„Den Vorhang lüften“

Interview Der Geograf Bradley L. Garrett will als „Urban Explorer“ städtische Freiräume zurückerobern
Florian Keller | Ausgabe 41/2016

Freie Menschen können sich ja wohl frei durch ihre Städte bewegen und öffentliche Gebäude fotografieren, ganz wie es ihnen beliebt – denkt man gern. Bradley L. Garrett hat als „Urban Exploration“-Aktivist erfahren, dass dem ganz und gar nicht so ist.

der Freitag: Herr Garrett, Sie haben zwei Jahre lang sämtliche stillgelegten U-Bahnstationen in London erkundet und Fotos davonins Netz gestellt. Dann wurden Sie verhaftet. Wie kam das?

Bradley Garrett: Ich kam gerade aus Singapur, die Polizei stoppte das Flugzeug auf der Piste, legte mir noch im Flugzeug Handschellen an und konfiszierte meinen Pass. Ich wurde dann mit zehn anderen Leuten angeklagt, wegen Verschwörung mit kriminellen Zielen. Die Londoner Verkehrsbetriebe wollten unbedingt, dass man mich verurteilt. Der Richter gewährte mir eine bedingte Entlassung. Ich bekam keinen Eintrag ins Strafregister, aber sollte ich in den folgenden drei Jahren straffällig werden, würde die alte Anklage sofort wieder erhoben werden.

Zur Person

Bradley L. Garrett, 1981 in Kalifornien geboren, ist promovierter Geograf, Aktivist und Autor und lebt in London. Über seine urbanen Erkundungen hat er mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt London Rising: Illicit Photos from the City’s Heights (Prestel 2016)

Warum gingen die Verkehrsbetriebe so hart gegen Sie vor?

Denen war das peinlich. London ist ja angeblich die sicherste Stadt der Welt. Wir haben hier mehr Überwachungskameras pro Kopf als überall sonst und angeblich fährt niemand schwarz. Mit unseren Erkundungen haben wir klargemacht, dass das eine Fiktion ist, ein Mythos, der dafür sorgt, dass wir alle unter Kontrolle bleiben.

Als teilnehmender Beobachter haben Sie eine Studie über die Subkultur der Urban Explorers geschrieben. Wer noch nie davon gehört hat, stellt sich vermutlich etwas wie Pokémon Go vor.

Nun, Pokémon Go hat ja etwas für sich, wenn es die Leute dazu verleitet, rauszugehen und sich den normativen Pfaden zu widersetzen, auf denen wir uns gewöhnlich durch die Stadt bewegen. Urban Exploration ist ein bewusst vager Begriff, der eine Unmenge von Aktivitäten einschließt: vom Klettern an Hochhäusern über Streifzüge durch leerstehende Gebäude bis zum Erforschen von Infrastrukturen wie Abwasserkanälen.

Sie bezeichnen das als eine Form von Rückeroberung der Stadt.

Genau. Unsere Städte beinhalten immer mehr verborgene Räume, die unserem Blick entzogen sind. Wir sollen gar nicht verstehen, wie die Dinge funktionieren, denn wer verstehen will, fängt an, Fragen zu stellen. Was passiert mit einer Plastikflasche, wenn ich sie in den Müll werfe? Für die meisten Leute grenzt es an Zauberei, wenn sie das WC spülen: Sie haben keine Ahnung, wo das Zeug hingeht. Durch unsere Erkundungen lernen wir die Stadt besser zu verstehen. Es ist, wie wenn man den Vorhang lüftett: Aha, so funktioniert die Kanalisation! Aha, da geht also das Geld hin, das ich für mein Zugticket einwerfe! Das ist Urban Exploration: Es geht darum, die städtische Infrastruktur transparent zu machen und unseren Handlungsspielraum für Partizipation zu erweitern. Wenn man anfängt, die Stadt auf diese Art neu zu erkunden, wird die eigene Wahrnehmung erst so richtig volumetrisch.

Volu-was? Metrisch?

