrt hatte, einen heftigen Kampf führt. Nicht als Philosoph, sondern als Ökonom, der eine bessere ökonomische Theorie entwickeln will, um den real existierenden Kapitalismus zu begreifen.

Info

Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes John Maynard Keynes Nicola Liebert (Übers.), Duncker & Humblot 2017, 341 S., 39,90 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 13/17.