Den Statusverlust abwehren

Interview Zwei Sozialwissenschaftlerinnen erklären, was passiert, wenn die Frau zur Ernährerin der Familie wird
Nina Scholz | Ausgabe 48/2015 33

der Freitag: Frau Koppetsch, Frau Speck, Sie haben in Ihrer Studie untersucht, wie Beziehungsdynamiken sich verändern, wenn die Frau zur Familienernährerin wird. Warum ist das gerade jetzt interessant?

Cornelia Koppetsch: Es wird behauptet, dass wir aktuell eine Prekarisierung der Arbeitswelt erleben. Das stimmt aber nicht. Was wir heute unter Prekarisierung der männlichen Erwerbsarbeit verstehen, war für Frauen schon immer das normale Erwerbsmodell. Frauen arbeiten schon immer vermehrt in Teilzeitbeschäftigungen und ungesicherten Arbeitsverhältnissen. Wir wollten untersuchen, was passiert, wenn sich da das Geschlechterverhältnis umkehrt.

Wieso bietet sich die Milieuforschung für so eine Studie an?

Sarah Speck: Arbeit und Geschlecht werden in verschiedenen Milieus unterschiedlich gedeutet. Sinnkrisen fallen daher unterschiedlich stark aus, wenn die Arbeit wegfällt oder prekär wird.

Koppetsch: Im individualistischen Milieu gilt das Leben in Projekten zum Beispiel als erstrebenswert, während die Paare aus dem traditionellen Milieu ein Normalarbeitsverhältnis des Mannes anstreben. Die bewerten daher so eine Situation auch sehr unterschiedlich.

In der öffentlichen Wahrnehmung dominiert die Vorstellung, das individualistische Milieu wäre am ehesten in der Lage, eine gleichberechtigte Partnerschaft zu führen. Sie weisen nach, dass das gar nicht stimmt.

Speck: Diese Paare verwenden viel Energie darauf, so zu tun, als ob sie gleichberechtigt seien. Es wird gemeinsam kaschiert, dass die Frau mehr Geld verdient – und trotzdem mehr Sorgearbeit leistet als der Mann. Beide sind oft damit beschäftigt, seine Männlichkeit nicht zu beschädigen.

Sie schreiben, dass die Männer dazu Coolness als Strategie einsetzen. Wie funktioniert das?

Speck: Coolness sieht nach einem rebellischen Lebensentwurf aus, stilisiert aber vor allem die eigene Männlichkeit. Die Männer versuchen so einen Statusverlust abzuwehren. Gleichzeitig finden die meisten Frauen die zur Schau gestellte Autonomie und Authentizität wahnsinnig attraktiv.

Eine weitere Strategie dieser Männer ist es, Gefühle zu zeigen. Das klingt paradox.

Speck: Wir haben etwa mit einem Paar gesprochen, bei dem der Mann seine Depressionen einsetzt, um seine Freundin in die fürsorgende Rolle zu drängen. Das führt dazu, dass sie ihm alles, was er macht, hoch anrechnen muss, weil es ihm ja schlechter geht. Und ihre Erfolge darf sie nicht artikulieren.

Warum spielen Frauen da mit?

Koppetsch: Die Frauen wünschen sich einen Partner, der was Eigenes macht. Das finden sie attraktiv.

Speck: Zugleich wollen sie das Bild der gleichwertigen Partnerschaft nach außen nicht beschädigen.

Cornelia Koppetsch, geboren 1967, ist Professorin für Geschlechterverhältnisse, Bildung und Lebensführung an der TU Darmstadt. Zusammen mit Sarah Speck hat sie gerade die Studie Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist (Suhrkamp) veröffentlicht

Sarah Speck, geboren 1981, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main

Das wertkonservative Milieu ist als einziges in der Lage, einen erfolgreichen Rollentausch zu vollziehen, wenn die Frau zur Ernährerin wird. Das überrascht.

Speck: Ein gutes Leben ist für diese Paare familien- und gemeinschaftsorientiert ...

Koppetsch: ... deswegen sind sie auch flexibler, was ihre Rollen angeht. Ihnen geht es nicht primär um Selbstverwirklichung im Beruf. Wenn die Erwerbsarbeit wegfällt, arbeiten die Männer eben als Hausmeister, in der Gemeinde und eben auch als Hausmann.

Sehen diese Männer sich dann eigentlich in der Frauenrolle? Die sind doch sehr konservativ.

Speck: Diese Männer schaffen es meist, die vormals weiblichen Rollen neu zu besetzen, indem sie sie mit männlichen Attributen besetzen. Sie erziehen die Kinder zum Beispiel streng, weil sie das, im Gegensatz zur fürsorglichen Mutterrolle, als männlich empfinden.

Wertet das familienorientierte Milieu den geglückten Rollentausch eigentlich als Erfolg?

Koppetsch: Die handeln das pragmatisch ab. Man macht das eben, weil die Frau mehr verdient. Wenn den individualisierten Paaren so etwas gelingen würde, würden sie sehr viel mehr darüber reden.

Ein Mann aus dem traditionellen Milieu ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Er ist arbeitslos und sitzt vor dem Computer, tut aber vor seiner Frau so, als wäre er schwer beschäftigt. Wie ist das zu bewerten?