Das heißt, alles hat eine x-, y- und z-Achse. Gehe ich heute durch die Stadt, denke ich: Welche U-Bahnlinie ist gerade unter mir, welcher Stromtunnel, welcher Abwasserkanal? Für mich als Geografen ist Urban Exploration so faszinierend, weil unsere geografische Vorstellungskraft dadurch umgestülpt wird. Mir scheint, dass wir damit – das ist freilich ein belasteter Begriff – ein natürlicheres, organischeres Verständnis unserer Umgebung erhalten. Wer auf dem Land neben einem Berg lebt, steigt hoch, um zu sehen, wie die Aussicht dort oben ist. Und in London wollen wir nicht wissen, wie unsere Stadt von oben, vom Centre Point betrachtet, aussieht, von diesem brutalistischen Hochhaus an der Tottenham Court Road?

Kein Vandalismus

Sie verschaffen sich Zugang zu stillgelegten Bunkern und Industriebauten, steigen auf Hochhausdächer, erkunden die Kanalisation – und sie dokumentieren ihre Abenteuer mit Fotos, die sie ins Netz stellen: die „Urban Explorer“. Ihre Streifzüge werden juristisch meist als Hausfriedensbruch gewertet, aber ihr Ethos verbietet ihnen jeden Vandalismus. „Take nothing but pictures, leave nothing but footprints“, lautet das Motto der Szene. Als Geburtsstätte und Epizentrum dieser urbanen Subkultur gilt Toronto, seit den Nullerjahren haben sich weltweit Ableger gebildet, in Metropolen wie London, Paris, Berlin oder Wien. Der 2013 erschienene Band Explore Everything: Place-Hacking the City von Bradley L. Garrett gilt den urbanen Kundschaftern als entscheidendes Grundlagenwerk

In Ihren Schriften haben Sie den Begriff „Place-Hacking“ geprägt.

Zunächst muss man sagen: Städte sind ein räumliches Durcheinander ohne Chefarchitekt, das macht einen Teil ihrer Schönheit aus. Es hat immer wieder Versuche gegeben, den städtischen Raum kontrollierbarer zu gestalten. Denken Sie an die Rasterplanung in den USA oder an Le Corbusiers Wohnmaschinen. Der Neoliberalismus hat nun dazu geführt, dass alles, was sich nicht in einen Warenwert verwandeln lässt, aus dem städtischen Raum weggeplant wird. Leute, die ihr Bier nicht teuer im Pub bezahlen, sondern im Park billiges Bier aus dem Supermarkt trinken, Obdachlose, die keine Miete zahlen: Die müssen verdrängt werden.

Es werden Gated Communities errichtet, mehr Überwachungskameras installiert. Das führt zu einer Selbstüberwachung: Du glaubst, dass du vielleicht beobachtet wirst – und wenn du dir nicht sicher bist, was du tun darfst, lässt du es eher bleiben. Die Grenzen, die so errichtet werden, sind unsichtbar.

Wie spielt das von Ihnen erwähnte Hacking-Prinzip dort hinein?

Die neoliberale Stadt ist im Grunde ein bisschen wie Ihr Iphone. Sie können nur ganz spezifische Dinge damit machen, etwa Apps öffnen – aber nur Apps, die von Apple zugelassen sind. Das ist wie die Architektur beziehungsweise die Stadtplanung, die dafür sorgt, dass Sie Geld ausgeben. Um hinter das Betriebssystem der Stadt zu kommen, müssen wir die Schlupflöcher finden, ob wir nun Häuser besteigen oder Schächte erkunden.

Und Sie glauben, dass ein „organischeres“ Verständnis der Stadt uns zu besseren Bürgern macht?

Ja, ich bin überzeugt, dass die Stadt der Zukunft gar nicht anders funktionieren kann: Das ganze Ding wird sonst implodieren. Das heißt, dass wir eine Teilhabe an allen Aspekten des urbanen Raums ermöglichen müssen. Das läuftnatürlich allen Narrativen zur städtischen Sicherheitspolitik entgegen. Gerade durch die Rede vom Terrorismus werden wir als Stadtbewohner dazu konditioniert, dass jedes Verhalten, das nicht der Norm entspricht, gefährlich ist.

Aber wenn Sie auf ein Hochhaus klettern und sich dort oben Ihren Kick holen: Inwiefern erobern Sie so den urbanen Raum zurück?

