Deniz Yücel und der Borderline-Journalismus

Medientagebuch Der "taz"-Glossist Yücel hat ein Nordkorea-Propagandafake für echt ausgegeben und will darin nun ein "soziales Experiment" sehen
| Ausgabe 15/2013 13
Irgendwie auch mit von der Partie: Heidi Klum
Irgendwie auch mit von der Partie: Heidi Klum

Foto: Screenshot aus dem gesichteten Propagandafilm

Deniz Yücel ist bei der Berliner taz der Mann fürs Grobe, gelegentlich sogar auch fürs grob Falsche. Er ficht mit der Brechstange, oder wie er vermutlich schreiben würde: der Kotzstange. Niedersachsens abgewählten Innenminister Uwe Schünemann verabschiedete er mit einem Text namens „Tschüss, Kotzbrocken!“ in den Ruhestand, Thilo Sarrazin wünschte er, „der nächste Schlaganfall (gemeint war vermutlich: Tumor) möge sein Werk gründlicher verrichten“, wofür er vom Deutschen Presserat im vergangenen Jahr eine „Missbilligung“ erhielt.

Vergangenen Freitag widmete sich Deniz Yücel auf taz.de dem, was er als „nordkoreanischen Propagandafilm“ beschrieb: „Er kommt wie eine Mischung aus Videoclip und Dokumentation im History Channel daher; Bilder von vorzugsweise amerikanischen Politikern werden mit Kriegsbildern und Szenen aus der ,Konsumwelt‘ zusammengeschnitten und natürlich darf auch der Führer – nicht der Geliebte, sonder der Größte – nicht fehlen, weil erst durch ihn eine Condoleezza Rice ins rechte Licht gerückt wird.“

(Ja, Yücel nennt Adolf Hitler wirklich „den Führer“ — wobei er sich vermutlich so provokativ fühlt wie ein Theaterregisseur, der unbedingt noch das Wort „ficken“ in seiner Inszenierung unterbringen musste.)

Der taz-Redakteur fand, der antiimperialistische Tonfall des Videos klinge „nicht bizarr, sondern vertraut“, und erklärte „die Linke in aller Welt“ zu Brüdern im Geiste der „Genossinnen und Genossen im friedliebenden Nordkorea“.

Bei Facebook gingen die Daumen der Ulf Poschardts dieser Welt hoch, die Geschichte hatte nur einen kleinen Haken: Bei dem „nordkoreanischen Propagandafilm“ handelte es sich nämlich um die Dokumentation Propaganda des neuseeländischen Regisseurs Slavko Martinov. Eine Art Aufklärungsfilm über Propaganda im Allgemeinen. In einem Video-Interview erklärt Martinov, den „nordkoreanischen“ Anstrich habe er gewählt, um etwas Außergewöhnliches zu machen.

So hatten wir es also am vergangenen Freitag im Bildblog aufgeschrieben. Am Abend dann reagierte Yücel mit einem Nachtrag: Zwar sei es „richtig“, dass der Film gar kein echtes Propagandavideo sei, aber das sei „nur die halbe Wahrheit“. Entscheidend sei: „Was hier dargestellt wird, ist die nordkoreanische Sicht auf die westliche Welt“, etwa im Bezug auf den Staat Israel. Und die treffe eben auf Zuspruch, „in den Kommentaren bei Youtube oder auch bei taz.de“, also wohl bei „der Linken in aller Welt“.

Diese Logik hätte dem Stern mal vor 30 Jahren einfallen sollen, vielleicht wäre das Debakel mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern dann nicht ganz so groß geworden. Die Chefredaktion hätte hinterher nur – wie Yücel in seinem Nachtrag – erklären müssen, sie hätte „eine gefakte Rezension über eine gefakte Dokumentation“ veröffentlicht, um ein „soziales Experiment“ zu starten.

Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder Yücel ist auf den Fake reingefallen und macht jetzt aalig den Christian Wulff oder er wusste tatsächlich, wie er behauptet, von Anfang an, dass der Film ein Fake war — dann wäre sein Text Borderlinejournalismus der bedenklichsten Art. Beides keine schönen Gedanken.

Lukas Heinser leitet seit 2010 den Bildblog

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