Denn bitter ist der Tod

Russlands Finanzwelt verunsichert Der "Fall Koslow" macht nicht nur die Banker nervös

Die Erschütterung über den Mord an Andrej Koslow ist noch nicht vorbei - der Vizepräsident der Russischen Zentralbank war am Abend des 13. September auf einem Parkplatz im Nordosten Moskaus von Auftragskillern erschossen worden. Lange nicht starb in Russland ein so hoher Beamter bei einem Attentat.

"Andrej Koslow bereitete einer gewissen Sorte von Finanzinstituten Probleme", ist der frühere Zentralbankchef Viktor Geraschenko überzeugt und spielt darauf an, dass der Betreffende seit 2004 über 100 Banken die Lizenz entzogen hat, weil sie in Geldwäsche und "graue Importe" verwickelt waren. Mit "grauen Importen" sind Finanzoperationen bezeichnet, bei denen - um Zollgebühren zu senken - Import-Papiere gefälscht und Waren oder Dienstleistungen unterhalb ihres tatsächlichen Preises gelistet werden. Da aber den Exporteuren im Ausland der reale Warenwert gezahlt werden muss, stellen die Banken fiktive Zahlungsbescheinigungen an Händler in Drittländern - meist GUS-Staaten - aus. Dass der Mord an Koslow etwas mit dessen hartem Kurs gegenüber derart inkriminierten Bankern zu tun hat, daran zweifelt in Moskau kaum jemand. Vor kurzem noch ließ der Ermordete wissen, beim Entzug von Lizenzen werde es "vermutlich in diesem Tempo weitergehen".

Wladimir Pribylowski, Präsident des Analyse-Zentrums Panorama, hält Koslow, trotzdem für keine Lichtgestalt: "Ein korrupter Beamter, wie alle Beamten der Jelzin- und Putin-Ära." Mitte der neunziger Jahre hatte Koslow die GKO-Staatsanleihen erfunden, ein Kreditsystem, das zum Auslöser der Finanzkrise von 1998 wurde.

Schon mehrfach in diesem Jahr haben Politiker wie Innenminister Raschid Nurgalijew gewarnt, das organisierte Verbrechen und die Korruption erreichten wieder Ausmaße wie vor zehn Jahren und bedrohten die nationale Sicherheit. Da stellt sich zwangsläufig die Frage, warum der Staat trotz der von Wladimir Putin aufgetürmten Machtpyramide gegenüber der Mafia oft hilflos agiert. Schließlich erklärt der Präsident selbst, es gäbe viele "problematische Banken", die sich "kriminellen Zielen" verschrieben hätten. Jeden Monat würden von diesen Instituten Milliarden Dollar gewaschen, ins Ausland transferiert oder für "terroristische Aktivitäten" in Russland investiert. Es müsse daher eine Neufassung der "normativ-rechtlichen Basis für die Arbeit der Banken mit ihren Klienten" geben.

Mit der Korruption kann es banal anfangen. Wer - ohne Schlange zu stehen - einen Arzt konsultieren will, zahlt in Moskau 500 Rubel (15 Euro). Wer auch noch gut behandelt sein möchte, gibt ein Mehrfaches. Und wer betrunken am Steuer sitzt, kann sich unter Umständen bei der Miliz mit 300 Dollar freikaufen. Nach einer Umfrage des Instituts für öffentliche Meinung räumen 28 Prozent der Befragten ein, schon einmal Bestechungsgelder gezahlt zu haben, 60 Prozent konnten sich des Eindrucks nicht erwehren, die Korruption habe wieder an Boden gewonnen. Besonders anfällig seien Polizei, Zoll und andere Sicherheitsorgane.

Für den erwähnten Wladimir Pribylowski sind Mafia und Business in Russland eng verflochten. "Bei uns gibt es praktisch eine Clan-Ökonomie. Das heißt, keine rein kommerziellen und keine reinen Mafia-Gruppen." Hohe Staatsbeamte seien dank der eigenen Familie oft zugleich Businessmeni. Moskaus Bürgermeister Juri Lushkow etwa habe selbst kein Vermögen. "Offiziell besitzt er nur eine Garage. Alles andere gehört den drei Kindern und seiner Gattin." Und dass Jelena Baturina die reichste Frau Russlands sei, habe wohl nicht nur mit ihrem unternehmerischen Geschick zu tun.

Seit Jahren bereits streben kriminelle Autoritäten in regionale Parlamente und versuchen, ihr illegal erworbenes Geld zu legalisieren, indem sie Firmen gründen oder sich in der Industrie einkaufen. Nach einem Bericht des Innenministeriums gibt es in der gesamten Föderation heute 100 derartiger Netzwerke mit 4.000 Mitgliedern sowie etwa 200 Wory w sakonje (wörtlich: Diebe, die sich an das Gesetz halten), die sich als Ideologen krimineller Strukturen verstehen und bei Streitigkeiten gern als Schiedsrichter auftreten. Die meisten Wory w sakonje sind in Zentralrussland unterwegs, aber auch in Moskau und Petersbug sowie in den südrussischen Regionen um Krasnodar und Stawropol präsent - ihre Kontakte reichen in 40 Länder.

Um zum "Fall Koslow" zurückzukehren - trotz des von Wladimir Putin verfeinerten Sicherheitsregimes bleibt die Zahl der Auftragsmorde konstant hoch. Nach Angaben der Regierung wurden allein im Vorjahr 62 solcher Anschläge verübt, inoffizielle Quellen sprechen von über 800. Ein Killer lässt sich schon für 300 Dollar engagieren. Vielfach locken die Auftraggeber mit dem Hinweis, das Opfer trage viel Geld bei sich - der Täter dürfe dies als Aufschlag zum Honorar behalten.

Den Kampf gegen das organisierte Verbrechen werde man "nie beenden", erklärte Präsident Putin am 13. September, als er die Entlassung von 19 leitenden Beamten aus der Generalstaatsanwaltschaft, dem Zoll und der Präsidialverwaltung bekannt gab, die wegen einer mutmaßlichen Schmuggel-Affäre des Moskauer Möbelimporteurs Tri Kita ins Straucheln kamen. Es war zufällig der Tag, an dem Zentralbanker Andrej Koslow erschossen wurde und viele ausländische Geschäftsleute in Moskau zu verstehen gaben, sie fühlten sich verunsichert. So meinte Andreas Schwung, Chef der Commerzbank-Tochter Eurasija, es sei jetzt eine "adäquate Reaktion des Staates nötig, um Vertrauen nicht zu erschüttern. Die Angst im Bankensektor hat zugenommen, weil wir mit Mord in unserer Branche nicht mehr gerechnet haben."


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 29.09.2006

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare