Depressive aller Länder ...

Offen stehende Türen Ein Plädoyer für "Programme", die von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz vertrieben werden

Gerade kommt für Frank Castorfs neue Inszenierung Forever Young zu den Wiener Festwochen ein neues Programm heraus, diesmal eine Mischung aus Textbuch und Progammatik. Abgedruckt wird das Bühnenmanuskript nach Tennessee Williams Süßer Vogel Jugend, übersetzt von Nina Adler, dazu Deklarationen von Castorf selbst und von einem jener Philosophen, die die Volksbühne in ihren Programmen öfter zu Worte kommen lässt, Diedrich Diederichsen: "Statt eben das Theater zu erweitern und in die Welt zu tragen, lässt Castorf einfach die Türen offen und den gesellschaftlichen Wind hineinblasen."

Keine Programme mehr! Handeln, Handeln, Handeln ruft es von ganz rechts bis ganz links. Ohne Programme? Programm - griechisch Plan -, das ist die Darlegung von Grundsätzen. Ein Programm muss man haben und nachlesen können, damit man weiß, was gespielt wird, wer spielt, was dahinter steckt. Die Leute, die in ein Theater gehen, kaufen das Programm, sie meinen, es zu brauchen.

Je nach Status einer Bühne fallen die Programm-Zettel, -Hefte; -Bücher unterschiedlich aus. Das reicht vom kopierten Din A 6 Blättchen für feine kleine Szenen bei den Polnischen Versagern in Berlin-Mitte bis zu ganzen Textbüchern mit Kommentar.

Schön wie Partituren und gewichtig wie die Manifeste der revolutionären Moderne können Programmhefte sein. Mit dem letzten Programmheft des Berliner Ensembles Die Mutter von Brecht nimmt man den Text mit allen Strichen samt Kleingedrucktem - "Das reichste Fünftel der Weltbevölkerung verdient 74-mal so viel wie das ärmste Fünftel" - und den strengen Trost Brechts mit nach Hause: Was eure Mutter euch sagte/Das war unverbindlich/ Die Esser sind vollzählig/Was hier gebraucht wird, ist Hackfleisch/(Aber das soll euch nicht entmutigen).

Programmhefte werden herausgegeben von den Dramaturgen, den Theoretikern im Theater, die seit Lessing um ihre Existenzberechtigung kämpfen. Oft sind die Texte sogar sehr gut und keiner merkt es. Man lässt an einem mittleren Theater in der Erwartung von 20 Vorstellungen 1.500 bis 2.000 Programmhefte drucken; Preis heute: ein bis fünf Euro. Im Halbdunkel des Zuschauerraums werden sie durchgeblättert, während der Pause bis in die Toilette mitgeschleppt, zu Hause noch einmal kurz auf ihren Wert überprüft, irgendwo abgelegt und vergessen.

Mit einigen Programmheften aus Castorfs Volksbühne geht es mir anders. Ich schlage sie nach Wochen wieder auf, weil ich etwas suche, was ich in einem anderen Zusammenhang brauche, zum Beispiel Boris Groys´ Theorie vom Verdacht als Medium. Ich lese noch einmal nach wegen der neuesten Verschwörungstheorien. Auch seine Überlegungen zur Herkunft von Terroristen beschäftigten mich, Hyper-Elite, hat er Recht?

Der Volksbühnen-Dramaturg Carl Hegemann hat eine Reihe von bisher fünf Heften im Courbusier-Format herausgegeben. Von allen Heften wurden 7.500 Stück gedruckt und zum großen Teil verkauft. Die Büchlein werden auch im Buchhandel in ganz Deutschland vertrieben. Dort kosten sie sechs Euro; im Theater kosten sie drei. Die erste Auflage des ersten Heftes Endstation Sehnsucht ist vergriffen, jetzt wurden noch einmal 7.500 Exemplare nachgedruckt. Das ist ungewöhnlich viel. Was macht diese Büchlein so begehrt?

Erstens kommt das von der Form. Da ist eine geistvolle Helligkeit zu spüren. Ein handliches Format, die Schrifttypen, der klare Satz, die Lesbarkeit, der überraschend anrührende Reiz der scheinbar dem Thema fremden und uns doch so ganz nahen Abbildungen. Farbfotos von gestrickten, oder aus Blech oder Glasperlen gebastelten Kleinkunstwerken zum Beispiel, die nach Glückssehnsucht aussehen, aus Afrika, Brasilien, Warschau und Prag, eingefügt zwischen die Philosophie, reine naive Direktheit und komplizierte Denkvorgänge gegeneinander. Ist es das?

Es kommt auch daher, dass wie mit Gongschlägen auf den Titeln etwas versprochen wird, was weit über sonstige Theaterprogramme hinausgeht. Die Volksbühne verhält sich raumgreifend an breiten kulturpolitischen Fronten, man schafft sich Verbündete von der Obdachlosenbühne Die Ratten bis zu den Professoren aus Karlsruhe. Man sagt gerne zum Haus, "das alte Schlachtschiff", und es ist erlaubt, von einer andauernden geistigen "Um- und Aufrüstung" zu sprechen.

Der Dramaturg Carl Hegemann organisierte in den letzten Jahren Vortragsreihen und Diskussionsrunden im Roten Salon zum Thema Kapitalismus und Depression. Aus diesem Material entstanden die Hefte: Endstation Sehnsucht nach Tennessee Williams, Glück ohne Ende zu den Elementarteilchen nach Houellebecq und Erniedrigung genießen zu Erniedrigte und Beleidigte nach Dostojewski. Aus dem Material der Reihe Politik und Verbrechen gingen hervor: Einbruch der Realität zu Meister und Margarita und Ausbruch der Kunst zu Schlingensiefs Atta Atta. Das dritte Heft steht noch aus.

