Den Orwell-River überqueren

DIE KUNST DER LITERARISCHEN REPORTAGE Wie der Schweizer Reporter und Journalist Jean Villain die DDR lebte und überlebte

Der 1928 in Zürich geborene Jean Villain lebte als Korrespondent des Schweizer "Vorwärts", als Reporter und freier Schriftsteller seit 1961 in der DDR. Hier versuchte er, eine Reportagetradition zu begründen, die nicht von Ideologemen, sondern von der komplexen Wirklichkeit ausgeht, auch, wenn sie unangenehme Wahrheiten offenbart. In der Nachfolge Egon Erwin Kischs (aber auch historischer Vorbilder wie Louis-Sébastien Mercier, den er neu übersetzte) entwickelte er eine Theorie und Praxis der literarischen Reportage, die in spannender Form erzählt, auf welche oft abenteuerliche Weise die Menschen des 20. Jahrhunderts in den verschiedenen Regionen der Welt die Bedingungen ihres Lebens - oft nur Überlebens - herstellten. Die DDR erlaubte ihm die konsequente Anwendung dieser Methode freilich nur auf Gegenstände und Regionen außerhalb ihres Territoriums. Im Rostocker MV-Taschenbuch-Verlag erschien jetzt eine Sammlung von zwischen 1954 und 1992 entstandenen Reportagen, die die Alltagsnöte von Marseiller Fischern, die Scheidungsqualen einer Ägypterin, das Sklavenleben in den südafrikanischen Minen, aber auch die Philosophie einer westdeutschen Werbeagentur sowie das Funktionieren der Frankfurter Börse im Jahre 1965 als "absurdes Theater" schildern.

FREITAG: "Junger Mann aus gutem Hause" ist der Titel eines autobiographischen Romans. Was trieb Sie aus der Schweiz in die sozialistische Welt?
JEAN VILLAIN: Bevor mich irgendetwas in die sozialistische Welt trieb, zog es mich Ende 1948 in das eben erst entstandene Israel und dort in einen Kibbuz der linkssozialistischen Jugendorganisation Haschomer Hazair. In der Kibbuz-Tischlerei, wo ich arbeitete und in endlosen Feierabend-Diskussionen verpassten mir die zum Teil aus Deutschland stammenden Chawerim erstes marxistisches Grundwissen. Vor allem aber machten sie mich mit der Ostberliner "Weltbühne" bekannt, die sie, ihres nicht "verordneten" Antifaschismus wegen, schätzten. Meine Kibbuz-Genossen waren es auch, die mich ermutigten, noch aus Israel erste Beiträge nach Berlin zu schicken.

Sie installierten sich 1961 in der DDR mit reformerischen Illusionen. So beteiligten Sie sich 1964 am Versuch, ein in etwa dem "Spiegel" nachempfundenes, DDR-sozialistisches Nachrichtenmagazin zu schaffen. Wie war das Projekt angedacht, wie weit war es gediehen, von wem wurde es unterstützt und warum scheiterte es?
Angedacht worden war es wohl von der Fraktion innerhalb der SED-Führung, die eingesehen hatte, dass das "Neue ökonomische System der Planung und der Leitung" ohne parallele Entwicklung einer sozialistischen Demokratie undurchführbar bleiben würde. Zum Leiter des Projekts wurde vom ZK mein Freund und Reporterkollege Hans Otten, damals Chefredakteur der "Neuen Berliner Illustrierten", berufen. Ein Kollegium profilierter, von der Idee begeisterter Journalisten seiner persönlichen Wahl entwickelte innerhalb weniger Monate fieberhafter Arbeit Konzept und Nullnummer von "Profil". So sollte die Zeitschrift später einmal heißen. Ihre Titelgeschichte widmeten wir dem DDR-spezifischen Mangel an Bürgern mit soliden Fremdsprachkenntnissen, was auf dem Umschlag durch eine Kiste mit auf dem Kopf stehender russischer Inschrift: "Bitte nicht stürzen!", versinnbildlicht wurde. Um den 7. Oktober 1964 herum wurden die 1800 Exemplare der Nullnummer von "Profil" gedruckt und gegen Quittung an handverlesene Lektoren verteilt. Einer von ihnen war Willy Stoph, der Hans Otten spontan ein enthusiastisches Glückwunschtelegramm zukommen ließ. Dann aber kam alles anders. Am 15. Oktober stürzte eine unheilige Allianz, bestehend aus Apparatschiki, KGB und Armeeführung, Chrustschow, womit das von Ulbricht und Stoph sicherlich ernst gemeinte Projekt "Profil" gestoppt und sein Schicksal besiegelt war. Und indirekt auch das von Hans Otten. Wenige Monate später erkrankte er schwer und starb 1971 in einem Alter, in dem andere gerade anfangen, sich einen Namen zu machen.

