Den Kopf schön unten halten

Alltag Bedenkenswertes über die Couch als Möbel und Metapher

Als ich neulich mit meinem alten Freund Lewin über die Psychoanalyse und Freuds 150. Geburtstag sprach, sagte er, dass ihn all die Couchfotografien, denen man zur Zeit ja kaum entkommen könne, geradezu erschlügen. Jeden Tag müsse er sich in den Zeitungen diese Bilder anschauen, und das sei ganz einfach unerträglich. Er mache ja, wie ich wisse, selbst eine Analyse, und wenn er irgendwo auf einer dieser Abbildungen "seine" Couch entdecken würde, dann wäre das für ihn das Allerschrecklichste. Ein Schlag ins Gesicht, so sagte er wörtlich. Denn er spreche dort in einer Weise über sich selbst, die mit dem Wort "intim" nicht einmal in Ansätzen angemessen ausgedrückt werden könne, und auch die Begriffe "privat" oder "persönlich" seien in diesem Zusammenhang vollkommen verfehlt. Auf der Couch, sagte er, vollziehe sich ein Sprechen, das mit unserem alltäglichen Dahergerede überhaupt nichts zu tun habe. Aber darüber sei ja in den Artikeln rein gar nichts zu erfahren, weil man den Platz offensichtlich für die Fotos brauche.

Wenn Lewin so spricht, dann erinnert er mich ein bisschen an den österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard - der konnte auch schimpfen, als wenn es kein Morgen gäbe. Und wenn man sich die Feuilletons der letzten Wochen einmal ansieht, dann muss man tatsächlich sagen, dass die Berliner Gehwege, die ja seit dem ersten, zaghaften Sonnenstrahl mit Liegemöbeln nur so gepflastert werden, demgegenüber geradezu harmlos sind. So viele Exemplare in allen möglichen Formen und Farben werden in den Zeitungen gezeigt, dass man meinen könnte, nicht Freud, sondern Le Corbusier hätte Geburtstag. Umrahmt werden diese Bilder mitunter von Texten, die mit dem, was Freud einst unter Psychoanalyse verstand, so viel zu tun haben wie Thomas Bernhard mit Rosamunde Pilcher. Wer zum Beispiel einen Tag vor Freuds Geburtstag, also am 5. Mai, die Süddeutsche Zeitung gelesen hat, durfte erfahren, was "fünf Psychoanalytiker über ihre persönlichen Beziehungen zu dem Sofa in ihrem Behandlungszimmer" zu sagen haben. So erzählen sie unter anderem, dass das Kino für sie gar nicht mehr so reizvoll sei, da sich "die besten und kreativsten Dinge hier auf der Couch" ereigneten. Oder dass sie zuweilen aus ihrer Couch eine kleine Hütte basteln, damit die Patienten "sich verstecken und rausgucken" können. Die Psychoanalyse: Kinoersatz und Kinderspielplatz.

Erschreckenderweise bestätigte sich dieser Eindruck noch einmal, als ich ein paar Tage später ins Jüdische Museum ging, um mir die Sonderausstellung zu Freud anzuschauen. So wird der erste Raum der Ausstellung von einer überdimensionalen Geburtstagstorte dominiert, auf der kleine, niedliche Freud-Püppchen dessen Lebensweg nachstellen sollen. Ist die Torte einmal umrundet, kommen weiter hinten von unzählige, rosafarbene Informationstafeln, die auf spielerische Weise Freudsche Begriffe erklären. Man kann auf Knöpfe drücken, kleine Türchen verschieben, ein Pferd wiehern hören und vieles mehr. In einem leicht abgedunkelten Raum kann man an der linken Wand eine meterlange, illuminierte Fotoreihe von Berliner Psychoanalyse-Couches studieren, während man rechts die Möglichkeit hat, auf einem angedeuteten Diwan liegend Filmausschnitte anzuschauen, in denen Analysesituationen den Handlungsrahmen stellen.

