Denkmäler

A–Z Edward Snowden lebt noch und wurde schon auf den Sockel gestellt. Aber wird man durch ein Monument nicht eher vergessen, wie Robert Musil schrieb? Unser Wochenlexikon
Redaktion | Ausgabe 16/2015 1

A

Abgeschoben Wohin denn nun mit den monströsen, platzraubenden Heldendenkmälern – fragte man sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Untergang des Sowjetreichs. Der ungarische Literaturhistoriker László Szörényi hatte eine Idee, und der Architekt Ákos Elöd setzte sie um: Vor den Toren Budapests wurde ein Freilichtmuseum errichtet, der sogenannte Memento-Park: eine private Sammlung jener historischen Relikte. Die gigantischen Statuen von Stalin, Lenin (➝ Gestürzt), Marx, Engels und manch einem namenlosen Soldaten erinnern hier Seite an Seite an den Realsozialismus. Und nicht immer muss es die volle Größe sein. Auf einem Sockel finden sich zum Beispiel nur Stalins Kampfstiefel. Die haben allerdings allein schon monumentale Ausmaße. Sophia Hoffmann

B

Bubbles Nach dem Tod Michael Jacksons entlud sich die Trauer der Fans in München auf besondere Weise. In Ermangelung einer eigenen Statue nutzten sie das Standbild des Komponisten Orlando di Lasso. An dessen Sockel befestigten sie Jacko-Fotos, legten Blumen nieder und stellten Kerzen auf. 2013 bekam der Schrein jedoch für einige Monate Konkurrenz: Der schottische Künstler David Shrigley errichtete ein ähnliches Monument – allerdings für Bubbles, Michael Jacksons Affen. „Bubblesplatz“ nannte sich das Denkmal nur wenige Meter von der Nachbarstatue entfernt, mit Bildchen, Stofftieren und Plastikbananen. Shrigley wollte damit darauf hinweisen, dass der Affe von Jackson schlecht behandelt worden war. Vor allem aber wollte er mit dieser Performance hinterfragen: Wer bestimmt eigentlich über das Erinnern im öffentlichen Raum? So etwas müsse doch eigentlich demokratisch entschieden werden. Der Mitglieder des Münchner Michael-Jackson-Fanclubs waren sauer. Das Denkmal beleidige ihr Engagement und den Sänger selbst. Benjamin Knödler

E

Edward Snowden In einem New Yorker Park haben vergangene Woche anonyme Künstler ein Denkmal für den Whistleblower Edward Snowden errichtet. Die massive Büste wurde auf einem bereits vorhandenen Sockel platziert, der an den US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieg erinnerte. Nun prangte in großen Lettern „Snowden“ darauf. Nur wenig später schritten örtliche Sicherheitskräfte ein, die das Kunstwerk zuerst mit einem blauen Plastiksack verhüllten und schließlich entfernten.

Natürlich hieß es offiziell, jegliche Errichtung eines Denkmals ohne Erlaubnis sei illegal. Schon am Abend legte die Gruppe The Illuminator Art Collective mit einem in den Nachthimmel projizierten Snowden-Hologram nach. Der dreidimensionale Snowden lebte zwar nur 15 Minuten, doch das reichte, um das Werk zu filmen und über die sozialen Netzwerke zu verbreiten. Man wollte damit „auf jene Menschen aufmerksam machen, die ihre Sicherheit im Kampf gegen moderne Formen der Tyrannei aufgeben“, ein Zeichen des Widerstands setzen und die Diskussion um Datenschutz aufrechterhalten. Sophia Hoffmann

Einheit Die meisten Leipziger waren dann nur noch genervt. Zum 25. Jahrestag des Wendeherbsts sollte eigentlich ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in der Messestadt stehen. Doch bereits im Sommer 2014 legte der Stadtrat das Projekt auf Eis. Vorangegangen war juristischer Streit. Der Sieger des 2011 gestarteten Gestaltungswettbewerbs hatte empörte Bürger auf den Plan gerufen: 70.000 bunte, mobile Plastikwürfel sollten aufgestellt werden. Die Menschen sollten durch Verschieben oder Wegtragen das Denkmal verändern können, sie fühlten sich damit jedoch veralbert. Zudem wurde kritisiert, dass der anvisierte Standort gar nichts mit dem historischen Ort der Ring-Demonstrationen von 1989 zu tun habe. Die Stadt startete einen zweiten Wettbewerb, in dem Platz eins mit Platz drei getauscht wurde. Dagegen klagten die ursprünglichen Sieger – und der Stadtrat beendete das Verfahren. Man hatte bis dahin schon etwa 450.000 Euro verbrannt. An einem späteren Denkmalbau will die Stadt festhalten, dabei hat Leipzig schon seit 1999 ein Denkmal zur friedlichen Revolution: auf dem Nikolaikirchhof. Tobias Prüwer