1964-1965 haben Sie den in der DDR einzigen "Lehrgang für Reporter" geleitet, aus dem Autoren wie Landolf Scherzer, Klaus Schlesinger, Axel Kaspar, Anne Dessau und Gerd Prokop hervorgegangen sind. Warum waren Ihrer Meinung nach solche Lehrgänge notwendig? Und warum blieb es der einzige?
Angetragen wurde mir die Durchführung dieses in der Tat einmaligen Zweijahres-Lehrgangs im Frühjahr 1963 von Hans Otten. Er plante, aus der "NBI" eine moderne "Lese-Illustrierte" zu machen und in ihr dem Genre "literarische Reportage" einen zentralen Platz einzuräumen. Dazu bedurfte es junger, begabter Leute, die ihr Metier auch wirklich beherrschten. Bis zum "Profil"-Debakel lief alles gut, danach begann die ZK-Abteilung für Agitation und Propaganda am Reporterkurs herumzumäkeln. Im Vorfeld des berühmtberüchtigten 11. Plenums des ZK der SED vom Dezember 1965 wurde er dann endgültig zerschlagen und mein in der Schriftenreihe des Journalistenverbandes gerade erst erschienener erster Essay über "Die Kunst der Reportage" verboten und eingestampft. Weil mich Landolf Scherzer gegen gewisse Angriffe verteidigt hatte, wurde er nach Suhl "verbannt". Klaus Schlesinger sollte als Redakteur einer Betriebszeitung "in die Produktion geschickt" werden, was Kurt Batt, Cheflektor bei Hinstorff, den ich davon in Kenntnis setzte, dann allerdings verhinderte, indem er Schlesinger beauftragte, ihm eine große Reportage über das gerade erst eröffnete neue Rostocker Universitätskrankenhaus zu liefern.

