Den Tod rempeln

Kanarischer Abend Kolumne

Neulich war ich ein bisschen abgewirtschaftet. Wirklich! Las ich Zeitung, dachte ich unentwegt: "Sind die krank!" Studierte ich das Fernsehprogramm, befiel mich krampfartiges Lachen. Und ließ es sich doch nicht vermeiden, auf die Straße zu gehen, murmelte ich pausenlos: "Idioten! Idioten! Idioten!" Wie es dann kam? Ich weiß es nicht. Zauberei vielleicht? Ein Zack, ein Ruck durch den krepelnden Leib. Klärende Gedankenwäsche. Mein misanthroper Tunnelblick entfinsterte sich.

Und jetzt ist alles wieder gut. It´s so different. Paradiesisch. Das Meer leuchtet. Hinter der schönsten Tankstelle Europas lässt eine frische Brise die Bananenpalmen knattern. Eine weiße Balustrade verbirgt die hässlich ummauerten plastikverpackten Stauden. Nur eine einzige Mauer sah genau so aus. Kennst du das Land? Egal, ich sehe im Mondenschein die Wellenkämme glitzern.

Ah! Lustig scheppernde Blasmusik kommt näher. Flöten schrillen, Klarinetten quieken. Maskierte ziehen durch die schmalen Gassen. Es sind die Kinder von Tazacorte. Sie schütteln Lamettaperücken, schwingen blinkende Sensen, die kleinen Tode. Ritter schreiten klappernd von Kopf bis Fuß in silberner Rüstung, und riesige Pappmachéköpfe schwanken über winzigen Körpern die Stufen hinauf zur Promenade. Flankiert und dirigiert von zahlreichen Müttern, Schwestern, Tanten, die sich zur Samba in den Hüften wiegen, Brüste und Hintern schwenken, als würden sie dafür bezahlt.

Ich bin den ganzen Tag über steile Wege gewandert. Durch uralte Lorbeerwälder bin ich ächzend gestiegen und habe insgesamt viel Schweiß vergossen. So stehe ich sehr müde, sehr hungrig und durstig am Rand des Treibens. Da teilt sich die quirlende Menge. Aus einer weißen Wolke materialisiert sich, warum vor mir, eine mächtige Matrone. In silbernen Sandaletten umtänzelt sie mich. Ihre filigranen Elfenflügelchen auf den massigen Schultern zittern. Die Riesendame schwingt einen glitzernden, von einem bunten Schmetterling gekrönten Stab, und stößt mich völlig Überraschte damit heftig vor den Bug. Dass ich, ich rieche es, in einer Puderwolke fast verschwinde. Madame ruft mich in einem Tone an, der kein Widerwort zu dulden scheint. Ich drehe den Kopf einmal nach links, einmal nach rechts und sage: "No!" Ich ziere mich nicht. Ich denke gar nicht daran, mich in dieser Burleske zum Affen zu machen. "Jamais!"

Aber es klimpert die Mondgesichtige mit ihren vergoldeten Wimpern. Sie streckt einen wunderlich muskulösen Arm aus und greift nach mir. Mit Zangenhänden zieht sie mich ganz dicht an ihren schaukelnden Busen, dass mich am Kinn die drahtigen Haare kitzeln, die so schwarzwollig aus dem seidigen Mieder wuchern. Ein wahres Vlies! Dann schubst sie mich mit einem Schwung, dass ihre langen Haare fliegen, unter die wirbelnden Masken. Da remple ich einen Tod, krache gegen den Tubisten, hebe zaghaft schlängelnd die Arme und versuche, dem drohenden Lächeln der Zeremonienmeisterin zu entkommen. Doch wo immer ich mich schleichen will, steht sie breithüftig mit gerecktem Stöckchen und jagt mich Puderwolken stäubend in die Spaßgesellschaft. Alles kichert, grinst und keckert über die absonderlich alberne Tänzerin im karierten Anorak. Und während ich keuchend aus den Augenwinkeln den Fluchtweg sondiere, geht mir plötzlich auf: dass die Tante der Onkel, die Schwester der Bruder, die Mutter der Vater ist. Transeamus! Ha! Einmal am andern Ufer grasen!

Ein Tusch, ein winziger Moment der Unaufmerksamkeit, und ich entweiche, haste dunkle, steile Gassen hoch zum "Oveja Negra". Die Türe öffnen, eintreten in eine mit Tiermasken geschmückte Räumlichkeit, sich fallen lassen irgendwo. Die pfeilschlanke Oberin bringt ein schön rot funkelndes, untrinkbar süßes Gesöff. Ein Mandolinenorchester zirpt vielstimmig seufzend "Stille Nacht, Heilige Nacht", während ein geheimnisvoller junger Mann schweigsam Türen öffnet, Türen schließt. Er trägt eine schwarze Hose, ein schwarzes kurzärmliges Hemd. Ich sehe den verkrüppelten Arm. Einmal steigt er auf einer Wendeltreppe in die Höhe. Verschwindet. Man hört knarrende Schritte auf hölzernen Dielen. Eine Münze fällt klirrend. Stille. Er klettert wieder hinunter. Was geschieht über mir? Er lächelt. "Doch, oben sitzen Gäste, vor sich das magische Menü. Und ich bin der Zauberer". Ich lache wohl ungläubig. "Erlauben Sie?" sagt er und nimmt sich meine rechte Hand. Er legt drei weiche rote Bälle hinein. Er sieht mich an. Und macht sie zu. Ich schaue auf meine Hand. Und seine Hand. Wo sind seine Finger? Er runzelt die Stirn. Dann greift er sacht nach meiner Linken. Ich habe sie ganz fest geschlossen und wundere mich darüber. Er biegt meine Finger auf. Drei rote Bälle springen aus der Hand. Ich schaue blöd. Der Zauberer lacht. "Danke für das Schafsgesicht!" sagt er und verbeugt sich knapp.


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00:00 04.03.2005

Ausgabe 38/2020

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