Den Kollaps aufhalten

Afghanistan Die USA setzen mit dem Truppennachschub auf ein Patt gegenüber den Taliban
Den Kollaps aufhalten
Donald Trump hätte von seinen Generälen gern eine Erfolgsgarantie, doch die sind vorsichtig
Foto: Mark Wilson/Getty Images

Kein Staat weltweit ist so stark von Hilfsgeldern abhängig wie Afghanistan. Offiziell stammen 62 Prozent des Staatshaushalts aus externen Zuwendungen. Realistischere Schätzungen, die im Budget nicht ausgewiesene Militärausgaben berücksichtigen, kommen auf eine Größenordnung von bis zu 95 Prozent Alimentierung. Bei den Palästinensern, der Nummer zwei auf der Abhängigkeitsskala, ist dieser Wert etwa halb so hoch.

Deshalb schrillten nicht nur bei der Regierung in Kabul die Alarmglocken, als sich Donald Trump im US-Wahlkampf abfällig über das Land äußerte. „Unsere Soldaten werden von den Afghanen getötet, und wir verschwenden dort Milliarden“, ließ er wissen. „Wir bauen Straßen für Leute, die uns hassen.“ Das hörte sich nach Disengagement an. Wäre Trump dabei geblieben, könnte Präsident Aschraf Ghani seine 350.000 regulären Soldaten sowie Zehntausende von irregulären Kämpfern nicht mehr bezahlen. Wozu das führen kann, dafür gibt es einen Präzedenzfall. Vor einem Vierteljahrhundert hatte der linksgerichtete, von der Sowjetunion gestützte Präsident Nadschibullah zwar drei Jahre lang den Abzug der 100.000 sowjetischen Soldaten überstanden. Aber als der russische Präsident Boris Jelzin 1992 der Meinung war, bis dahin nach Kabul fließende Finanzhilfe könne zu Hause besser verwendet werden, war Schluss.

Unbezahlt, schlugen sich wichtige militärische Stützen Nadschibullahs auf die Seite seiner Mudschaheddin-Gegner, die weiter US- und andere Hilfe erhielten. Das Regime erodierte. Nadschibullah versuchte, nach Indien zu fliehen, wurde aber aufgehalten; nach vierjährigem Asyl in einem Kabuler UN-Büro fiel er dort 1996 den Taliban in die Hände, die ihn ermordeten und seinen Leichnam an einer Straßenkreuzung aufhängten. Einiges an diesem Szenario ähnelt der heutigen Situation, mit einer schwer abhängigen Regierung auf der einen und den Taliban auf der anderen Seite, die sich auf ihre Finanziers am Golf und in Pakistan verlassen können. Unter den Überläufern, die Nadschibullah zum Verhängnis wurden, sind Akteure, die noch immer in Schlüsselpositionen sitzen. Der Prominenteste dieses Kalibers ist der afghano-usbekische Warlord Abdul Raschid Dostum, seit 2014 Erster Vizepräsident. Es waren seine Kämpfer, die Nadschibullah nicht aus Kabul heraus ließen. Inzwischen hat er sich mit Ghani überworfen und sitzt in einem türkischen Quasi-Exil.

Anleihen bei Bush und Obama

Als Donald Trump am 21. August nach langem Zögern seine Afghanistan-Strategie vorstellte, meinte er, Konsequenzen eines „schnellen Abzugs“ seien „sowohl vorhersehbar als auch inakzeptabel“. Unausgesprochen stand das Wort „Kollaps“ im Raum, weshalb nun bis zu 4.000 US-Soldaten zusätzlich geschickt werden. Priorität genießt wie bei George W. Bush erneut die Terror-Bekämpfung. Von Barack Obama übernimmt Trump den intensiven Luft- und Drohnenkrieg. Nation-building – also institutionellen Aufbau und Demokratisierung – will er nicht mehr betreiben. In seinen späten Präsidentenjahren hatte Bush Milliarden in die afghanische Armee und Entwicklungsprogramme gepumpt, was aber weniger auf verbesserte Lebensverhältnisse in einem der ärmsten Länder der Welt zielte. Vielmehr sollte dies den Taliban Beistand entziehen.

Die Ergebnisse fielen wenig überzeugend aus. Die afghanischen Streitkräfte, die seit dem ISAF-Abzug Ende 2014 eigentlich allein gegen die Taliban kämpfen sollten, sind unzuverlässig und nicht wie erhofft professionell. Auch die Armut blieb so erschreckend, wie sie war. Fast 70 Prozent der Bevölkerung leben inzwischen unter oder gerade über der Armutsschwelle.

Ein militärischer Zusammenbruch der Ghani-Regierung ist derzeit trotzdem eher unwahrscheinlich. Die Taliban bedrohen zwar mehrere Distriktzentren. 2015 eroberten sie gar zeitweilig die Stadt Kundus, bis 2013 Hauptstationierungsort der Bundeswehr. Unter deren Augen hatten die Taliban in der Region diverse Aufmarschbasen errichtet, so dass für 2017 das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, wenn die Aufständischen selbst nach US-Angaben ihre territoriale Kontrolle landesweit um 25 Prozent ausgeweitet haben. Die Zahl der Afghanen unter Taliban-Herrschaft stieg seit 2015 von 5 auf über 8,4 Millionen Menschen, ein Viertel der gesamten Bevölkerung. Das heißt, die Regierung hat weder Einfluss noch Initiative zurückgewonnen. Mit der Entsendung von mehr US-Soldaten wird sich daran nichts ändern. Trump setzt im Grunde auf ein Patt, um einen weiteren Vormarsch der Taliban zu verhindern und sie zu Verhandlungen zu bewegen.

Nur wie lange wird der wetterwendische Hotelier im Weißen Haus daran festhalten? Was geschieht, wenn seine Generäle erwünschte Erfolge schuldig bleiben oder es zu größeren Rückschlägen kommt? Trump hat wiederholt erklärt, die US-Kommandeure vor Ort würden die Lage besser kennen und müssten die Entscheidungen treffen. Die Taliban und ihre pakistanischen Ratgeber wissen das und arbeiten daran, für heftige Rückschläge zu sorgen. Sie hoffen darauf, dass sich die Erosion von 1992 wiederholt, die Nadschibullah das Amt kostete und 1996 die Taliban an die Macht brachte. Seinerzeit löste der Fall ganzer Provinzen eine Kettenreaktion mit Massendesertionen aus. Einige Warlords hatten sich umgehend neu sortiert.

Thomas Ruttig ist Gründer und Ko-Direktor des Thinktanks Afghanistan Analysts Network

06:00 10.09.2017

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