Den Wolken ein Stück näher

Im Turm Brigitte Lichtenberg arbeitete 37 Jahre lang im Fernsehturm auf dem Berliner Alexanderplatz. Der Turm war dafür gemacht, die Massen zu begeistern

Berlin Alexanderplatz, es ist laut und ungemütlich. Absperrzäune, Baggerlärm, Touristen. Dazwischen schrillt die Straßenbahn. Manchmal, wenn man hierher kommt, ist es, als trete man eine Strafe an. Eine Band namens „Fanfara Kalashnikov“ spielt laut und schnell Speed Brass im Balkan-Stil. Das passt, hier ist alles laut und schnell. Es hämmert und knallt. Am Alex wird gebaut. Am Alex wird immer gebaut. Neuerdings aber nur noch Einkaufscenter. Ich bin verabredet an der Weltzeituhr, wo sonst. Die steht seit 40 Jahren da. Die Planeten drehen sich. Der Alex, könnte man meinen, ist der Nabel der Welt. Ein verdreckter Nabel. Der Kehrwagen fährt rundum. Doch der Dreck ist schneller. Dann gellt ein Schrei. Vom Park Inn stürzt jemand in die Tiefe. Base Flying, so was Ähnliches wie Bunjee-Jumping. Der Adrenalin-Overkill.

Am 7. Oktober 1969 projizierten Flakscheinwerfer zwei X auf den Nachthimmel über Berlin. Römische Ziffern zur Feier des 20. Jahrestags der DDR. Ein Signal, weithin sichtbar. Genau wie der Fernsehturm, der vier Tage zuvor eröffnet worden war. Eine Sensation. Er strahlte weit ins Land – und über die Mauer. Er wurde zum Wahrzeichen der Hauptstadt der DDR. Wenn man nah dran steht und hinauf blickt, wird einem schwindlig, und man könnte meinen, er fällt.

„Wenn Sie diesen Beruf machen, müssen Sie die Menschen lieben. Das sag ich meinen Lehrlingen gleich als erstes. Wer keine Menschen mag, kann kein Kellner sein.“ Brigitte Lichtenberg kann es. Sie ist es, die ich an der Weltzeituhr treffe. Wir suchen uns einen Platz in einem Café in der Rathausstraße. Haben den Fernsehturm im Blick. „Seit Januar 72 hab ich da gearbeitet, bis Ende 2008, 37 Jahre lang.“ Sie ist Jahrgang 45, Berlinerin, offen und direkt. Aufgewachsen ist sie im Prenzlauer Berg, letztes Jahr ging sie in Ruhestand. Hochfahren auf den Turm will sie nicht. „Da kenn ich alle, die halt ich ja nur von der Arbeit ab, da kommen wir nicht zum Reden.“

Oktober 1969, Staatsfeiertag. Der neue Turm steht im Zentrum der Macht. Die Partei weiß es, und der Fahrstuhlführer spricht es aus: Es geht aufwärts. Fortschrittsglaube herrscht in Ost und West. Aber im Osten ist der Fortschritt Gesetz. Wir leben in der Epoche des weltweiten Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. Die Entwicklung geht vom Niederen zum Höheren. Bis hierher war alles Vorgeschichte, jetzt kommt das Eigentliche: wir. Friedrich Engels’ Satz, dass jeder Fortschritt mit einem Rückschritt erkauft werde, steht beim Kleingedruckten. Bau auf, bau auf, heißt das Lied. Auf! Bauen wir uns eine Stadt aus den Trümmern, ohne Mietwucher, ohne Grundstücksspekulanten, und lasst uns einen Turm errichten mit einer Spitze bis zum Himmel, machen wir uns damit einen Namen. Nicht näher, mein Gott, zu dir. Aber hoch hinaus. Es ist der Griff nach den Sternen.

Dabei ist Walter Ulbrichts Stern schon im Sinkflug begriffen. Keine zwei Jahre, und der „Baumeister des Sozialismus“ wird abdanken müssen. Doch noch wird gefeiert. Dass es die Halbzeitparty ist, ahnt niemand.

365 Meter hoch ist der Turm, die Kugel hat einen Durchmesser von 32 Meter, das Aussichtsgeschoss liegt in 203 m Höhe, das Restaurant gleich darüber. Der Fernsehturm war ein Prestigeobjekt, er sollte die Massen begeistern. Und tat es. 1,2 Millionen Besucher kamen und kommen jährlich. Die beiden längsten Warteschlangen – auch hierin war man mit dem Großen Bruder Weltspitze – gab es auf dem Roten Platz vorm Leninmausoleum und auf dem Alex am Berliner Turm. Heute hat man ein Ticketsystem inklusive SMS-Benachrichtigung eingeführt. Niemand soll länger als 20 Minuten anstehen.

„Das Café dreht sich um die Turmachse, in etwas weniger als einer Stunde erlebt man Berlin in allen vier Himmelsrichtungen“, berichteten damals stolz die Zeitungen. 360° Berlin! Man sah Walter Ulbricht auf ein Knöpfchen drücken, und unter allgemeinem Beifall fistelte der Chef: „Nun möchten wir uns davon überzeugen, ob diese ganze Technik auch richtig funktioniert.“ Dann ging das Zweite Programm des DFF auf Sendung, zunächst mit dem Pausenbild. Abends gab’s eine Unterhaltungsshow in Farbe. Und Schlachtberichte von den Feldern. Nach einem regenlosen Sommer blickte das Land gebannt auf die Kartoffelernte. Volkes Undank reimte: Keine Kohlen im Keller, keine Kartoffeln im Sack, wir feiern den 20. Jahrestag.

Nach ihrer Lehre im Restaurant „Moskau“ fängt Brigitte Lichtenberg 1965 im Operncafé Unter den Linden als Kellnerin an, 1971 legt sie ihre Meisterprüfung ab. Da ist sie 26, verheiratet und hat eine kleine Tochter. Als einzige der Berliner Prüflinge ihres Jahrgangs besteht sie alle Fächer mit sehr gut. Auf ihrer Festtafel, die jeder einzudecken und zu dekorieren hat, steht in der Mitte ein Arrangement aus roten Anthurien und gelben Tulpen, neben den Tellern liegen kleine Menükarten mit einem sowjetischen Raumschiff drauf. Über ihre Erfahrungen „auf dem Weg zum Serviermeister“ schreibt sie einen Artikel im Fachmagazin „Gastronomie“. Die Prüfung geht ihrer Meinung nach meilenweit an der DDR-Realität vorbei: „Es begann damit, dass meiner Kollegin und mir empfohlen wurde, in gleicher Kleidung aufzutreten. Ich will gar nicht von den finanziellen Ausgaben sprechen, obwohl mir das durchaus nicht leicht fiel, aber die Lauferei um ein gleiches Kostüm, gleiche Bluse, gleiche Schuhe – das kann man sich kaum vorstellen! Und die Schautafel selbst: Jeder von uns wollte natürlich gut abschneiden und versuchte, seine Tafel mit höchstem Aufwand einzudecken. Das begann beim Tafeltuch und ging über Gläser, Bestecke, Menükarten, Dekoration. Menükarten hat sich jeder von uns drucken lassen; 250 Mark Kosten dafür sind niedrig berechnet! Ich hätte gar nichts gesagt, wenn wir als Meister mindestens einmal im Monat Gelegenheit hätten, solche Festtafeln zu gestalten. Doch selbst wenn in unserem Haus eine Hochzeitsfeier stattfindet oder ein Empfang von einem Ministerium gegeben wird, können wir solche Tafeln, wie wir sie zur Meisterprüfung praktizieren mussten, überhaupt nicht gestalten!“

Als die Umbauungen am Fuß des Fernsehturms Anfang 1972 endlich fertig sind und darin Restaurant, Café, Selbstbedienungsgaststätte, Espressobar, ein Kino und ein Ausstellungszentrum eröffnen, beginnt Brigitte Lichtenberg als Oberkellnerin im Restaurant im ersten Stock. „Wir arbeiteten in zwei Schichten und rollende Woche, also sieben Tage Arbeit, zwei Tage frei.“ Sie hat das dicke Buch mit den Reservierungen in ihrer Obhut, sechs bis acht Mitarbeiter im Blick und bedient selbst ein Revier mit 24 Gästen. Das Restaurant öffnet um zehn und schließt um Mitternacht, es gibt Speisen à la carte und gleichzeitig ist es Ausbildungsstätte für Kellner und Köche. Der Gast blickt auf Marienkirche, Wasserspiele, Neptunbrunnen, Rotes Rathaus. Zu Parteitagen verpflegt das Restaurant Delegierte. Für die Maidemo hat Brigitte Lichtenberg eine Entschuldigung: Ihr Chef ist der Meinung, unsere Demo ist am Arbeitsplatz.

„Das Lokal gehörte zu den Spitzenrestaurants in Berlin. Aber als eins der wenigen haben wir auch schwarze Zahlen geschrieben.“ Die Preise hat sie alle noch im Kopf. „Filetsteak mit Pommes frites 9 Mark, Steak au four 6,85, eine Flasche Grauer Mönch 12,60, eine Cola 55 Pfennig. Dass wir Gewinn machten, ging nur, weil wir so viel Umsatz machten. Die Handelsspanne, wie das damals hieß, war ein Witz. Eine Flasche sowjetischer Sekt kostete im Einkauf 17 Mark und wurde zu 23,40 an die Gäste weitergegeben.“ Das für die DDR-Gastronomie sprichwörtliche Schild am Eingang ‚Bitte warten, Sie werden platziert’ sei nie aufgestellt worden, sagt sie, „so was gab es bei uns nicht. Aber wartende ungeduldige Gäste, das schon.“

Es ist etwas Besonderes, hier zu sein. Für die Gäste. Für Brigitte Lichtenberg. Bei Empfängen serviert sie im Frack. Einen braunen und einen blauen hat sie. „Hab ich auch noch. Aber irgendwas muss mit den Dingern passiert sein, ich pass nicht mehr rein.“ Bis 1984 ist sie „Oberkellner“, dann wird sie „gastronomischer Leiter“. Jetzt steht auch das Telecafé in der Turmkugel unter ihrer Führung. Brigitte Lichtenberg benennt alle ihre Tätigkeiten männlich: Lehrling, Meister, Kellner, gastronomischer Leiter. „Das war damals so, das ist noch so drin. Und wissen Sie, ich bin Frau und emanzipiert genug, ich definier mich nicht über eine Endung.“

Dann kommt die Wende, die Mauer fällt. Der Turm und das Restaurant werden gestürmt wie nie. „Noch am 30. Juni 1990 war der Laden proppevoll. Ich hatte Doppeldienst. Bei uns brannte die Hütte. Das ging seit November so. Die Westberliner und Westdeutschen tauschten gleich hier am Alex ihr Geld und aßen und tranken bei uns für Pfennige. Nie hab ich so viel sowjetischen Sekt und Kaviar serviert! Der Malossol, ein Beluga-Kaviar, da kostete die Dose zu 28 Gramm bei uns 18,90 – Mark der DDR wohlgemerkt – für den Gast waren das keine zwei D-Mark. Wir brachten dann nachts noch die Tageseinnahmen rüber zur Notenbank, da ist heute die Commerzbank drin, holten am 1. Juli frühmorgens unsere erste eigene Ration Westgeld ab.“ Dann öffnen sie. Und der Laden ist leer. Und bleibt leer. „Kein Gast! Es war schrecklich. Alles lief zum Chinesen, Italiener, McDonalds. Keiner wollte mehr unsere klassische deutsche Gastronomie. Nicht für seine neue D-Mark jedenfalls.“

1993 werden die Einrichtungen des Fernsehturms von der Treuhand verkauft und die Mitarbeiter entlassen. Alles macht zu – außer dem Telecafé. Ins Restaurant zieht ein Berliner Lokalsender, in der Selbstbedienungsgaststätte stehen Spielautomaten, ins Ausstellungszentrum kommt ein Fitness-Studio. Für Brigitte Lichtenberg stellt sich die Frage: was kommt jetzt? Arbeitslosigkeit, Gelegenheitsjobs und Frührentnerei, wie für die meisten ihres Alters? Doch sie hat Glück. Der Direktor des Fernsehturms bittet sie, mit ihm gemeinsam die Geschäftsführung des Telecafés zu übernehmen. Brigitte Lichtenberg sagt zu. Es beginnt ein neues Kapitel, für sie und das Telecafé.

„Zuerst mal haben wir die zeitliche Begrenzung abgeschafft. Früher durften die Gäste nur eine Stunde bleiben, eine Nachbestellung war kaum möglich. Das ging so nicht, das ist ungastlich. Wir ließen die Tische schneller drehen, jetzt kommen die Gäste schon in einer halben Stunde einmal rum. Dann kann gehen, wer möchte, denn dann hat der Gast alles gesehen. Oder bleiben, jeder wie er will.“ Sie stellen ein neues Speisenangebot zusammen, organisieren Veranstaltungen. Spargelbrunch, Adventsbrunch, Silvesterparty. Gorbatschow feiert hier seinen Geburtstag und der DGB den Ersten Mai. „Einmal blieben die Fahrstühle stecken und wir mussten evakuieren. Zum Glück war grad Schichtwechsel und ich hatte beide Belegschaften oben. So konnte immer ein Mitarbeiter zehn Gäste unter seine Fittiche nehmen und sie die 986 Stufen runter führen.“

Ende des letzten Jahres wurde Brigitte Lichtenberg verabschiedet. Sie ist jetzt in Pension. Im Ruhestand ist sie nicht. Sie trainiert Lehrlinge für die Jugendmeisterschaften des Hotel- und Gaststättengewerbes. Fährt mit zum „Gipfeltreffen“ auf den Petersberg nach Königswinter. Drückt die Daumen.

Der Fernsehturm, bar jeder Ideologie, steht weiter im Zentrum Berlins. Er war Fußball zur WM, kürzlich war sein Schaft mit Liebesgrüßen bepinselt. Wenn man nah dran steht und hinauf blickt, wird einem schwindlig, und man könnte meinen, er fällt. Tut er aber nicht.

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05:00 01.10.2009

Ausgabe 38/2020

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