Denken wir endlich lokal

Ever Given Das kurze Drama um den blockierten Suezkanal zeigt, wie fragil das Fundament des Welthandels ist
Denken wir endlich lokal
Sechs Tage, vom 23. bis zum 29. März 2021, blockierte das Containerschiff „Ever Given“ den Suezkanal

Foto: Xinhua/IMAGO

Es ist eine Meldung der Superlative: Eines der größten Containerschiffe der Welt verstopft eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt. Die 400 Meter lange „Ever Given“ hat sich im Suezkanal verkantet. Solange sie feststeckt, tut das mit ihr auch die ganze globalisierte Welt. Denn durch den teils nur einspurigen Kanal fahren normalerweise mehr als fünfzig Schiffe pro Tag, rund zwölf Prozent des weltweiten Frachtvolumens wird hier pro Jahr durchgeschleust. Die gigantischen Schiffe transportieren alles, was der asiatische Raum so mit Europa und Amerika handelt, also so gut wie alles, was Sie und ich besitzen und was die Industrie täglich verarbeitet. Zu einem großen Teil ist das Öl. Der Ölpreis schnellte deswegen auch sogleich in die Höhe.

Pro Stunde blockierte die „Ever Given“ Waren im Wert von rund 340 Millionen Euro: Auf viele von ihnen kann die hiesige Industrie eigentlich keinen Tag warten, weil sie direkt nach der Ankunft verarbeitet werden sollten: Just-in-time-Produktion nennt sich dieses Verfahren, mit dem die Produzenten Lagerkosten sparen. Und auch wenn die „Ever Given“ endlich wieder flott ist, werden die Schiffe mit dem ganzen heiß begehrten Zeug an Bord sich noch quälend lange stauen und die Zeitpläne von Häfen und Flotten durcheinanderbringen. Obrendrein verzögert sich der Rücktransport der ohnehin schon knappen leeren Container nach Asien, was zu weiteren Engpässen führen könnte. Das erste Schiff, das angesichts des Superstaus den 3.000 Seemeilen langen Umweg um das Kap der Guten Hoffnung einschlug, war ausgerechnet das Schwesterschiff der „Ever Given“ mit dem bezeichnenden Namen „Ever Greet“ – Tschüss, ihr Trottel, wir grüßen euch!

Am frühen Montagmorgen kam die Nachricht, es sei gelungen, die „Ever Given“ wieder in einen schwimmenden Zustand zu versetzen; geholfen hätten neben mehreren Schlepperbooten auch der Vollmond und die Flut.

Man kann die absurde Havarie nun zum Anlass nehmen, sich zu fragen, ob es so schlau ist, Wohl und Wehe der Weltwirtschaft von einem dünnen Rinnsal in der ägyptischen Wüste abhängig zu machen. Ob es nicht schlauer wäre, statt tankerweise Zeug und Öl um die halbe Welt zu schippern, lokale Produkte zu fördern, erneuerbare Energien auszubauen – und damit wenigstens zu versuchen, die Klimaziele einzuhalten. Oder man kann sich über die Route der „Ever Given“ kurz vor ihrem Malheur lustig machen: Der Kapitän schrieb, während er auf die Einfahrt in den Kanal wartete, mithilfe seines Riesenfrachters die Form eines Penis mit Hodensäcken ins Wasser. Zugegeben: Das ist lustiger.

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06:00 31.03.2021

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