Sie wurden in der DDR vor allem bekannt durch Ihre Reportagebücher über westliche Länder und solche der Dritten Welt. Wer beauftragte Sie? Und war es nicht kompliziert, dem Neid der ‚Eingeschlossenen´ ausgesetzt zu sein, die ähnliche Erfahrungen nicht machen durften?
Im wesentlichen beauftragte ich mich selber, so wie ich mich nach dem Zweiten Weltkrieg "in eigenem Auftrag" erst einmal nach Palästina-Israel begab. Zwischen 1951 und 1961 war es dann die "Weltbühne", mit der ich meine Reportagereisen, erst kreuz und quer durch Westeuropa und ab 1957 vorwiegend nach Afrika, abstimmte. Die nach 1965 unternommenen Reportagefahrten nach Afrika, Indien und Kuba musste ich hingegen wieder selber finanzieren. Zudem wurde es für mich immer komplizierter, in der DDR Reportagen zu publizieren. Einer Intervention der indischen Botschaft wegen wäre beispielsweise um ein Haar mein 1972 bei "Volk und Welt" erschienener Indienreport noch vor Erscheinen makuliert worden. Dem Botschafter, dem kurioserweise ein Vorausexemplar zugespielt worden war, hatten gewisse sozialkritische Passagen nicht geschmeckt. Von einem "Neid der Eingeschlossenen" habe ich dagegen kaum je etwas zu spüren bekommen. Was genau verstehen Sie unter literarischer Reportage?
Ihre Hauptaufgabe besteht aus meiner Sicht darin, einem möglichst breiten Publikum wichtige gesellschaftliche Bewegungen und Veränderungsprozesse, von denen es direkt oder indirekt mitbetroffen ist, bewusst und verständlich zu machen. Was zum einen die präzise Darstellung der historischen Auslöser und Hintergründe besagter Prozesse voraussetzt. Zum andern gilt es, die ökonomischen, politischen und ideologischen Kräfte, die aktuell in sie verwickelt sind, von ihnen profitieren oder unter ihnen leiden, erkennbar zu machen. Was selbstverständlich nur mittels gründlicher Dokumentation und aufwendiger Recherche erreichbar ist. Zur gelungenen literarischen Reportage gehört nun allerdings unabdingbar noch ein Drittes: Sie soll nicht nur die Ratio ihres Publikums, sondern im selben Maße auch dessen Sinne ansprechen. Was bedeutet, dass die in ihr dargestellten Sachverhalte das Publikum in hohem Maße auch emotional ansprechen müssen. Dies ist allerdings nur dann der Fall, wenn der Reporter seine Story so durchkomponiert, sie so spannend und möglichst auch mit so viel Witz erzählt, dass sie dem Leser eben nicht nur rein faktenmässig einleuchtet, sondern für ihn Zeile um Zeile nacherlebbar wird und ihm durch Aha-Erlebnisse neue Einsichten in gesellschaftliche Zusammenhänge vermittelt. Wozu der Reporter seinerseits hoher Erlebnisfähigkeit, und eines eigenen, für sein Publikum erkennbaren Standpunktes zu dem, was er berichtet, bedarf. Dass letzterer zwangsläufig die Meinung des Publikums zu spalten pflegt, gehört, wie die Werke von Egon Erwin Kisch, John Reed, Julius Fucik und anderer hinlänglich beweisen, mit zu den wesentlichen positiven Eigenschaften guter Reportage. Dient doch die genaue Dokumentation und das gründliche Ausleuchten gesellschaftlicher Widersprüche, die natürlich auch der Sozialismus kannte, fatalerweise jedoch immer wieder zu verdrängen suchte, letztendlich keineswegs nur den jeweils gerade unterdrückten oder sonst wie benachteiligten gesellschaftlichen Gruppierungen, sondern - historisch gesehen - der Erhaltung der Funktions-und Zukunftsfähigkeit der menschlichen Gesellschaft überhaupt. Das Benennen und Behandeln konkreter gesellschaftlicher Konflikte in Kunst und Literatur gehört meines Erachtens mit zu einer funktionierenden Demokratie. Schlecht steht es um diese überall dort, wo dergleichen Thematik tabuisiert, verdrängt, verpönt wird.

Sie haben am sozialistischen Experiment über einen langen Zeitraum solidarisch teilgenommen und sein Ende miterlebt. Warum ist es Ihrer Meinung nach gescheitert?
Erlebt habe ich es insofern tatsächlich bis zu seinem Ende, als ich derjenige war, der als Mitglied des letzten DDR-Schriftstellerverbands-Vorstandes am 2. Januar 1991, nach Auszählung der Stimmzettel, die über seine Auflösung entschieden, an dessen Sitz an der Berliner Friedrichstraße das Licht ausmachte. Eine der Hauptursachen des Scheiterns des nach der Pariser Kommune zweiten Versuches, ein funktionsfähiges sozialistisches System auf die Wege zu bringen, sehe ich darin, dass er, anders als Marx es sich vermutlich erhofft hat, nicht im ökonomisch am weitesten entwickelten Teil der Welt, sondern im ökonomisch und politisch extrem unterentwickelten zaristischen Russland initiiert wurde. Mehr noch als Russlands ökonomische Rückständigkeit erwiesen sich aber wohl dessen politische Defizite als verhängnisvoll. Da die Französische Revolution in östlicher Richtung nicht einmal bis zur Elbe gelangte und die bürgerlichen Reformen Napoleons nach 1814 von den deutschen Fürsten auf das gründlichste zurückbuchstabiert wurden, gab es in Russland und darüber hinaus in ganz Osteuropa noch 1917 nirgendwo entwickelte und auch tatsächlich tragfähige bürgerlich-demokratische Strukturen, die zu Instrumenten einer sozialistischen Demokratie hätten ausgebaut werden können. Dramatisch verschärft wurde das politische Entwicklungsdefizit durch die alles andere als korrekte Interpretation der Marxschen "Diktatur des Proletariats" namentlich seitens Stalins. Während Marx hier von einer weit über die bürgerlich-demokratischen Grenzen hinausreichenden radikalen, auch sämtliche wirtschaftlichen Bereiche umfassenden Demokratie träumte, blockierte Stalins politische Praxis bis weit über dessen Tod hinaus die Entwicklung einer funktionierenden sozialistischen Gewaltenteilung und damit auch jegliche parlamentarische Kontrolle des Staatsapparats. Als Gorbatschow diese dem Realsozialismus gewissermaßen angeborenen Mängel ab 1985 endlich beheben wollte, war es zu spät.