G

Gestürzt Mahnmale werden attackiert, wenn sie Unrecht symbolisieren. Oft wurde etwa in Kapstadt die Statue von Cecil John Rhodes, der als englischer Pfarrer mit Bodenschätzen viel Geld machte, mit Farbbeuteln beworfen. Nun wird das Denkmal, das für die Zeit der Apartheid steht, aus Kapstadt entfernt. Auf dem Firdos-Platz in Bagdad rissen im April 2003 amerikanische Soldaten die riesige Bronzestatue von Saddam Hussein nieder, sinnbildlich für den Sturz des Regimes. Und mitunter werden historische Granitköpfe erst gestürzt und später noch einmal auf den Sockel gehoben. Das 1991 unter Bürgerprotesten abgebaute und in den Berliner Müggelwald gebrachte Lenin-Denkmal am Leninlatz soll für eine Denkmalausstellung wieder auferstehen. Diesem historischen Erinnern steht nichts Ideologisches im Wege (➝ Weltgeschichte), dafür aber Zauneidechsen und Seeadlerpaare. Die leben im Forst, nahe Lenin, die seltenen Adler sollen nicht beim Balzen und Brüten gestört werden. So verhindern Naturschützer, dass Lenins Kopf ausgebuddelt wird – frühestens im Oktober 2015 dürfe er geborgen werden. Der leere Sockel immerhin steht schon. Ist ja auch ein Symbol. Maxi Leinkauf

M

Musil, Robert Das Auffallendste an Denkmälern sei, dass man sie im Alltag gar nicht bemerke, schrieb Robert Musil in seinem Nachlass zu Lebzeiten. Natürlich gebe es Ausnahmen – Statuen, die man in einer fremden Stadt mit dem Reiseführer in der Hand etwa gezielt aufsuche. In der Regel ignoriere man den auf den Sockel Gestellten aber genauso gründlich, wie man bei einem andauernden Geräusch irgendwann nicht mehr hinhöre. Nur warum ehrt man dann Persönlichkeiten auf diese Weise? Musils Antwort: „Es scheint eine ganz ausgesuchte Bosheit zu sein. Da man ihnen im Leben nicht mehr schaden kann, stürzt man sie gleichsam mit einem Gedenkstein um den Hals ins Meer des Vergessens.“ Jan Pfaff

O

Obszön Der Schriftsteller und Zeichner Robert Gernhardt bekam vor zwei Jahren in Göttingen, wo er pubertierte, seinen eigenen Platz. Ein Jahr später hatte die Jury des Satirepreises Göttinger Elch einen Antrag für ein bronzenes Denkmal auf jenem Platz eingereicht. Der Kasseler Bildhauer Sigi Böttcher sollte einen waschmaschinengroßen, onanierenden Kragenbären entwerfen. Als Vorlage dafür diente Gernhardts Reim von 1973: „Der Kragenbär, der holt sich munter / einen nach dem anderen runter.“ Der Antrag wurde abgelehnt. War diese Kunst zu anstößig? Und wer entscheidet so was? Dem Œuvre Gernhardts würde das Denkmal nicht gerecht, bemängelten die anderen. Nur die Linken im Stadtrat fanden, der Onanierbär wäre eine Bereicherung für die kulturelle Vielfalt in Göttingen. Die medialen Berichte befeuerten die Debatte weiter. Später hat man sich geeinigt: Der Kragenbär wird aufgestellt. Gernhardt hätte – so wie ich ihn während meiner Zeit bei der Satirezeitschrift Titanic kennenlernte – fein gelächelt. Elke Allenstein