In London sollen in den nächsten paar Jahren 90 Wohnblöcke abgerissen und durch 450 Hochhäuser ersetzt werden. Diese Wolkenkratzer werden nicht für Menschen gebaut, die in der Stadt leben, sondern als Investmentobjekte für Spekulanten. Das sind einfach Aktien in Form von Immobilien. Indem wir hochsteigen und die Aussicht fotografieren, durchbrechen wir dieses Narrativ – zumindest ein bisschen. Dort oben wird dir klar: Was hier verkauft wird, ist diese unglaubliche Aussicht und die Sicherheit vor allen Unsicherheiten unten in der Stadt. Natürlich ändern wir damit nichts unmittelbar an der Situation. Aber wir treiben einen Keil hinein.

Ganz ehrlich: Die Bilder, die Urban Explorer ins Netz stellen, wirken oft einfach angeberisch.

Klar, diese Heldenbilder haben etwas Frivoles, aber der Humor geht im Netz manchmal verloren. Die Explorer machen sich durchaus über sich selbst lustig, etwa wenn sie mit ihren Stirnlampen in stinkenden Abwasserkanälen posieren, als hätten sie gerade eine unfassbare Entdeckung gemacht. Da unten sind ja regelmäßig Arbeiter. Und abgesehen davon: Es ist einfach die Kanalisation, voller Fett, Tampons und Toilettenpapier.

Ich behaupte nicht, dass wir allein mit Urban Exploration das System stürzen können – aber wir können es mit tausend Schnitten aufschlitzen. Statt sich irgendeine Revolution vorzustellen, die sowieso nicht passieren wird, sollten wir darauf hin arbeiten, „Temporäre Autonome Zonen“ zu schaffen, wie der US-Philosoph Hakim Bey es mal genannt hat. Wobei: In unserem Klima der Überwachung glaube ich, dass die Tage solcher Zonen bald gezählt sind, etwa wenn man bedenkt, dass die Software zur Gesichtserkennung immer besser wird. Man muss sich überlegen, wie man das unterlaufen könnte.

Wie zum Beispiel?

Man hat schon damit experimentiert, die Wangenknochen mit Quadraten zu übermalen, um die Gesichterkennungsprogramme zu umgehen. Es gibt auch Kameras, die einen am Gang erkennen, aber wenn man einen kleinen Stein im Schuh hat, kann das den Gang angeblich so weit beeinflussen, dass die Software einen nicht mehr identifizieren kann. Ich sehe schon eine dystopische Zukunft vor mir, in der wir uns mit bemalten Gesichtern und Steinen in den Schuhen durch die Stadt bewegen, damit wir weiterhin geheime Bars besuchen können. (lacht) Aber mal ehrlich: Einerseits finde ich die Privatisierung des öffentlichen Raums total frustrierend. Gleichzeitig denke ich, dass das alles gar keine so große Rolle spielt.

Wieso das jetzt?

Ein Beispiel: 2013 wurde das Areal rund um das Londoner Rathaus an eine Investmentfirma aus Katar verkauft, für 1,6 Milliarden Pfund. Es war das teuerste Grundstücksgeschäft in der Geschichte des Vereinigten Königreichs. Die neue Besitzerfirma verkündete, dass Kundgebungen vor dem Rathaus nicht mehr erlaubt seien. Nun hieß es aber nirgends, demonstrieren sei illegal. Wir versammelten hundert Leute auf diesem Privatgrund und hielten ein zweistündiges Seminar im Freien ab. Und: Nichts ist passiert! Seit unserer Kundgebung ist für alle in London klar: Wenn du vor dem Rathaus protestieren willst, kannst du das weiterhin tun. Ich hoffe nur, dass die Leute auch danach handeln – bevor die neuen Regeln gesetzlich verankert werden. Das ist vielleicht das Nächste, was kommt Bis dahin haben wir immer noch ein Körnchen Freiheit. Das sollten wir ausnutzen.

Info

Das Gespräch führte Florian Keller. Es erschien in etwas längerer Form zuerst in der Schweizer Wochenzeitung WOZ

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 09.11.2016

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare