Denis Schecks miese Pointe

Literaturkritik Denis Scheck präsentiert bei SWR2 in Götterpose seinen Anti-Kanon der Literatur. Bei der Verbannung von Christa Wolfs „Kassandra“ vergaloppiert sich der Kritiker
Denis Schecks miese Pointe
Bücher im Fernsehen zu präsentieren, ist keine dankbare Aufgabe – es sich anzusehen mitunter auch nicht

Foto: SWR/Christian Koch

Bücher im Fernsehen zu präsentieren, ist keine dankbare Aufgabe. Jemand wie Denis Scheck, der das mit Hingabe tut, bekommt für seine Büchersendung druckfrisch von der ARD die Zeit von kurz vor bis kurz nach Mitternacht. Um diese Zeit ist nichts mehr frisch, am wenigsten der Zuschauer. Weil es keine dankbare Zeit ist, hat er im Bunde mit dem SWR2 aus schierer Verzweiflung über diese Ignoranz gegenüber seiner literaturkritischen Mission eine neue Bücher-Präsentationsidee erfunden und zu einem öffentlich-rechtlichen TV-Beitrag werden lassen: Schecks Anti-Kanon. Der vereinigt die – nach Schecks Meinung – schlechtesten Bücher der Weltgeschichte und zwar „aus Liebe zur Literatur“, weil er „die Diskussion über diese Bücher fördern möchte“.

Der Literaturkritiker als Förderer des Lesens. Wunderbar, das ist Scheck! Die Abenteuerlichkeit der Feststellung, wonach das Schlechteste das Gute fördern soll, sollte man nicht überbewerten. Denis Scheck liebt einfach die Pointen. Damit sein Exorzismus so aussieht, als sei es Gott höchstpersönlich, der auf bestimmte Bücher zornig ist und sie deshalb auf seinen Anti-Kanon setzt, hat er sich ein göttliches Kostüm anmessen lassen: einen weißen Anzug. Der Kritiker als Gott ist ein Rang, den bisher nur der Autor inne hatte, denn die Schöpfung der Romanwelt ist sein Werk. Nicht so kleinlich: Scheck schafft es auch.

„Mein Kampf“ zurückgezogen!

Das erste Buch des Anti-Kanons wurde Adolf Hitlers Mein Kampf. Das ist etwas fahrlässig geurteilt, zugegeben, denn Hitlers Buch ist wahrlich keine Literatur. Weil man das aber automatisch denken könnte, wenn ein so ausgewiesener Literaturkritiker wie Denis Scheck darüber spricht, hat der Südwestrundfunk als produzierende Anstalt die Notbremse gezogen – und das Video zurück.

Es ist offline gestellt, heißt es auf der entsprechenden Seite der Mediathek von SWR 2 und kann nicht mehr „entdeckt“ werden. Gut, dass Denis Scheck sein Tun immer wieder kontrolliert. Ende Juni war als Vierte Christa Wolf mit ihrer Erzählung Kassandra dran. Vorher – Adolf Hitler jetzt nicht mehr mitgerechnet – Paulo Coelho (Der Alchimist), Sebastian Fitzek (Passagier) und nach Christa Wolf noch Johannes R. Becher (Danksagung), Stefan George (Das Reich Gottes) und die mir völlig unbekannte Svende Merian (Der Tod des Märchenprinzen).

Scheck eröffnet seine zornige Wahl damit, dass er Christa Wolf zunächst ihre Humorlosigkeit vorhält. Damit zeigt sich Scheck als gelehriger Schüler seines Meisters Marcel Reich-Ranicki, der dieses schon 1987 in einer ähnlich zornigen Verurteilung von Christa Wolf getan hatte. MRR schrieb in seinem Hausblatt, der FAZ, am 12. November 1987 unter der Überschrift „Macht Verfolgung kreativ?“ über Christa Wolf, die gerade Thomas Brasch zum Kleist-Preis laudatiert hatte: „Den Ruf, Deutschlands hurmorloseste Schriftstellerin zu sein, kann ihr niemand streitig machen.“ Nun, das ist Literaturkritik, also subjektives Urteil und kaum angreifbar. Weder bei MRR noch bei Denis Scheck, seinem treuen Adlatus.

Ein Entstehungs-Kontext bringt keine Hilfspunkte

Wozu den Ernst der Stunde erwähnen, der die Erzählung über die Seherin Kassandra geboren hat: Es waren die Jahre zwischen 1981 und 1983, als Millionen Menschen im Westen Deutschlands – im Osten durften sie es nicht – gegen die Neustationierung von Kurz- und Mittelstreckenraketen in Ost und West protestierten. Allein am 10. Oktober 1981 waren 300.000 Menschen mit Heinrich Böll, Erhard Eppler und Petra Kelly im Bonner Hofgarten zusammengekommen.

Das Stichwort ihres Protests: NATO-Doppelbeschluss. Die NATO zog mit den SS 20-Raketen der Sowjets gleich und die Welt stand am Rand einer atomaren Katastrophe. In Christa Wolfs Erzählung liegt dieser Zusammenhang – wie oft in der Literatur üblich – nicht offen auf der Hand, weshalb Denis Scheck ihn nicht mitgelesen hat oder nicht darüber sprechen wollte. Dieser Bezug ist mythologisch verschlüsselt in der Rede von Kassandra gegen die Absurdität des Kriegs, bei ihr ist es die des Trojanischen Kriegs.