Der Informationswert all dieser Annäherungen sei, so hatte mein Freund Lewin an jenem Nachmittag gesagt, gleich Null. Natürlich habe die Psychoanalyse etwas mit Kino zu tun, und dass Hitchcock ohne Freud keinen einzigen Film gedreht hätte, wolle er gar nicht bestreiten. Aber es sei durchaus bezeichnend und insofern wiederum höchst aussagekräftig, dass die Psychoanalyse - in Form der Couch - zum Gegenstand unverhohlenster Schaulust stilisiert werde, obwohl man eine solche Lust doch eigentlich immer umgekehrt ihr unterstelle. Wenn man sich aber genauer anschaue, wie Freud die psychoanalytische Situation in seinen behandlungstechnischen Schriften beschreibe, dann werde schnell deutlich, dass eine solche Unterstellung im Grunde reinste Projektion sei. Der Analysand, erklärte Lewin, liege nicht auf der Couch, damit der Analytiker aus einer erhabenen Beobachterposition heraus dessen Perversionen unter die Lupe nehmen kann, sondern damit sich das hierarchische Verhältnis von Geist und Körper zugunsten eines freien Assoziierens auflöse. Während wir unsere Handlungen und Äußerungen normalerweise pausenlos kontrollieren, gehe es in der Analyse darum, dem Kopf seine übergeordnete Position abzusprechen und auf diese Weise die Zensur, die Kontrolle auszuschalten. Muskeln, die gerade eben noch angestrengt gearbeitet haben, entspannen sich; Gedanken, die vor einigen Minuten noch auf etwas Bestimmtes gerichtet waren, beginnen zu kreisen und sich ihren ganz eigenen Weg zu bahnen. Diese Gedankengänge, die man gemeinhin als sinnlos und unzusammenhängend abzutun geneigt ist, seien Freud zufolge gerade der Schlüssel zum Unbewussten - und deshalb besage die wichtigste psychoanalytische Grundregel, dass, sagte Lewin, während er mit Zeige- und Mittelfinger Anführungszeichen in die Luft malte, "man ohne Kritik alles mitteilen solle, was einem in den Sinn kommt". Der Analytiker habe währenddessen hinter dem Kopfende des Liegemöbels zu sitzen und den Äußerungen mit einer sogenannten gleichschwebenden Aufmerksamkeit zu begegnen, Zitat: "Man höre zu und kümmere sich nicht darum, ob man sich etwas merke." Mit einer herkömmlichen Geständnispraxis habe die Psychoanalyse daher weit weniger zu tun, als ihr ständig vorgeworfen werde. Weder könne der Analytiker den Gesichtsausdruck seines Analysanden studieren, noch komme es ihm darauf an, jedes ausgesprochene Detail genauestens zu notieren. Vielmehr gehe es darum, durch eine gleichschwebende Aufmerksamkeit das passende Gegenstück zur psychoanalytischen Grundregel zu liefern: Der Analytiker begegne den freien, unkontrollierten Assoziationen nicht mit einer selektiven und also diagnostizierenden Aufmerksamkeit, sondern lasse anstatt einer klaren und eindeutigen Botschaft gerade das Unerhörte zu seinem Recht kommen.

Aber was hat all das mit der viel beschworenen Couch zu tun? Warum wird, wenn eigentlich etwas über die Psychoanalyse gesagt werden soll, ständig über die Couch gesprochen? Auf einen ersten Blick ist das vielleicht nicht überraschend, denn immerhin hat sich die psychoanalytische Bewegung im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung hauptsächlich nach Amerika verlagert, und dass von dort bestimmte Redewendungen herüberschwappen, ist kein Wunder. Darüber hinaus meint das dort gebräuchliche Verb to couch so viel wie: "Gedanken in einer bestimmten Art und Weise ausdrücken", eine Bedeutung, die in Bezug auf Freuds Methode durchaus zu passen scheint.

Schön und gut. Aber woher kommt dann der ironische Unterton, der in der Verbindung von Couch und Psychoanalyse unüberhörbar mitschwingt? Freud, das war derjenige, so sagt man, bei dem man sich auf die Couch legte. Das klingt so, als wären Lou Salomé, Marie Bonaparte und Bertha Pappenheim in die Berggasse 19 gegangen, um dort ein kleines Nickerchen zu halten. Denn was meinen wir das nicht, wenn wir landläufig von einer Couch sprechen? Die Couch, entlehnt aus dem Französischen couche, (Bett) und dem lateinischen collocare (stellen, setzen, niederlegen) ist ein Möbelstück, das in erster Linie Gemütlichkeit verspricht. Sie ist gut gepolstert, hat angenehme Rücken- und Seitenlehnen sowie eine komfortable Sitztiefe - ideal also, um alle Viere von sich zu strecken. Vor diesem Hintergrund ist es durchaus bemerkenswert, dass Freud selbst überhaupt nicht von der "Couch", sondern zumeist von einem "Diwan" spricht - ein Begriff, der zur Jahrhundertwende ganz einfach geläufiger war. Darüber hinaus aber ist der Diwan aus begriffsgeschichtlicher Perspektive - anders als die Couch - sehr eng mit einem sprechenden und gleichzeitig arbeitsamen Tätigsein verknüpft. So bezeichnet das türkisch-persische Wort diwan eine Regierungsversammlung, die in einem "mit großen Kissen und Polstern eingefassten Sitzungsraum" tagt.

Zu Freuds Zeiten wurde das orientalische Ruhebett noch mit einer ganz anderen Art von Aktivität assoziiert: Liegen, das bedeutete Verführung, Ausschweifung, Kontrollverlust, und der Diwan ist nun mal ein Möbelstück aus dem Morgenland, ein Polsterbett aus Tausendundeiner Nacht, auf dem sich Frauen lüstern ausbreiten, um die Männer ins Verderben zu stürzen. Diese Assoziation, die Abwehr und Faszination gleichermaßen hervorrief, hat insbesondere die Psychoanalyse zu spüren bekommen, und selbst heute verbindet man sie noch auf übertriebene Weise mit erotischer Spannung.

Tatsächlich habe es, so behauptete Lewin gegen Ende unseres Gesprächs, in den letzten Wochen kaum ein Titelblatt gegeben, auf dem Freud nicht mit einer liegenden nackten Frau zu sehen gewesen wäre. Aber mit Begehren oder Lust habe die Psychoanalyse durch das Gerede von der Couch doch überhaupt nichts mehr zu tun. Eher mit einem überholten Softporno, den man sich zwar ansehe, aber nicht wirklich ernst nehme. Oder mit einem behäbigen Couch-Potato, der stur sitzen bleibe und schaue, wo es nichts zu schauen gebe. Aber durch diesen Schmerz, fügte Lewin nach einer Pause hinzu, müsse man nun einmal hindurch. Und das sei, wenn ich ihn frage, absolut keine Übertreibung.


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00:00 19.05.2006

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