Der Erfolg der Hefte hängt wahrscheinlich mit den Eigenheiten der Volksbühne zusammen, damit, dass wir in den Aufführungen fühlen, was Jens Roselt im Heft III unter Theorie über die Scham schreibt: "... hier setzt sich jemand im wahrsten Sinne des Wortes aufs Spiel, kommt aus der Reserve und riskiert sich vor anderen." Deshalb verlangt uns mehr als sonst nach zusätzlichem geistigen Futter, weil wir nicht einfach bestätigt und befriedigt werden, sondern angestoßen und aufgeregt deutungsgieriger sind.

Viele Besucher kaufen die Hefte zu den Stücken nicht gleich, erst später, irgendwann, wenn sie wieder einmal in der Volksbühne sind und es dann doch genauer wissen wollen. Sie erscheinen nicht als Information über eine Inszenierung sondern als Lesestoffe moderner Philosophie, der Inszenierung hinzugefügt, ihr übergeordnet sogar.

Zu Wort kommen Philosophen wie Peter Sloterdijk, Bazon Brock, Boris Groys, Guillaume Paoli und andere. Künstler wie Castorf selbst oder der Schauspieler Bierbichler, auch Sophie Rois werden in der Auseinandersetzung mit ihnen zitiert. Niemand von den Schauspielern, die bei den vorbereitenden Diskussionen zu Schlingensiefs Atta Atta, abgedruckt in Ausbruch der Kunst, an solchen Diskussionen teilgenommen haben, könnte sagen, was davon nun wirklich in die Inszenierung eingeflossen ist. Aber diese Extra-Philosophie-Hochschule für die Volksbühne ist wichtig, auch wenn die Kunstpraktiker im Augenblick der Irritation durch die Theorie das nicht immer glauben möchten.

Die Bücher zum Film Dämonen (Alexanderverlag) und das von Lenore Blievernicht im eigenen Verlag Synwolt hergestellte Buch zu Der Idiot vermitteln vielleicht packender die Poesie der Bilder, die Erschütterungen, die von den Figuren und ihrer Sprache auf uns Heutige übergehen: "... Deine Freiheitsliebe muss die falschen, aufgezwungenen Werte überwinden..." (Lisaweta in Der Idiot) Aber die kleinen Philosophiebüchlein haben es ebenfalls in sich.

Das Publikum der Volksbühne, das diese Hefte erwirbt und liest, besteht immer noch zu einem großen Teil aus Selber-Kunst-Machern, aus Studenten, Arbeitslosen, die eine geistige Heimat suchen, aus verstoßenen Ost-Intellektuellen und jugendlichen Anhängern einer Popkultur mit politischem Anliegen. Das sind nicht alles Leser der großen und teuren Kunstzeitschriften oder die Käufer der philosophischen Schriften vom Merve Verlag. Die Materialien der Volksbühne, ausgelegt auf großen Tischen im Haus, sind für sie vielleicht leichter handhabbar, für mich auch.

Mark Siemons, einer der Autoren im Heft I drückt das schön aus: "Der Weltgeist ..., hat die Dichter des Prenzlauer Berges verlassen, aber er sitzt in der Volksbühne." Da ist eine Art Malik-Verlag-Tradition aufgekommen, es passiert eine gewisse Popularisierung aktueller Theorien. Ja, die ist nicht "umfassend und ausgewogen". Aber neben den Stücken läuft der Diskurs immer weiter. Neulich erst an zwei Abenden Im Westen was Neues, an denen lebende und lehrende Philosophen an kleinen, schwarz verhängten Tischchen saßen, jede Hoffnung fahren ließen, und zum Beispiel verkündeten, dass der Faschismus im Gewande der Demokratie wiederkehre (Bazon Brock) und Europa eine neue Utopie gebären müsse (Groys).

Die klassische Kultur des Dialoges im Widerspruch wird in diesen "Programmen" gepflegt. Während Alain Ehrenberg in Kapitalismus und Depression I behauptet: "Depression ist die Melancholie in einer Gesellschaft, in der alle gleich und frei sind", stellt sich Guillaume Paoli in Kapitalismus und Depression III dem entgegen: "Ich glaube nicht, dass wir im Reich der Gleichheit und Freiheit leben ..." Kampf sei angesagt. "Um den kämpferischen Geist zu stärken", müsse man üben, "Typen in der Öffentlichkeit: Besatzungstruppen, Kollaborateure, Gewinnler, Agenten der Zeit ... von einfachen Besatzungssoldaten, nervende Marketinganrufer vom ›Obersturmdesigner‹ zu unterscheiden."

Im Heft Ausbruch der Kunst wird nicht davor zurückgescheut, die These von der Kunst als Waffe noch einmal anzuheben, und kräftig beharren die Leute von der Jackson Pollock Bar aus Freiburg auf dem Existenzrecht von Theorien überhaupt: "Der Geschäftszweck ist die Installation von Theorien. Wir stellen sie aus wie geliebte Gegenstände oder Beleuchtungskörper oder wie Inseln im Meer ... Depressive aller Länder vereinigt euch ... Systemtheorie ist das beste und vermutlich einzige Antidepressivum."

00:00 20.06.2003

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