Den weißen Blick parieren

Reihe Die Berlinale will „Motor der Diversität“ sein. Im Forum stellt sie jetzt deutsche Filme von People of Color vor

Auch wegen ihrer Verbreitung als Handy-Video wurden die neuneinhalb Minuten vor dem gewaltsamen Tod von George Floyd weltweit zum Symbol für den Rassismus der amerikanischen Polizei. Über eine schwer gespaltene schwäbische Öffentlichkeit kaum hinaus kam dagegen der Fall von Kiomars Javadi, der im August 1987 im Hof eines Tübinger Lebensmittelmarkts nach achtzehn Minuten in einem ähnlichen Würgegriff wie Floyd starb. Javadi war ein junger iranischer Asylbewerber, die Täter der Filialleiter selbst und ein pflichteifriger Azubi des Geschäfts, wo der junge Mann des Ladendiebstahls bezichtigt wurde. Fast ein Jahr nach der Tat wurden beide von einem eigentlich als scharf bekannten Richter zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Schlimmer vielleicht wog noch die Tatsache, dass fast die ganze Belegschaft des Geschäfts tatenlos zugesehen und nur ein paar Passanten versucht hatten, wenigstens verbal einzugreifen.

18 Minuten Zivilcourage ist der sarkastische Titel des achtzehn Minuten langen Films, mit dem Rahim Shirmahd drei Jahre nach dem gewaltsamen Geschehen den Vorfall und sein Danach eindringlich dokumentiert und poetisch auflädt. Noch einmal dreißig Jahre später ist die traurige Wahrheit deutlich geworden, dass der in der deutschen Gesellschaft eingefressene Rassismus durch den Fortschritt der Geschichte nicht gemildert wurde. Geändert aber hat sich das Selbstbewusstsein der Ausgegrenzten selbst und ihre Präsenz. So gibt es heute ein größeres öffentliches Bewusstsein für Herrschaftsmechanismen und Ausgrenzungen – auch in Bereichen, die vielen lange als diskriminierungsfrei schienen wie die Kultur. In den vergangenen Monaten wurden rassistische Vorfälle in Theater und Ballett publik. Dass im Film nicht nur die stereotype Besetzungspolitik ein Problem ist, zeigte eine im März veröffentlichte Studie zu Vielfalt im Film. Die Leitungen der großen Filmfestivals in Europa wurden zwar in den vergangenen Jahren deutlich weniger männerdominiert, blieben sonst aber wenig divers.

Doch die Dinge bewegen sich. Bei der Berlinale will das neue Leitungsteam Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek ein „Motor der Diversität“ sein, die neue Forumsleiterin Cristina Nord hat gleich zu Beginn ihrer Amtszeit die ghanaische Kuratorin Jacqueline Nsiah in ihr vierköpfiges Auswahlkomitee geholt und sie für das jetzt kommende Summer Special der Berlinale gemeinsam mit den freien Kurator*innen Enoka Ayemba, Karina Griffith, Biene Pilavci und Can Sungu für die Planung eines umfassenden Zusatzprogramms berufen, das sich Regiearbeiten von Personen of Color der deutschen Filmgeschichte widmet: „Jeder Film ist ein Vorschlag, den weißen deutschen Blick mit vielfältigen, intersektionalen Perspektiven zu parieren, und allen gemein ist eine eigene visuelle und textuelle Praxis der Zeugenschaft von innen, nicht vom Rand“, heißt es im programmatischen Statement der Kurator*innen.

Wer wo was wie sieht

Auch 18 Minuten Zivilcourage ist Teil dieser Reihe, die zeitlich im Jahr 1980 ansetzt. Dabei deutet der Reihentitel Fiktionsbescheinigung als Entlehnung aus dem Behördensprech (es ist die Bezeichnung für ein Dokument, das Menschen aus nicht zur EU gehörenden Ländern in der Zeit der Prüfung ihres Antrags auf Aufenthaltserlaubnis ausgestellt wird) einen thematischen Schwerpunkt in Richtung deutsche Ausgrenzungs-Bürokratismen an. Er lässt sich aber auch als ironischer Verweis auf den meist bitteren Realitätsgehalt der präsentierten Filme verstehen, ob diese nun formal als Spielfilme oder dokumentarische Arbeiten ausgewiesen sind.

So etwa bei Gölge, einem frühen Beispiel weiblich-migrantischer Selbstvergewisserung, der als Abschlussfilm von Sofoklis Adamidis und Sema Poyraz 1980 an der DFFB entstand. Eine autobiografisch geprägte Coming-Of-Age-Geschichte mit fast satirisch scharfem Blick auf das damalige Milieu türkischer Arbeitsimmigrant*innen in Berlin-Kreuzberg. Mala Reinhardts Dokumentarfilm Der zweite Anschlag erzählt mit den Stimmen Betroffener von rechtsextremen Angriffen in Rostock-Lichtenhagen bis zum NSU über das Versagen deutscher Behörden im Nachgang der Verbrechen. Dagegen setzt sie die widerständige Aufarbeitung der Opfergruppen selbst. Angelika Nguyen erzählt in Bruderland ist abgebrannt mit persönlicher Haltung und gründlicher Recherche von den Menschen, die ab den 1980er Jahren als sogenannte Vertragsarbeiter*innen aus Vietnam in die DDR-Industrie geholt worden waren und nach der Wende als Erste Opfer von Rassismus und sozialem Niedergang wurden.

Drei von vielen Filmen des gemeinsam mit dem Sinema Transtopia veranstalteten Programms, die für sich allein Substanzielles über das Selbstverständnis Deutschlands im 21. Jahrhunderts zu sagen haben. Umso besser, dass sie bei ihrem doppelten (online und auf Leinwand) Berlinale-Auftritt durch ein Begleitprogramm mit Filmgesprächen, Panels und Vorträgen diskursiv erweitert werden. Sicherlich ein guter Anlass, auch jenseits der Filme selbst über strukturelle Ausgrenzungsmechanismen im Filmbereich zu diskutierten. Stark verallgemeinert scheint mir aber die These der Kuratorinnen, die in Fiktionsbescheinigung gezeigten Filme wären bisher „versteckt“ gewesen. Blockbuster waren sie sicherlich schon vom Genre her nicht. Doch einige haben für sich beachtliche Karrieren aufzuweisen. So war beispielsweise Der zweite Anschlag nach der Uraufführung im deutschen Wettbewerb der Dokwoche Leipzig auf mehr als einem Dutzend Festivals und in vielen Programmkinos zu sehen. Es scheint mir produktiver, dies zu würdigen als kleinzureden.

Info

Fiktionsbescheinigung. 16 filmische Perspektiven auf Deutschland. Bis 30. Juni per Stream im Arsenal 3 (arsenal-3-berlin.de ); im August im Open-Air des Sinema Transtopia

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06:00 10.06.2021

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