Hanna Gekle
09.07.2010 | 12:25

Denken als Handgemenge

Ernst Bloch Sein bestes Buch entstand in der intensiven Auseinandersetzung mit seiner Zeit: Zum 125. Geburtstag von Ernst Bloch

Am Ende war es die Musik, die ihm blieb: In den Wochen vor seinem Tod bat er fast täglich darum, Beethovens Leonoren-Ouvertüre hören zu dürfen. Und jedes Mal weinte er. Es war schwer, mit ansehen zu müssen, wenn aus diesen erblindeten Augen, die er sonst unter dicken Brillengläsern verborgen hielt, die Tränen hervorbrachen: Stets war es das Trompetensignal im Fidelio, jenes leise sich ankündigende Versprechen der Erlösung aus Qual, Folter und Todesangst, das diese Wirkung in ihm hervorrief. In diesen Klängen verdichtete sich für ihn sowohl der Ursprung des Lebens aus dem Leiden, wie sie zugleich bereits Überwindung und Erlösung versprachen. Nirgendwo mehr als im Trompetensignal war das ansonsten heimat- und ortlose Wunschbild eines erfüllten Augenblickes in der Zerbrechlickeit der Zeit für einen kostbaren Augenblick Realität.

Darüber schrieb er, immer und immer wieder. Bereits mit seinem expressionistisch ungezähmten Frühwerk Geist der Utopie warf er jener politischen und geistigen Welt, die zum Ersten Weltkrieg geführt hatte, den Fehdehandschuh hin. Es begründete seinen Ruf als Denker der Utopie. Kritik brachte es ihm ebenfalls ein: Als „Amoklauf zu Gott“ charakterisierte Max Scheler diesen Entwurf einer neuen Metaphysik, die zugleich eine Metaphysik des Neuen sein sollte, aber am Ende in einer fast kindlich-naiven Frömmigkeit die Ankunft des Himmlischen Jerusalem erwartete. Das sei eine „Schnapsidee“ gewesen, gestand mir der greise Autor zwischen Sherry und Kaffee.

Bereits vor Geist der Utopie hatte er eine neue Summa konzipiert – in Verbindung mit seinem Jugendfreund Georg Lukacs. „Rote Kirchenväter“ seien sie damals gewesen, charakterisierte Bloch selbstironisch diese frühen Entwürfe ihrer philosophischen Systeme. Der Erste Weltkrieg und die Oktoberrevolution sollten aus beiden linksorientierte Theoretiker machen. Trotzdem wahrte Bloch parteipolitisch stets Distanz; er selber gab keinem Drängen auf eine Parteimitgliedschaft nach: als Philosoph, so seine Begründung, brauche er die Position des Exzentrikers, er dürfe nicht im Zentrum der Macht stehen, gleichgültig welcher, wenn er die Freiheit des Denkens sich bewahren wolle.

Am besten bewies er diese Freiheit in Erbschaft dieser Zeit. Es ist ein in jeder Hinsicht ungewöhnliches Buch – und sein bestes: Das Gegenteil einer Summa, sondern „ein Handgemenge“ (Vorwort): erschienen 1935 bereits im Exil, sammelt es kleinere und größere Arbeiten von 1924 bis 1933, die Bloch nicht nur als seismographischen Beobachter für sozialpolitische Prozesse ausweisen, als Beobachter der Zeit im besten Wortsinn. Seine unorthodoxe Art des Sehens ermöglicht ihm verblüffende Analysen der Kunst, Literatur und Philosophie der zwanziger und dreißiger Jahre, die bis heute Gültigkeit haben.

Das war 1935. Warum er diese Freiheit des Denkens verlor und wenige Jahre, aus dem Prager Exil heraus, sich ohne erkennbaren äußeren Zwang, zu den Moskauer Prozessen äußerte und Stalins Partei ergriff, ist mir gerade auf diesem Hintergrund bis heute unverständlich geblieben. Es blieb eine offene Frage – und eine klaffende Wunde, nicht zuletzt für ihn selbst. Das wenigstens bezeugt seine damalige (1968) mehr als unglückliche Entscheidung, durch eine redigierte Fassung diesen Teil seines Werkes zu unterschlagen.

Wirklich berühmt sollte er allerdings erst mit dem Prinzip Hoffnung werden. Geschrieben im Exil in den USA: eine Summa, nicht zuletzt im Stil. So fasst er am Schluss eines jeden Kapitels für den tendenziell ungeneigter werdenden Leser den Inhalt des zuvor Entwickelten mit einem mit „Item“ eingeleiteten Merksatz zusammen. Davon abgesehen besticht Bloch mit verblüffenden Anordnungen seines gewaltigen Stoffes, mit faszinierender Beobachtungsgabe und überraschenden Drehungen in seinen kulturgeschichtlichen Analysen. Trotzdem: die Mischung aus Expressionismus und Dogmatismus ist dem Werk nicht bekommen. Es erscheint als merkwürdiger Zwitter. Nimmt man den ehrgeizigen Titel eines „Prinzip Hoffnung“ ernst, so wird man all jenen Kritikern Recht geben müssen, die sagen: Hoffnung ist kein Prinzip. Aus einem menschlichen Affekt eine neue Metaphysik und Ontologie herleiten zu wollen, ist ein Ding philosophischer Unmöglichkeit. Nimmt man dagegen das Leitmotiv des Prinzip Hoffnung: „Denken heißt überschreiten“ – und dazu Blochs Nachsatz: „Nur freilich fand dieses Überschreiten bis heute nicht sein Denken“, so hätte man es mit einem sehr ehrenvollen philosophischen Projekt zu tun – eben einer Phänomenologie dieser Akte des Überschreitens in der Menschheitsgeschichte, vermehrt um eine erkenntnistheoretische Analyse eines Denkens des Neuen. Indem Bloch jedoch einfach alles in diesem Werk zusammenfließen lässt, bekommt es Züge schlechter Abstraktheit. So bleibt am Ende im Wechsel raunendes Beschwören oder die Flucht in immer höhere Tonlagen: „Große Blochmusik“ hat mit der erkennenden Bosheit alter Freund-Feindschaft dies Adorno genannt.

Als man ihm 1949 einen Lehrstuhl in Leipzig anbot, nahm er ihn an, zögernd. 1955 erhielt er gar den Nationalpreis der DDR, aber bereits ein Jahr später, nach dem Ungarnaufstand, war der Flirt mit der Macht wieder vorbei: Bloch durfte nicht mehr lehren, seine Schüler wurden verfolgt. Nach dem Bau der Mauer, den er zufällig vom Westen aus erlebte, kehrten die Blochs nicht mehr nach Leipzig zurück. Die letzte Station des Denkers war Tübingen. Seine Antrittsvorlesung dort hatte den anspielungsreichen Titel: Kann Hoffnung enttäuscht werden? Ja, sie kann.

Hanna Gekle war Assistentin bei Ernst Bloch. Sie ist Verwalterin des Nachlasses, Mitherausgeberin seiner Briefe und der Leipziger Vorlesungen sowie Autorin von zwei Büchern über Bloch. Sie lebt als Psychoanalytikerin in Frankfurt am Main