Sie haben auch Reportagen über die verschiedensten Bereiche der DDR-Wirklichkeit geschrieben, doch der aktuelle Band umfasst nur Reportagen aus dem "westlichen Ausland" und der damaligen Dritten Welt. Warum ist nie ein DDR-Band erschienen? Wäre das jetzt nicht möglich?
Im Herbst 1960 recherchierte ich monatelang DDR-Reportagen für die "Weltbühne", was dazu führte, dass Klaus Gysi, damals Leiter des Aufbau-Verlages, einen DDR-Reportagenband mit mir machen wollte. Dieses Angebot war einer der Gründe für einen vorerst nicht als "Übersiedlung" gedachten längeren Aufenthalt in der DDR. Nach dem 13. August 1961 verzichteten Gysi und ich dann aber "aus gegebenem Anlass" auf das Vorhaben. Dennoch blieb ich im Land, zum einen einer DDR-Bürgerin wegen, die ich liebte, zum andern als Korrespondent einer schweizerischen Wochenzeitschrift, und nicht zuletzt auch solcher Menschen wie Hans Otten wegen. Ein zweites Mal wurde ich im Oktober 1989 aufgefordert, eine große DDR-Reportage in Angriff zunehmen - jetzt von einem schweizerischen Buchverlag. Wieder machte ich mich an die Arbeit, doch die Ereignisse überstürzten sich und heraus kam unter dem Strich eine Serie von Interviews mit mehr oder weniger bekannten und prominenten DDR-Bürgern, die sich zu den Ursachen des Untergangs ihres Landes äußerten. Danach bat mich ein Schweizer Verleger um ein Buch über Johanna Spyri, die Erfinderin des "Heidi" und bis dahin wahrscheinlich weltweit auflagenstärkste Autorin überhaupt. Das Projekt bot mir die Chance, mich intensiv mit den sozial-ökonomischen und historischen Gegebenheiten der Schweiz des 19. Jahrhunderts zu befassen, kostete mich aber auch mehr als fünf Recherchier-und Schreibjahre. Mit dem sozialistischen Vineta konnte ich mich somit erst ab 1998 wieder befassen. Als Manuskript liegt inzwischen ein größerer Text vor, den man durchaus als eine Art postumer DDR-Reportage bezeichnen könnte. Sodann arbeite ich an einem Buch, in welchem es unter anderem um die Rolle gehen wird, welche die DDR in meinem Leben spielte.

Der Gegenentwurf zur kapitalistischen Welt ist gescheitert. Dass der neue Band mit der Reportage über den Orwell-River endet, ist wohl ein Zeichen dafür, dass Sie die Zukunft der Menschheit pessimistisch sehen?
Was die längerfristige Zukunft der Menschheit betrifft, bin ich schon deshalb überhaupt nicht pessimistisch, weil die Menschheit in den letzten vier Millionen Jahren ziemlich überzeugend bewiesen hat, dass sie lernfähig ist. Nur dauert es halt manchmal etwas lang, bis die Einsicht in überlebensnotwendige Weiterentwicklung gesellschaftlicher Strukturen und sozialer Umgangsformen konsens- und mehrheitsfähig geworden ist. Leider gehen solche Verzögerungen, wie die Geschichte lehrt, stets einher mit schweren Krisen, Kriegen und Repressionen, - nicht zuletzt auch solchen, wie Orwell sie beschrieben hat. Insofern sind wir alle unterwegs zum "Orwell-River" und werden ihn - so uns die Zukunft tatsächlich etwas wert sein sollte - irgendwann auch überqueren müssen. Im übrigen gibt es den Orwell-River wirklich, und ebenso den gespenstischen Container-Umschlagplatz, der in der Titelreportage des Büchleins beschrieben wird.

Das Gespräch führte Sabine Kebir

Jean Villain: Unterwegs zum Orwell-River. Reportagen aus fünf Jahrzehnten. Mit einem Vorwort von Landolf Scherzer, MV-Taschenbuch, Rostock 2001. 10 EUR Internet-Bestelladresse: www.mv-taschenbuch.de

01:00 15.03.2002

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