Speck: Während die prekarisierten Arbeitsmodelle zunehmen, nimmt der Wert der Lohnarbeit deswegen nicht ab. Dadurch entstehen solche Phänomene, die das kompensieren sollen. In der gesellschaftlichen Elite ist das ebenfalls weitverbreitet. Wenn dort die Frau zur Ernährerin wird, weil der Mann seine Arbeit verloren hat, simuliert er diese eben. Der geht dann mit seinem Köfferchen zu einem erfundenen Termin. Durch die Digitalisierung des Arbeitsmarktes nimmt das außerdem noch zu. Man sieht von außen nicht mehr so leicht, wer tatsächlich arbeitet und wer nicht.

Ich hatte den Eindruck, in allen Milieus ist Hausarbeit das große Streitthema. Das deckt sich mit meinen Alltagsbeobachtungen.

Koppetsch: Das ist zwar ein Konfliktthema, aber gestritten wird darüber eher selten. Die Familisten machen gar nicht den Eindruck, als ob sie sich streiten. Hier wird immer wieder betont, dass man gemeinsam an einem Strang zieht, zum Wohle der Familie und der Gemeinschaft. Die Traditionalisten streiten sich nur bis zu einem gewissen Punkt. Die Frau klagt die Mithilfe des Mannes rituell ein, aber in der Regel hat das keine Konsequenzen.

Speck: Im individualisierten Milieu bricht Streit über Hausarbeit immer aus, wenn über generelle Unzufriedenheit in der Beziehung gestritten wird. Konsequenzen werden auch hier keine gezogen.

Den Tipp der Zeitschrift „Glamour“, Hausarbeit auszulagern, fanden Sie nicht emanzipatorisch. Wieso nicht?

Koppetsch: Das eigentliche Problem wird so doch nicht gelöst. Das Vereinbarkeitsmanagement bleibt trotzdem fast immer Aufgabe der Frau, egal ob sie die Putzfrau organisiert, die Kinderbetreuung oder Restaurantbesuche.

Speck: Gesamtgesellschaftlich führt das außerdem zu einer unsolidarischen Umverteilung zwischen Frauen in verschiedenen Klassen, nicht zu einer Lösung im Ungleichgewicht der Geschlechter.

Hausarbeit ist bei allen untersuchten Paaren sehr schlecht angesehen. Sind die feministischen Diskurse der 70er Jahre, die zur Aufwertung der Hausarbeit beitragen wollten, gescheitert?

Koppetsch: Absolut. Das Scheitern dieser Diskurse zeigt sehr deutlich, dass Anerkennung nicht einfach durch politische Aktionen herbeigeredet werden kann, sondern etwas ist, das einerseits in Interaktionen, andererseits durch Lohn und Gehälter vermittelt wird.

Geld spielt in den Beziehungen eine wichtige Rolle. Wie macht sich das bemerkbar, wenn Frauen die Familienernährerinnen sind?

Koppetsch: Auch hier kaschiert das individualistische Milieu am allermeisten. Es wird so getan, als ob der Mann seinen Teil beiträgt, obwohl dieser verschwindend gering ist. Im Konfliktfall bricht das natürlich auf.

Speck: Es gibt aber auch Paare, die traditionelle Geld-Arrangements umkehren. Die Frauen bestimmen über die Menge des Haushaltsgeldes und sind stolz darauf, dass sie den Unterhalt allein verdienen.

Wie viele Familienernährerinnen gibt es in Deutschland?

Speck: In Deutschland machen die Familienernährerinnen nur etwa zehn Prozent aus. In anderen Ländern sind die Zahlen höher, auch, weil dort die Prekarisierung weiter vorangeschritten ist. In den USA wird von 40 Prozent gesprochen.

Ist es in Deutschland besonders schwer, eine gleichberechtigte Partnerschaft zu führen?

Koppetsch: In kaum einem anderen Land gibt es eine ähnlich starke Mutterideologie. Und die Ansprüche an Mütter sind sogar noch größer geworden: Welches ist die richtige Ernährung, optimale Förderung, beste Erziehung? Das kann man besonders im individualistischen Milieu beobachten.

Lassen sich aus Ihrer Studie politische Forderungen ableiten?

Koppetsch: In Deutschland wird die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf allein an die Frauen gerichtet, als ob der Mann keine Verantwortung dafür trage. Da muss angesetzt werden. Wenn das Elterngeld daran gebunden würde, dass der Mann mindestens die Hälfte der Elternzeit übernimmt, wäre schon viel gewonnen.

Das alles ist sehr ernüchternd.

Koppetsch: Es wird heute behauptet, Frauen brauchen keinen Feminismus mehr. Sie könnten alles schaffen. Dadurch werden patriarchale Strukturen verdeckt. Frauen monieren – anders als in den 70ern – nicht mehr öffentlich, dass die Hausarbeit an ihnen hängen bleibt. Sie fürchten, ihre Partner zu verlieren oder als zickig zu gelten. Auf einmal sieht man in vermeintlich aufgeklärten Milieus Frauenbilder aus den 60ern. Das ist fatal.

06:00 01.12.2015

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