S

Schutz Eigentum verpflichtet, vor allem bei Baudenkmälern. Wer ein solches Denkmal besitzt, muss es vor dem Verfall schützen. Wer sanieren, alte Türen, eine Treppe oder Fenster ersetzen möchte, muss sich nach denkmalpflegerischen Vorgaben richten. Ob ein Altbau ein Denkmal ist, entscheidet das jeweilige Bundesland. Hauseigentümer empfinden das oft als Bürde, es schränkt ihr freies Handeln (Bauen) ein. Manchmal erfährt der Eigentümer erst an dem Tag, an dem sein Bauantrag auf Veränderung, Erweiterung oder Abriss abgelehnt wird, davon. Vor kurzem scheiterte ein breit angelegtes Bauprojekt für eine Brache im Berliner Hansaviertel am Landesdenkmalamt. Man könnte damit ein Weltkulturerbe zerstören, lautete die Begründung. Dabei steht die Mustersiedlung Südliches Hansaviertel, um die es sich bei dem Bauprojekt dreht, noch gar nicht auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste. Bevor das geschehe, müsse noch mehr geforscht werden. Statt gebaut. Maxi Leinkauf

Selfie Gern nutzen Touristen bekannte Sehenswürdigkeiten für ihre Selbstinszenierung, das war auch im prädigitalen Zeitalter schon so. Geschmacklos wirkt und wird das, wenn es sich beispielsweise um Kriegsdenkmäler handelt, genauer gesagt um das Berliner Holocaust-Mahnmal. Aufgrund seiner imposanten, abstrakten Form – ein endlos anmutendes Stelenfeld – dient es als Steilvorlage für Sprung-, Lehn- und Planking-Selfies, gegenüber denen die Picknicker dort harmlos erscheinen. Besucher, die noch pietätloser daherkommen wollen, kombinieren das Ganze mit Twitter und versuchen sich an fassungslos machenden Hashtags und Hashtag-Schöpfungen wie #holocaust #goodtimes #holiday oder Wortschöpfungen wie #instacaust oder #yolocaust! Bekannt wurden die von US-Basketball-Star Danny Green, der sich zu dem folgendem Twitter-Post hinreißen ließ: #holocaust und #lol (laughing out loud). Darauf folgte ein ausgewachsender Shitstorm und eine öffentliche Entschuldigung. Sophia Hoffmann

W

Weltgeschichte Am Nationalpark National Mall & Memorial Parks in Washington D. C. lässt sich schön erkennen, wie (nicht nur die Vereinigten) Staaten sich am liebsten sehen. Allein die National Mall erstreckt sich – 500 Meter breit – über knapp fünf Kilometer, vom Lincoln Memorial bis zum Kapitol, sie besteht aus Museen (darunter die Smithsonian-Museen, das National Air and Space Museum und die National Gallery of Art), Denkmälern und Regierungsgebäuden. Das Weiße Haus steht um die Ecke. 24 Millionen Besucher jährlich kommen vorbei am majestätischen Obelisken des Washington Memorial, am Jefferson Memorial, am Lincoln Memorial, am National World War II Memorial, an den Denkmälern für die Veteranen des Korea- und des Vietnamkriegs. Auch Martin Luther King hat sein Memorial (der Marsch auf Washington!). Mit solcher Heldenverehrung meißelt man sich sein Geschichtsbild in Stein. Wozu sind Denkmäler da? Am liebsten nicht nur zum nationalen Gedenken. Benjamin Knödler

Z

Zorn „Hol den Vorschlaghammer! / Sie haben uns ein Denkmal gebaut“: In ihrem Song Denkmal warnt die Band Wir Sind Helden bereits auf ihrem Debütalbum Die Reklamation (2003) vor der eventuellen Glorifizierung. Es sollen die schlechtesten Sprayer der Stadt noch die Trümmer besprühen. Kein schlechter Zug für eine Gruppe, die gern mal mit Guerillamarketing arbeitet. Womöglich ist der Song ja nur ein geschickter Vermarktungsschachzug? Der vorweggenommene Denkmalsturz (➝ Gestürzt) kann aber auch für die eigene Psychohygiene gedacht sein. Und wenn du lange zum Denkmal aufblickst, blickt das Denkmal auch in dich hinein, könnte man Friedrich Nietzsche paraphrasieren. Man glaubt einfach irgendwann selbst ans Beweihräuchern.

Weniger zornig, eher ironisch, hat der Cartoonist Hans Traxler für das Frankfurter Mainufer ein „Ich-Denkmal“ entworfen. Auf dem Steinsockel prangt ein schlichtes „ICH“. Über eine dahinterliegende Treppe können Passanten diesen besteigen und sich kurz berühmt fühlen. Oder ein Foto machen, als Warnung vor Selbstüberhöhung. Tobias Prüwer

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06:00 29.04.2015

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