In den vier Vorlesungen, die Christa Wolf ihrer Erzählung beigab, ließ sie keinen Zweifel, dass das verhängnisvolle Wettrüsten von Sowjets und NATO gemeint war, weshalb die Zensur ihr in der DDR-Ausgabe einiges aus den Vorlesungen herausstrich, was Christa Wolf am Ende hinnahm, aber auf Kennzeichnung der Streichungen bestand. Also, die Humorlosigkeit wäre verzeihbar, denke ich, wenn eine Schriftstellerin wie Christa Wolf die Figur der Kassandra aufruft und ihr Kritiker den Zeitpunkt ihres Auftritts mitbedenkt. Aber man muss es nicht. Außerliterarisches muss man nicht berücksichtigen, dann wäre ja bald jedes schlechte Buch entschuldigt, sagt sich der große Kritiker.

Sind alle Männer wirklich „ichbezogene Kinder“?

Was sieht denn Christa Wolfs Kassandra? Dass alle Männer ichbezogene Kinder sind, sagt Denis Scheck und fragt sich, ob dieser Satz für alle Männer gilt. Natürlich nicht, wofür er selbst das Beispiel ist. Aber er übersieht dabei die eigentliche Entdeckung, zu der die Autorin ihrer Kassandra verhilft: dass der Feind ist wie wir, wie sie! Das Wagnis dieser Aussage ging nur in mythologischer Verkleidung, nur mit Berufung auf Homer, sonst wäre ja der Ost-Pakt nicht besser als die NATO und das Buch undruckbar, in der DDR. „Undruckbar“ wäre doch ein wunderbarer Titel, wenn Scheck nicht mit „druckfrisch“, sondern mit seinem Anti-Kanon weitermachen sollte, oder?

Auf MRRs Verdikt, sie sei Deutschlands humorloseste Schriftstellerin, kann Denis Scheck im weißen Anzug nicht verzichten, sonst bekommt er Kassandra nicht in seinen Anti-Kanon. Da gehört sie hin, meint der Literaturkritiker, vertut sich dann aber ein wenig, wenn er in seinem göttlichen Zorn Figurenrede und Autorenrede verwechselt, was bei der DDR-Zensur sehr oft vorkam, denn Scheck greift Kassandras Worte als Christa Wolfs Worte an. Etwa den Satz von den Männern als „ichbezogene Kinder“. Und dass er den trojanischen Krieg bei Christa Wolf nun gar nicht mehr versteht. Gut, aber es ist ja auch kein Geschichtsbuch, das ist dem Kritiker durchgerutscht.

Das Urteil wird gesprochen

Diese Angriffe gegen den allerhöchstens als Gutmenschentum zu bezeichnenden, humorlosen Prosatext münden nach fünf Minuten in ein Urteil: Es handle sich um Mimimi-Prosa! Christa Wolfs Sorge um einen Atomkrieg als Mimosentum zu bezeichnen, ist etwas daneben. Aber jetzt ist der Kritiker im weißen Anzug nicht mehr zu halten: Mit göttlicher Kraft bringt er das im TV-Bild groß aufgebaute Buch mit einem Bündel von Blitzen zum Verschwinden. Weiche, Wotan, weiche!, sagte Wagner. Weiche, Kassandra, weiche!, Denis Scheck. Beim angesagtesten deutschen TV-Kritiker wird aus seinem heiligen Zorn eine Bücherverdampfung. Sein göttlicher Bannstrahl bringt das Buch gewissermaßen blitzartig zum Verschwinden.

Bücher im Fernsehen zu präsentieren, ist keine dankbare Aufgabe. Deshalb sollte man den Präsentator so lange in Schutz nehmen, wie möglich, bevor man ihn kritisiert. Sicher, ganz ohne Kritik kommt man an Teil 4 des Scheck'schen Anti-Kanons nicht vorbei: Der Kritiker übt als Kanoniker sein Amt haargenau so humorlos aus wie er es Christa Wolf nachsagt.

Als Schelmenstreich ist mir sein Anti-Kanon nicht erschienen und als Entdeckungsleistung von SWR2, der Schecks Mission in seine Rubrik „Literatur neu entdecken“ aufgenommen hat, auch nicht. Beim vierten Teil der Suche nach den schlechtesten Büchern der Weltgeschichte könnte man auch denken, es handle sich um ein nachgereichtes Kapitel deutscher (Nicht-)Einheit? Irgendetwas muss den sonst so behutsamen und maßvollen Literaturkritiker schließlich in Fahrt gebracht haben, wenn er sagt: „Christa Wolfs Prosa ist wie sieben Tage Regen an der Ostsee mit Tote Oma, Soljanka und Würzfleisch – eine buchgewordene Sättigungsbeilage!“

Das ist für das heilige Amt des Literaturkritikers ein wenig übers Ziel hinausgeschossen, oder? Da steckt noch etwas Anderes dahinter. Aber was? Dass er sich mit den öffentlich-rechtlichen Leitmedien im Rücken für unangreifbar hält?

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13:20 19.07.2021

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