Denk an die Familie

Die Ratgeberin Überleben im Büro: die fiesen Tricks der Stimmungsmanager
Susanne Berkenheger | Ausgabe 36/2015
Denk an die Familie
Ein bisschen Stimmungsmanagement und schon ist die Welt wieder in Ordnung

Foto: Westend61/Imago

Und plötzlich betreiben sie alle Stimmungsmanagement, auch meine Bürokollegin Amira. „Sobald einem irgendwas die Stimmung versaut“, erklärte Amira kürzlich, „weitet man den Blickwinkel auf seine fünf Lebensbereiche aus: Job, Partnerschaft, Kinder, soziales Umfeld, Bezug zum eigenen Körper. Und dann sagt man sich: Okay, das Bürointernet mag vielleicht oft nicht funktionieren, aber meine Familie, die ist doch toll, und erst gestern Abend habe ich wirklich lecker gegessen. Danach war ich noch mit Freunden unterwegs, die hat das überhaupt nicht interessiert, dass das Internet schon wieder kaputt ist.“

Durch derartiges Denken steigt die Stimmung schnell wieder an. Ist sogar wissenschaftlich erwiesen, sagt der Stimmungsmanagementtrainer Walter Zimmermann. Mit besserer Laune kann man nicht nur besser arbeiten, sondern auch den Anruf bei der Internethotline leichter verkraften. So weit die Theorie. So ein Hotlineanruf, denke ich – nun selbstständig meine Stimmung managend –, ist ja eine geradezu nichtige Angelegenheit, wenn man mal die Perspektive so richtig weitet und über das Universum und das eigene Unbedeutendsein nachdenkt. Bald schon stirbt man, mit oder ohne Internet. Diese Aussicht macht vielleicht miese Laune. So mies, dass ich jetzt folgende Idee habe: Nicht schon wieder rufe ich bei der Hotline an, sondern ein anderer aus unserer kleinen Bürogemeinschaft kann das übernehmen.

Ich springe auf, um den Kollegen einen Besuch abzustatten. „Hey, geht bei euch das Internet auch nicht?“ Erstaunte Gesichter sehen mich an. „Internet? Hab ich heute noch gar nicht angeknipst, weil draußen einfach zu geiles Wetter ist, guck doch mal raus“, rät Holger. Und Amira: „Willst du auch was von dem neuen Chai Latte? Der ist echt genial.“ Damit ist klar: Sie haben kein Internet. Hätten sie Internet, wüsste Holger gar nichts von irgendeinem Wetter da draußen, und Amira würde keinen Chai Latte trinken, sondern wäre in Videokonferenzen verwickelt. Stattdessen betreiben die beiden Fieslinge jetzt Stimmungsmanagement.

Minutenlang stehe ich grübelnd im Türrahmen, weil mir einfach kein rhetorischer Vernichtungsschlag einfällt. Schließlich murmle ich, dass bei dem ständig genialen Wetter allüberall die Felder verdorren und dass ich eingedenk der globalen Dürre auf einen Chai Latte verzichte. Sodann verziehe ich mich in mein Kabäuschen, um dort zwei Stunden lang mit verschiedenen Blickwinkeln zu experimentieren. Sie enden alle mit der Vorstellung, dass ich in einer zu großer Gelassenheit gemanagten Stimmung dem Internet entsagt habe, während die beiden anderen mich verzweifelt um die Nummer der Hotline anbetteln.

Da, die Tür geht auf! Ja, jetzt wollen sie die Hotlinenummer. Nein, doch nicht. Holger brüllt: „Internet! Es geht doch! Weiß gar nicht, was du hast!“ Und verschwindet wieder. Wie bitte? Das Internet geht? Hektisch tippe ich auf dem Notebook herum. Oh Mann, es geht tatsächlich wieder. Verdammt. Jetzt fühlen sich die beiden auch noch im Recht. Wütend klicke ich im funktionierenden Internet herum. Aber nicht lange. Denn schon nach zehn Minuten: Internet wieder weg. Na super. Obwohl ... Ganz langsam steigt meine Laune wieder. Denn das dürfte jetzt auch die beiden Stimmungsmanager überfordern. Das halten die nicht aus. Gleich kommen sie, um mir die Hotlinenummer abzukaufen. Wird nicht ganz billig: Kaffee, Kuchen und eine Zeitung vielleicht.

Von Susanne Berkenheger erschien zuletzt das Taschenbuch Ist bestimmt was Psychologisches. Für den Freitag verteilt sie gute Ratschläge

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