Denksport

Betrug Fälschungen sind das Ergebnis einer irrigen Wissenschaftspolitik

Wieder einmal erschüttert ein Fälschungsskandal die Wissenschaft: Auch ältere Arbeiten des südkoreanischen Klonforschers Hwang Woo-Suk, lange als Durchbruch in der Stammzellforschung gefeiert, sind sämtlich als unhaltbare Konstruktionen entlarvt worden. Nun steht Hwang als schwarzes Schaf der Wissenschaft da, das von Eitelkeit und nationaler Prestigesucht getrieben wurde. Ansonsten herrscht Ratlosigkeit: "Es ist schwierig, in dieser sich schnell entwickelnden Story klar zu sehen", heißt es im Editorial der Januar-Ausgabe von Nature Biotechnology.

Das Gegenteil ist der Fall. Denn derartige Fälschungen sind kein Unfall, sondern ein Fehler im Wissenschaftssystem, wie es sich im 20. Jahrhundert entwickelt hat. Der Wissenschaftshistoriker Federico di Trocchio hat in seinem Buch Der große Schwindel schon vor über zehn Jahren richtig festgestellt, dass "die Verfügungsmacht der Finanzierungsgremien über die Forschung jene intellektuelle Autonomie beseitigte, die Wissenschaftler und Künstler immer gefordert hatten". Forschung ist längst Bestandteil nationaler Wirtschaftspolitik im Wettbewerb der "Standorte" geworden, intellektueller Rohstoff auf der Jagd nach raschen Innovationen, ohne die der moderne Kapitalismus nicht mehr auskommt.

Das landläufige Bild von Wissenschaft hat mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten. Daran ist der Wissenschaftsbetrieb nicht unschuldig. Noch immer werden Entdeckungen als Heldensagen zelebriert, in denen geniale Geister der Natur ein wenig Wahrheit ablauschen, ohne auf materielle Vorteile aus zu sein. Das mag bis zum 19. Jahrhundert gegolten haben, in dem Köpfe wie Dalton, Darwin oder Maxwell die Grundlagen ihrer Wissenschaften erarbeiteten. Einstein ist wahrscheinlich der letzte dieser Art gewesen, der seine bahnbrechenden Theorien nicht in einem ökonomisierten Forschungskomplex entwickelte, in den die Universitäten schon eingebunden waren.

Fälschungen ausschließlich auf einen kapitalistischen Kontext zurückzuführen, greift jedoch zu kurz. Mit verantwortlich ist auch die Art und Weise, in der die Wissenschaft ihre Arbeit selbst begreift. Indem Theorien sich immer weiter ausdifferenzieren, schrumpft der Spielraum für Unvorhergesehenes. Der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn hat - zum Ärger der forschenden Geister - die normale Wissenschaft als "Rätsellösen" charakterisiert: Es geht nicht darum, interessante Fragen aufzuwerfen, sondern fehlende Antworten zu finden. Forschung wird zum Denksport, wie schon jeder Student der Naturwissenschaften früh lernen muss: Experimentelle Ergebnisse, die nicht zur Theorie passen, gelten zuerst als persönliches Unvermögen und nicht als Möglichkeit, dass eine Theorie die komplexe Wirklichkeit einer Versuchsanordnung nur unvollständig beschreibt. So wandelt sich Wissenschaft von der Suche zum Engineering von Wahrheit - ganz im Sinne unseres von Technik durchdrungenen Zeitalters, in dem praktische Verwertbarkeit von Erkenntnissen oberstes Gebot ist.

00:00 20.01.2006

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