Den Kopf verloren

Digitale Demenz Früher hatten wir Fahrpläne oder Telefonnummern und Geburtstage von Freunden im Kopf. Dann kamen die kleinen digitalen Helfer – seither sind die Daten wie ausgelöscht

Früher war ich bei Geburtstagen immer der Erste, der gratulierte. Meine Freunde konnten sich darauf verlassen: Punkt Mitternacht ruft er an! Doch seit einiger Zeit warten sie darauf meist vergeblich.

Seitdem ich einen digitalen Kalender benutze, der mich automatisch an die Geburtstage erinnern soll, sind die Daten in meinem Kopf wie ausgelöscht. Aber darauf, dass ich an sie erinnert werde, kann ich mich eben auch nicht verlassen. Denn das setzt voraus, dass ich die Daten gewissenhaft eintrage – so wie früher in meinen Kalender. Doch mit dem Smartphone werde ich nachlässiger und vergesse oft, die Geburtstage einzutragen. Weil ich früher gezwungen war, in meinem Notizbuch nachzuschauen, war ich auch disziplinierter bei der Pflege der Daten. Wenn ich mich heute bei meinen Freunden melde, um nachträglich zu gratulieren, sehe ich das breite Grinsen am anderen Ende der Leitung gleich vor meinem inneren Auge. Meine Freunde wissen mittlerweile, dass ich mich nur noch auf mein Smartphone verlasse.

Dann kam der Taschenrechner

Das geht mir auch mit Telefonnummern so. Früher hatte ich die wichtigsten im Kopf – heute versuche ich gar nicht erst, sie zu behalten. Oder ich merke sie mir, kann sie aber den Leuten nicht mehr zuordnen. Was ist nur los?

Ich will es genauer wissen und fange an, zu recherchieren, natürlich im Internet. Beim Googeln fällt mir schnell der Begriff „digitale Demenz“ auf, die schöne Umschreibung eines hässlichen Phänomens: Der Mensch verliere durch Technik die Fähigkeit, sich etwas zu merken oder sich zu orientieren. Schlimmer: Ohne moderne Hilfsmittel seien wir zunehmend orientierungslos, behaupten Forscher, deren Bericht ich – in digitaler Form – lese.

In den hochtechnisierten asiatischen Ländern wollen sie festgestellt haben, dass gerade jüngere Menschen zwischen 20 und 30 Jahren immer vergesslicher werden: Der Grund sei nicht nur die wachsende Informationsflut, sondern auch die Auslagerung von Gedächtnisleistungen in technische Geräte. Was schon in der Wirtschaft nicht immer gut funktioniert, kann beim Menschen auch nicht gut gehen: Outsourcing.

Kopfrechnen war mal eine Stärke von mir. Das Einmaleins konnte ich in der Grundschule als einer der Ersten in der Klasse aufsagen, darauf war ich sehr stolz. Dann kam der Taschenrechner. Meine Eltern schenkten ihn mir zum Geburtstag, er war für damalige Verhältnisse supermodern, mit Solarzellen. Ich interessierte mich damals aber nicht für regenerative Energien, ich wollte spielen – und mein Spielzeug wurde mein ständiger Begleiter. Das nervte meinen Mathelehrer so sehr, dass er mich vom Fenster in die dunkelste Ecke des Klassenraumes verbannte – statt Tippen sollte ich Kopfrechnen.

Mittlerweile ist es wieder umgekehrt: Tippen statt Kopfrechnen, denn mein Rechner steckt heute – natürlich – im Smartphone. Ich benutze es, wenn ich vor dem Weinregal im Supermarkt stehe, aber weil es mir ein bisschen peinlich ist, tue ich beim Tippen so, als wolle ich jemanden anrufen. Dreimal 5,49 Euro – es soll Leute geben, die das noch locker im Kopf ausrechnen können. Mir fällt das mittlerweile schwer.

Früher zählte ich an der Kasse das Wechselgeld auch nach, heute stecke ich es gleich in die Tasche, um mir beim Nachrechnen bloß keine Blöße zu geben. Zu Hause packe ich meine Einkäufe dann in den Kühlschrank, während im Hintergrund der Rechner hochfährt. Ich will ja wissen, wie ich abends zu der Party komme, zu der ich eingeladen bin.

In der Grundschulzeit kannte ich alle Berliner S- und U-Bahnhöfe. Nicht nur namentlich, ich kannte auch deren Reihenfolge. Wir machten uns als Kinder einen Wettbewerb daraus, Bahnhofsquiz statt Stadt-Land-Fluss. Dass ich ohne Nachschlagen von A nach B kam, war für mich Ehrensache. Heute gehe ich reflexartig auf die Webseite der Verkehrsbetriebe.

Schach gegen mich selbst

Oder nehmen wir meine App, die mir unterwegs zeigt, wie ich weiterkomme. Dieses Programm kennt immer die richtige Verbindung. Allerdings dauern Tippen und Berechnen mitunter recht lange. Dann fährt die Bahn, die ich nehmen muss, schon mal vor meiner Nase weg. Fällt ein Bus oder ein Zug aus, gerät mein Plan völlig durcheinander, und ich stehe mit meinem Handy hilflos an der Haltestelle. Beim nächsten Mal nehme ich lieber das Auto. Ich kenne ja meine Stadt – dachte ich. Männern sagte man ja nach, sie hätten einen besseren Orientierungssinn. Wenn das jemals gestimmt haben sollte, dann wohl nur in der Zeit vor einem gewissen „TomTom“.

Ich googel wieder: Verkehrssoziologen behaupten, viele Autofahrer würden sich nur noch auf das kleine, schwarze Kästchen verlassen. Geschichten über Menschen, die wegen ihres Navis mit dem Auto im Fluss landen, gehören mittlerweile zum Standardrepertoire jedes technikkritischen Partygesprächs. Obwohl „Petra“ mir mit entschiedenen Ansagen den Weg weist, ist mir so was noch nie passiert.

Ich folge „Petra“, selbst wenn ich von einer bekannten Strecke abweiche und eine halbe Stunde länger brauche. Bin ich wegen all der Geräte, die mein Leben regeln, nun ein geistiges Wrack? In letzter Zeit versuche ich, zumindest ein wenig gegenzusteuern. Aus dem Keller habe ich mein altes Schachbrett geholt und spiele manchmal gegen mich selbst. Ich überlege mir die nächsten Züge und stelle mir Strategien meines Gegners vor. Springer auf F6! Angriff ist die beste Verteidigung. Meinen Computer mit dem Schachprogramm lasse ich da lieber aus.

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09:05 03.05.2011

Ausgabe 39/2020

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